Mengen bekommt eine Suchtberatungsstelle

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Computerspiele und Spielkonsolen können für Jugendliche zur Sucht werden. Diese Gruppe zu erreichen, ist nicht einfach.
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Jennifer Kuhlmann

Die Stadt Mengen soll eine Außenstelle der Suchtberatungsstelle Sigmaringen bekommen. Das haben Gemeinderat und Stadtverwaltung in der Sitzung am Dienstag beschlossen. Hintergrund ist der wachsende Beratungsbedarf aus Mengen, vor allem in den Bereichen Spielsucht und Neue Medien. Die Beratungsstelle soll zunächst in der Hauptstraße 116 unterkommen und von einer Fachkraft mit 30 Prozent organisiert werden. Bei der Finanzierung will die Verwaltung zunächst einmal den Kreis Sigmaringen in die Pflicht nehmen.

„Spielsucht kann ganze Familien in den Ruin treiben“, brachte Bürgermeister Stefan Bubeck den Handlungsbedarf auf den Punkt. Schließlich habe es schon Fälle gegeben, bei denen eine Familie obdachlos geworden ist, weil ein Familienmitglied Hab und Gut verspielt hatte. „Da müssen wir auch als Kommune eine gewisse Verantwortung übernehmen“, so Bubeck. Aus diesem Grund sei auch die Vergnügungssteuer im Jahr 2009 auf 25 Prozent angehoben worden. Zwar seien die Spielautomaten in Spielhallen von über 70 Geräten auf 42 deutlich weniger geworden, dafür sei die Zahl in den Gaststätten um zehn auf 30 gestiegen. „Der Umsatz, der mit den Automaten gemacht wird, ist weiter hoch“, sagt Hauptamtsleiterin Sabine Reger.

Klaus Ernst Harter, der Leiter der Suchtberatungsstelle Sigmaringen, hatte Zahlen mitgebracht, die die Notwendigkeit einer Außenstelle in Mengen untermauern: Im vergangenen Jahr suchten 73 Menschen aus Mengen und der Umgebung die Beratungsstelle in Sigmaringen auf, davon 17 unter 25 Jahren. „In diesem Jahr sind es bereit 80, davon 16 unter 25 Jahren und sechs pathologische Spieler“, zählte Harter auf. Im Vergleich zu anderen Gemeinden sei der Bedarf nach Suchtberatung in Mengen sehr hoch.

Pilotprojekt könnte in Mengen starten

Harter geht davon aus, dass eine Fachkraft die Beratungsstelle in Mengen mit einer 30-Prozent-Stelle führen kann. In Gesprächen mit den Verantwortlichen im Jugendhaus und der Schulsozialarbeit haben sich die Schwerpunkte Spielsucht und Neue Medien bestätigt. „Hier wollen wir anknüpfen, Bewusstsein schaffen, Familien beraten und Netzwerkarbeit leisten“, so Harter. Denkbar wäre auch, den von der Suchtberatung entwickelten „Mediacheck“ zur Prävention und Früherkennung im Bereich neuer Medien als Pilotprojekt in Mengen zu starten.

Kosten würden die Beratungsarbeit jährlich etwa 20000 Euro. Bei der Finanzierung will die Stadtverwaltung auch den Kreis in die Pflicht nehmen. „Wir wollen nicht, dass sich der Kreis aus der Verantwortung stiehlt“, so Bubeck. Er fordert außerdem Gleichbehandlung mit den Außenstellen in Gammertingen, Bad Saulgau und Pfullendorf. Erst nach Gesprächen mit dem Landratsamt will Bubeck einen Beschluss zu den Finanzen fassen. Die Beratungsstelle will er am liebsten gleich zu Beginn des neuen Jahres einrichten. Der Nebenraum des städtischen Archivs in der Hauptstraße 116 soll zur Beratungsstelle werden. Denkbar wäre auch eine Integration in das geplante Kinderhaus. Hier wollten sich die Räte aber noch nicht festlegen.

Harter setzt in den Kreis derzeit keine großen Hoffnungen. Im Gegenteil: Er hat das Gefühl, dass gerade die wertvolle und mehrfach ausgezeichnete Arbeit der Festkultur-Projektgruppe zerbricht. „Martin Klawitter, unser wichtigster Mann für Praventionsarbeit bei der Polizei, geht bald in Rente“, so Harter. Er will gehört haben, dass Präventionsarbeit nicht zu den Aufgaben des Nachfolgers zählt und die nun aus Konstanz gesteuert wird. „In der Praxis wird das nicht möglich sein“, glaubt er.

Martin Klawitter selbst will die Zukunft nicht ganz so schwarz sehen. „Es stimmt, dass gerade viel umstrukturiert wird“, sagt er und will nicht über ungelegte Eier sprechen. Es könne aber sein, dass seinen Kollegen nach seiner Pensionierung in etwa einem halben Jahr der Freiraum für Präventionsarbeit im Sinne der Festkultur-Projektgruppe eingeschränkt sein könnte. „Von der Polizei wird mehr Pflichtprogramm gefordert“, sagt er. Gemeint sind Schulprojekte zu den Themen Gewalt, Sucht und Medien. Weil neben ihm selbst auch andere Kollegen in den Ruhestand verabschiedet würden, stehe noch nicht fest, wie die Arbeitsteilung zukünftig aussehe.

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