„In Mengen hätte ich keine Chance gehabt“

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Roman Siebenrock lietet das Institut für Systematische Theologie an der Universität Innsbruck.
Roman Siebenrock lietet das Institut für Systematische Theologie an der Universität Innsbruck. (Foto: privat)
Schwäbische Zeitung

Weil er für sich in Mengen keine Zukunft sah, hat Roman Siebenrock die Stadt 1968 verlassen. Elf Jahre war er damals alt. Zurückgekommen ist er seither nur noch als Gast. Heute ist Siebenrock Leiter des Instituts für Systematische Theologie an der Universität in Innsbruck. Die Entscheidung, sich so früh auch von seinen Eltern abzunabeln hat er nie bereut.

„Man muss es einfach ganz nüchtern sehen: Ich komme aus einer bildungsfernen Arbeiterfamilie“, sagt Roman Siebenrock. „Wäre ich in Mengen geblieben, hätte ich keine Chance gehabt.“ Wann genau ihn diese Erkenntnis ereilt hat, kann der Professor gar nicht mehr genau sagen. „Ich habe gemerkt, dass ich in Mengen nicht die Bildung bekommen kann, die ich wollte“, sagt er. Zur damaligen Zeit gab es in Mengen nur ein Progymnasium. Zwei Jahre lang, also seit er neun Jahre alt war, hätte er seinen Eltern damit in den Ohren gelegen, dass er lernen und deshalb weg aus Mengen wolle.

„Meine Mutter war natürlich dagegen“, erinnert er sich. Erst durch die Fürsprache des aus Mengen stammenden Comboni-Missionars Pater Karl Wetzel sei es gelungen, sie zu überzeugen. Anstatt das näher gelegene bischöfliche Konvikt in Leutkirch zu besuchen, das für lernwillige Schüler aus der Region erste Anlaufstelle war, wechselte er an das Seminar der Comboni-Missionare in Ellwangen, wo er im Schülerheim lebte und mit anderen Jungen das Peutinger Gymnasium besuchte. Ohne Schüler-Bafög wäre das später nicht möglich gewesen. „Um meinen Eltern nicht auf der Tasche zu liegen, habe ich in den Ferien in Mengen gearbeitet. Erst beim Orgelbauer Späth in Ennetach, später bei der Schuhfabrik und in der Druckerei Gölz.“

Latein, Griechisch, Geschichte, Physik – Roman Siebenrock hat als Schüler viele Steckenpferde. Doch vor allem sein Interesse an der Philosophie wächst immer mehr. Nach dem Abitur ergibt es sich fast wie von selbst, dass er an der renommierten Jesuiten-Fakultät der Universität Innsbruck ein Theologie- und Philosophie-Studium beginnt. „Das war keine wohl überlegte Entscheidung, wahrscheinlich wollte ich den Comboni-Missionaren durch diese Wahl auch etwas zurückgeben“, sagt Siebenrock. Bei ignatianischen Exerzitien im Jahr 1979 stellt er dann jedoch fest, dass er sich nicht für ein Noviziat und damit den Priesterberuf entscheiden kann, sondern einen anderen Weg gehen möchte. Welchen? Das ist ihm zu diesem Zeitpunkt noch nicht ganz klar. „Offiziell habe ich Theologie, Philosophie und Erwachsenenbildung in München studiert“, sagt er. „In Wirklichkeit habe ich ziemlich verantwortungslos nur das studiert, was mich gerade interessiert hat, ohne mich um die Dauer oder bestimmte Ziele zu kümmern.“ Dank eines Hochbegabtenstipendiums hätte er dies auch ohne finanzielle Sorgen tun können. „Meine Eltern haben mich nie gefragt, was ich da lerne und was ich damit werden will. Als ich dann aber das Studium abgeschlossen hatte, waren sie natürlich sehr stolz auf mich.“

1984 hätte er dann eine Stelle als Berufsschullehrer in München antreten sollen. Es war schon alles unter Dach und Fach, als er in der Zeitschrift der Jesuiten die Ausschreibung eines Stipendiums zur Aufarbeitung des Nachlasses des Theologen Karl Rahner sah. Er bekam das Stipendium und ging wieder nach Innsbruck. „Es ist schon gut so, dass die Schüler vor mir bewahrt worden sind“, findet Siebenrock. „Wobei es natürlich schon spannend gewesen wäre, mit denjenigen über Religion zu reden, die mit einem harten Beruf mitten im Leben stehen.“

