„Menschen sterben nicht, weil sie kein Organ bekommen, sondern weil sie todkrank sind“

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Pfarrer Wolfgang Raiser (Foto: Vera Romeu)
Schwäbische Zeitung

Das Thema ist in aller Munde, es prangt an großen Werbeplakaten, die Diskussion wird in der Gesellschaft emotional geführt, die Rede ist von der Organspende. Am kommenden Donnerstag, 4. Oktober, um 20 Uhr, stehen im Paulussaal die evangelische Theologin Christiane Kohler-Weiß und der Diplom-Psychologe Professor Harald Rau unter der Moderation der Geschäftsführerin des Evangelischen Bildungswerks Oberschwaben, Brunhilde Raiser, den Bürgern Rede und Antwort. Die Veranstaltung findet in Kooperation mit dem Evangelischen Krankenpflegeförderverein statt. SZ-Mitarbeiterin Vera Romeu sprach mit Pfarrer Wolfgang Raiser über die Problematik der Organspende.

SZ: Ist diese Frage, die zurzeit die Gesellschaft bewegt, tatsächlich eine kirchliche Frage?

Pfarrer Raiser: Wir haben zu dieser Podiumsdiskussion eingeladen, weil es ein brennendes Thema ist. Im Frühjahr wurde ein Gesetz verabschiedet, das dazu beitragen soll, die Bereitschaft zur Organspende zu fördern. Künftig werden sich Menschen dazu aktiv verhalten müssen. Es geht in dieser Veranstaltung zum einen darum, die Gesetzeslage und die offizielle Meinung der Evangelischen Kirche kennen zu lernen. – Es geht aber zum andern nicht darum, zu sagen, wie man als Christ handeln soll, was richtig oder falsch ist. Es geht um die Frage, ob das Organspenden ein Akt der Nächstenliebe sein kann, oder sein muss und welche Fragen sich dabei noch stellen.

SZ: Was ist es nun: Ein Akt der Nächstenliebe oder nicht?

Pfarrer Raiser: Es kann ein Akt der Nächstenliebe sein, es muss aber respektiert werden, wenn jemand sagt, er lehnt die Organspende ab, er gibt die Organe seines Angehörigen nicht frei – und auch nicht seine eigenen. Zurzeit wird in der Gesellschaft mit der emotionalen Werbekampagne „Schenk mir Dein Herz“ subtil Druck gemacht. Im Umkehrschluss suggeriert es nämlich, dass man herzlos ist, wenn man seine Organe nicht spendet. Darum kann es ja nicht gehen, das stößt auf.

SZ: Aber es heißt doch, dass Menschen sterben, weil sie kein Organ bekommen, das sie retten könnte.

Pfarrer Raiser: Das ist wieder so eine Art moralischer Druck: Die Menschen sterben nicht, weil sie kein Organ gespendet bekommen, sondern weil sie einfach todkrank sind. Die Vorstellung, dass ein Mensch ein unbegrenztes Ersatzteillager ist und so funktioniert wie eine Maschine, in der man Teile einfach so auswechseln kann, ist kein verantwortliches Menschenbild. Neben dem Menschenbild geht es auch um das Sterben an sich, da sind sich die Mediziner nicht mehr einig, ab wann ein Mensch wirklich tot ist.

SZ: Bisher galt doch der Begriff „Hirntod“ oder?

Pfarrer Raiser: Es gibt inzwischen Wissenschaftler, die ernsthaft daran zweifeln und sich fragen, was nimmt der Sterbende noch wahr, wenn keine Hirnreflexe mehr festzustellen sind? Es ist ein Irrtum einfach zu sagen, ein Hirntoter sei tot. Das ist komplizierter geworden. Es ist auch insgesamt ein Widerspruch: Zum einen gründet man immer mehr Hospizvereine, begleitet bewusst und intensiv die Sterbenden und ihre Angehörigen, schult Ärzte und Pflegeteams für den sensiblen Umgang mit Sterbenden. Die Organspende macht dies alles zunichte, weil es da schnell-schnell gehen muss, da kürzt man den Sterbeprozess empfindlich ab, lässt dem Sterbenden und den Angehörigen nicht die notwendige Zeit, um loszulassen, um Abschied zu nehmen, und legt dadurch einen Schleier über die einsetzende Trauer, der sich später als sehr belastend erweisen kann. Man nimmt dem Sterben die Würde. Gleichzeitig kann eine Organspende einem anderen Menschen ein Weiterleben ermöglichen.

SZ: Wen betrifft diese Frage der Organspende in der Gesellschaft?

Pfarrer Raiser: Alle, deshalb sind auch alle zur Podiumsdiskussion eingeladen. Junge Menschen und ältere müssen sich damit auseinander, Organe und Gewebe sind für die Medizin immer interessant zu transplantieren. Es kann auch sein, man muss plötzlich für einen Angehörigen entscheiden, der zum Beispiel einen Unfall gehabt hat. Uns ist es wichtig, intensiv über alle Fragen und Facetten der Organspende zu diskutieren, aber die Emotionen zu vermeiden. Deshalb haben wir bewusst keine Notfallmediziner, keinen Transplanteur und keine Betroffenen auf das Podium eingeladen.

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