In der Sonne gibt es zweierlei Schmankerl

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Rolf Waldvogel gibt Sprachplaudereien zum Besten.
Rolf Waldvogel gibt Sprachplaudereien zum Besten. (Foto: ebo)
Schwäbische Zeitung

Für Rolf Waldvogel ist es eine Premiere auf seinen vielen Lesetouren quer durch das Verbreitungsgebiet der Schwäbischen Zeitung gewesen: Zum ersten Mal habe er in Mengen gelesen, bekannte der langjährige Ressortleiter Kultur des Blattes. Und noch etwas besonders hatte der vom Evangelischen Bildungswerk Oberschwaben (EBO), der Volkshochschule Mengen und dem Heimat- und Geschichtsverein Mengen organisierte Abend im Gasthof „Sonne“: Zu den Schmankerln aus Waldvogels neuesten Buch „Des Pudels Kern“ wurden echte Schmankerln serviert: Gulaschsuppe, Wurstsalat, Schinkenseelen, Tellersulz… Den Besuchern im gut gefüllten Gasthof muss die Mischung gut geschmeckt haben. Der Beifall war jedenfalls betont herzlich.

Über 500 „Sprachplaudereien“ hat Waldvogel in seiner beliebten freitäglichen Serie auf der Kulturseite mittlerweile geschrieben. Aber Ermüdungserscheinungen zeigt der Redakteur im Ruhestand keineswegs. Noch immer sei es ihm ein echtes Anliegen, sich über unsere Sprache auszulassen, lustvoll auf ihren unerschöpflichen Reichtum hinzuweisen, aber auch die vielen Fehlentwicklungen aufzuspießen, denen sie heute in immer stärkerem Maße ausgesetzt ist.

Einfluss auf die Schriftlichkeit

So hagelte es bei der Lesung zum einen geharnischte Kritik: Ihm gehe das Messer in der „Pocket“ auf, wetterte Waldvogel, wenn sich eine Dumpfbacke von Werbetexter in wichtigtuerischen Anglizismen ergeht und sein Produkt „Pocket-Taschentücher“ nennt – also nicht einmal zu wissen scheint, dass englisch „Pocket“ auf Deutsch „Tasche“ heißt. Auch die Auswüchse der Rechtschreibreform mit ihrem Variantenwahn – „der grüne Star, die Grüne Woche, die grüne/Grüne Lunge“ – sind ihm ein großes Ärgernis, und für höchst bedenklich hält er in unserer schnelllebigen Zeit des Simsen und Twitterns den Einfluss der neuen Medien auf die Schriftlichkeit. „Nach den postfaktischen Zeiten drohen uns die postorthografischen“, merkte der 74-Jährige mit Stirnrunzeln an.

Zum anderen wurden diese ernsteren Passagen wettgemacht durch viele amüsante Sondierungen. Die Gäste erfuhren, dass hinter dem Wort „Hahnrei“ ein betrogener Ehemann steckt und der „Weinbrand“ nobler ist als der „Branntwein“. Sie lernten, dass das schwäbische Wort „Breschtling“ für „Erdbeere“ wohl auf einen rundlichen Geistlichen im roten Talar zurückgeht und der „Gott aus der Maschine“ schon 2500 Jahre alt ist. Und all diese Lektionen wurden immer wieder aufgemischt durch lockere Einsprengsel von Bonmots, Anekdoten oder Versen.

Er sei kein verbiesterter Sprachwächter, hatte Waldvogel versprochen. Er hielt sich dran. Am Schluss sinnierte er über eine lästige Fliege im Schlafzimmer. Und unter dem Lachen der Zuhörer kam der letzte Satz: „Man öffnet das Fenster, die Fliege macht flugs die Fliege – und das mache ich jetzt auch.“

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