Obwohl er sich in den nächsten Jahren von einer kleinen befristeten Anstellung an der Uni Innsbruck zur nächsten gehangelt hat, habe er sich keine Sorgen um seine Situation gemacht. „Ich habe ein schwäbisches Naturell, zu schaffen findet man immer etwas.“ Über einen Freund entstand der Kontakt zu Professor Peter Hünermann in Tübingen, bei dem Siebenrock 1993 promovierte. Zu dem Zeitpunkt war er schon drei Jahre verheiratet - mit einer in Stuttgart aufgewachsenen Österreicherin – und pendelte zwischen Innsbruck und Tübingen. „Peter Hünermann habe ich es zu verdanken, dass ich Kontakte zu Forschungsgruppen bekommen und Beziehungen zu vielen anderen Theologen knüpfen konnte“, sagt er. „Ich musste ja auch erst noch meine Gesellenstücke abliefern und mich bewähren.“ 2001 erhielt er die Lehrbefugnis für das Fach Fundamentaltheologie, seit 2006 ist er Professor für Dogmatik, 2017 übernahm er die Leitung des Instituts für Systematische Theologie.

Dieser Bereich der Theologie beschäftigt sich laut Siebenrock mit der Reflexion des christlichen Glaubens und seiner Beziehung zu seinen Kritikern, anderen Religionen oder Atheisten. Dabei betrachte die Fundamentaltheologie die Voraussetzungen des Glaubens und die Dogmatik seine Inhalte. „Dabei geht es vor allem auch darum, zu verstehen, was andere für wahr halten und was hinter den verschiedenen Auffassungen steckt“, sagt Siebenrock. Sein Fachbereich der Theologie stecke dabei zwischen den Stühlen und versuche nicht, Verteidigungsstrategien zu entwickeln, sondern Brücken zu bauen und Verständnis zu schaffen.

Deshalb ist Siebenrock auch Mitglied der Leitung des Forschungsschwerpunktes „Kulturelle Begegnungen - Kulturelle Konflikte“. „Wenn ein Pfarrer mit seinen Gemeindemitgliedern den Koran lesen würde, könnte das viel zur Verständigung beitragen“, findet er. „Man darf keine Angst vor einem Buch haben, sondern sollte sich damit auseinandersetzen.“ Klar, dass er selbst da auch mit Lehrenden anderer Religionen zusammenarbeite. „Ich habe in Seminaren schön öfter mit einer buddhistischen Lehrerin zusammengearbeitet oder einen Rabbi für einen Vortrag für Religionslehrerinnen gewonnen“, sagt er. „Wir überlegen auch, wie ein konfessionsübergreifender Unterricht an Schulen aussehen könnte.“ An der Fakultät studieren rund 700 Menschen, davon 120 Dissertanten. „Wir sind sehr renommiert, deshalb sind unter unseren Studenten auch Chinesen, Priester aus Südafrika oder Brasilien. Das macht die Lehre natürlich auch sehr spannend.“

Kontakt nach Mengen hat Siebenrock über zwei Geschwister. So bleibt er auch über das Geschehen im Ort informiert. „Besonders hat mich dieses große Volkstheater zu Marie Antoinette gefreut“, sagt er. Auch mit Pfarrer Stefan Einsiedler steht er im losen Austausch. „Es ist schon interessant, dass es mich nach Innsbruck verschlagen hat, das eine gemeinsame Vergangenheit mit Mengen hat.“ Schließlich sei die Donaustadt Mengen zu Habsburger Zeiten von Innsbruck aus regiert worden. „Diese Geschichte habe ich mir im Landesarchiv hier auch einmal genauer angesehen.“

In seiner Familie – Siebenrock hat vier Kinder - werde die Sonntagskultur gepflegt. „Der Sonntag gehört der Familie und nach dem Gottesdienst planen wir meist einen Ausflug in die Berge oder zum Skifahren“, sagt er. „Man kann mit so einfachen Mitteln aus der Mühle des Alltags heraustreten und sollte dies auch unbedingt tun.“ Auch für die Universität tue er höchstens am Sonntagabend etwas, wenn es sich nicht vermeiden lasse. Das „ABC christlicher Grundbegriffe“, das auch für Laien gedacht ist und bald veröffentlicht werden soll, hat er aber definitiv nicht an Sonntagen verfasst.

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