„Das Mikro fiel mir im Marquee-Club vor die Füße“

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Für die Brüder Edi und Harald Rapp aus Ennetach hatte Musik schon in den 60er-Jahren einen hohen Stellenwert. Ihre erste Gitarre
Für die Brüder Edi und Harald Rapp aus Ennetach hatte Musik schon in den 60er-Jahren einen hohen Stellenwert. Ihre erste Gitarre wird derzeit im Haus der Geschichte in Stuttgart ausgestellt. Unter anderem ist dort auch ein Bühnenoutfit von „The Anyt (Foto: privat)
Schwäbische Zeitung

Mehr als 50 Jahre nach ihrer Gründung schreibt die Mengener Band „The Anythings“ nun ganz offiziell ein Stück Geschichte mit. Zusammen mit anderen Leihgaben der Geschwister Harald und Edi Rapp aus Ennetach sind ein Bühnenoutfit und die erste Gitarre der Rapps derzeit im Haus der Geschichte Baden-Württemberg in Stuttgart zu sehen. „Denn die Zeiten ändern sich...“ heißt die Ausstellung, die sich – in Anlehnung an den Song „The Times They Are A-Changin'“ mit Politik, Protest, Mode, Lebenswandel und eben auch Musik in den 1960er-Jahren beschäftigt. „Auch wir auf dem flachen Land, in der Provinz, waren ein Teil davon“, sagt Harald Rapp.

Bei ihm hat vor rund einem Jahr der Kurator der Ausstellung, Dr. Sebastian Dörfler, angerufen. Ob es stimme, dass Harald Rapp eine Live-Aufnahme des legendären Konzerts von Jimi Hendrix in der Stuttgarter Liederhalle am 19. Januar 1969 besitze. „Die wollte er unbedingt für seine Ausstellung haben.“ Offenbar ist Rapp der einzige, der noch einen Mitschnitt des ganzen Konzerts besitzt. „Ich habe mir den tragbaren Kassettenrecorder von Edi ausgeliehen, mitgenommen und das ganze Konzert lang das Mikro hochgehalten“, erzählt er. 40 Minuten lang ist die Aufnahme, die Rapp mittlerweile digitalisiert hat.

Kurator wird hellhörig

Dörfler kam für eine Hörprobe nach Ennetach. „Wir kamen ins Gespräch und er hat sich sehr dafür interessiert, wie wichtig uns als Jugendliche Musik war und dass wir es als Beatband in der Region nicht einfach hatten“, sagt Harald Rapp. Sie blätterten in alten Fotoalben und Dörfler habe kaum glauben können, als Rapp ihm erzählte, dass die alte Wandergitarre noch genauso existiere wie das Bühnenoutfit von Klaus Schröder. „Wir waren damals eine Clique mit demselben Musikgeschmack“, sagt Edi Rapp. „Und die Mädels haben uns Musikern die Bühnenoutfits unserer Idole nachgeschneidert.“ Es war die Flower-Power-Zeit, also habe es eben viel Schlag, viele Rüschen und bunte Farben gegeben.

Die „Anythings“ stünden mit ihrer Entwicklung und ihren Auftritten in der Region stellvertretend für die vielen Beatbands, die sich in den 60er-Jahren gegründet hätten, befand der Kurator und bat, verschiedene Leihgaben für die Ausstellung zur Verfügung zu stellen.

Auch ein ganz besonderes Mikrofon gehört dazu. „Das ist mir im Marquee-Club in London 1970 geradezu vor die Füße gefallen“, sagt Harald Rapp. „Ich bin nicht stolz auf die Tat, aber die dürfte verjährt sein.“ Mit einem Freund sei er nach London getrampt, um einmal den berühmten Club zu betreten, in dem zu dem Zeitpunkt alle großen Stars aufgetreten sind: Die Rolling Stones, Jimi Hendrix, Pink Floyd, Led Zeppelin, The Who... „Ich habe euch zur B27 nach Hechingen gefahren und von dort aus habt ihr euch durchgeschlagen“, erinnert sich Edi Rapp. Beim Konzert von MC5 standen die Freunde direkt vor der Bühne. „Das Konzert war kurz, aber heftig“, sagt Harald Rapp. Am Ende hätten die Musiker alles von der Bühne geworfen und das Mikro sei direkt vor ihm auf den Boden gefallen. „Da habe ich zugegriffen.“ Und es dann daheim bei den „Anythings“ selbst benutzt.

Proberaum im Keller

Getroffen haben sich die beiden Rapp-Brüder und ihre Freunde meist samstagmittags bei ihnen zuhause. „Wir hatten im Keller einen Probenraum und unsere Eltern hatten nie etwas dagegen, dass viele Leute bei uns waren“, sagen die beiden. Auch, wenn sie im Dorf als Außenseiter galten, sei es eine tolle Zeit gewesen.

Die lebt nun in Stuttgart inmitten von vielen anderen Leihgaben aus ganz Baden-Württemberg wieder auf. Während Rapps Hendrix-Aufnahme im Hintergrund läuft, kann etwa ein Stuhl bewundert werden, auf dem Hendrix in Stuttgart saß, während seine Musiker in einem Geschäft Instrumente kauften. „Es gibt auch ein Minikleid, in dem eine Abiturientin beim Ball aufgetaucht und einen Skandal ausgelöst hat“, so Edi Rapp. „Die Ausstellung ist definitiv für alle interessant, die die 60er-Jahre selbst erlebt haben. Und für Fans der „Anythings“ natürlich sowieso...

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