Eine Dorfgemeinschaft hat Stress

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Die Gesichter sagen schon alles: die Dorfgemeinschaft beim Gruppenbild.
Die Gesichter sagen schon alles: die Dorfgemeinschaft beim Gruppenbild. (Foto: Vera Romeu)
Schwäbische Zeitung
Vera Romeu

Die Theaterfreunde SV Ennetach spielen das Stück „Dr blaue Kruag“ am kommenden Freitag, 20. April und Samstag, 21. April, jeweils um 20 Uhr. Vorverkauf unter der Telefonnummer 0163/185 21 90.

Ein tolles Theaterspiel haben die Theaterfreunde SV Ennetach bei der Premiere am Samstag im Bürgerhaus geboten. Kurzweilig, temporeich und voller Überraschungen ist das Stück „Dr blaue Kruag“ unter der Regie von Sabine Schuler. Die Gruppe hat das Publikum bestens unterhalten und begeistert.

Regisseurin Sabine Schuler verriet den Gästen bei der Begrüßung, dass die Schauspieler nun sehr nervös hinter dem Vorhang stünden. Sie hätten bei den Proben seit Oktober viel über sich und den Text gelacht. Der Abend verging dann auch für das Publikum wie im Flug. Das Stück lebte vom exzellenten Spiel der Schauspieler, von der gekonnten Regie, von der Kulisse, der Maske und den Kostümen. Herrliche Szenen sind zustande gekommen. Die Dialoge sind lebhaft, der Ton zugespitzt. Sogar das Publikum muss mitspielen.

Die Geschichte ist griffig und im Prinzip werden zwei Ebenen erzählt. Eine Dorfgemeinschaft um 1900 – es könnte Ennetach sein – lebt auf engem Raum zusammen. Kirche, Rathaus, Wirtshaus, Dorfplatz sind die Plätze, auf denen das Geschehen sichtbar wird. Alle wissen alles voneinander, manchmal sagt man es ehrlich, manchmal spielt man einander etwas vor, je nach dem, was die Dorfkonvention vorgibt. Man sucht seinen Vorteil, man gönnt einander hier und dort etwas, man hält zusammen.

Die Witwe spricht Klartext

Jetzt stirbt aber ein Nachbar unabsichtlich am Schlag eines Dreschflegels, den ein anderer aus Wut weggeworfen hat. Ein Unfall. Und schon läuft die dörfliche Maschinerie an. Der Ablabeck (Günter Ott), der Totengräber (Rolf Speh) und der Großbauer (Alexander Koch) mischen sich ein und besprechen die Trauerfeier bis in die kleinsten Details. Jeder gibt zu allem seine Ansicht dazu. Man heuchelt. Bis die Witwe (Brigitte Hamm) die Heuchelei satt hat und Klartext redet. Was alle schockiert.

Sehr pointiert wird die Beziehung zwischen Pfarrer und Amtsdiener, der den Bürgermeister vertritt, dargestellt. Die zwei Herren kosten ihre Macht aus, wenn sie Gelegenheit dazu haben. Der Pfarrer (Helmut König) ist souverän und auch ein bisschen gerissen. Der Amtsdiener (Reinhard Keller) ist total aufgeregt. Ein Toter im Ort und „Dr. Bürgermeister isch itt do!“ Der verzweifelte Satz wird den Abend prägen.

Die Wirtin (Carmen Pinnow-Wild) ist eine Institution: wortgewaltig und geschäftstüchtig. Das bigottische Fräulein Anni, herrlich von Anke Heinzelmann gespielt, bringt den Nachbarn seltsame Päckchen aus der Kirche, von dem das Publikum leider nicht ahnen kann, was es ist. Und dann ist da noch eine laute fahrende Händlerin (Bettina Ott), die auch im Dorf involviert ist.

Die zweite Ebene ist die Ankunft des ambitionierten Kirchenbauers (Thomas Arnold) im Dorf. Er hat zu entscheiden, ob die Ennetacher oder die Rulfinger Kirche abgebrochen und neu gebaut werden soll. Das wollen die Ennetacher partout nicht und tun alles, um den Kirchenbauer nach Rulfingen zu verjagen. Sie erfinden sogar die Legende vom blauen Krug, um ihre Kirche zu retten. Die Ennetacher Dorfgemeinschaft kriegt es mit unlauteren Mitteln hin, dass der Architekt erschrocken davon läuft und ankündigt, die Rulfinger Kirche abzureißen. Warum die Dorfgemeinschaft plötzlich so zusammenhält, um ihre Kirche zu retten, wird im Stück erst spät klar. Es ist ein bisschen schade, weil es sich für das Publikum lange nicht erschließt, warum die Dorfgemeinschaft plötzlich so Stress hat. Und sie hat mächtig Stress. Die Kirche birgt nämlich ein Geheimnis, von dem jeder Dorfbewohner profitiert. Die Dorfgemeinschaft ist aber so gut gespielt, dass dem Zuschauer kaum auffällt, dass es noch diese Ebene gibt.

Die Theaterfreunde SV Ennetach spielen das Stück „Dr blaue Kruag“ am kommenden Freitag, 20. April und Samstag, 21. April, jeweils um 20 Uhr. Vorverkauf unter der Telefonnummer 0163/185 21 90.

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