PETA fordert Verbot der „Hobbyjagd“

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Bei einer Drückjagd auf Wildschweine bei Leibertingen ist ein 21-jähriger Jäger angeschossen worden.
Bei einer Drückjagd auf Wildschweine bei Leibertingen ist ein 21-jähriger Jäger angeschossen worden. (Foto: Patrick Pleul/dpa)
Redakteur Meßkirch

- Ein 21-jähriger Jäger ist am Dienstagabend bei einer Drückjagd bei Leibertingen angeschossen worden (die SZ berichtete am Donnerstag, Details siehe unten). Laut Polizei soll wohl ein 47-jähriger Jäger, den Schuss abgegeben haben. Im Hinblick auf diesen und ähnliche Jagdunfälle fordert die Tierrechtsorganisation PETA in einer Pressemitteilung ein Verbot der, wie sie es nennt, „Hobbyjagd“ in Deutschland.

„Immer wieder bringen die Weidmänner auch Passanten in Gefahr und gefährden die öffentliche Sicherheit durch fahrlässiges Handeln“, heißt es in der Pressemitteilung. Die Tierrechtsorganisation rät der Bevölkerung zudem zu erhöhter Vorsicht während der anstehenden Hauptjagdsaison von Oktober bis Januar.

„Der aktuelle Fall in Leibertingen zeigt wieder einmal: Bei der Jagd besteht Gefahr für jedes Lebewesen, das sich in der Nähe aufhält – ob Mensch oder Tier“, sagt die PETA-Fachreferentin für Wildtiere, Vanessa Reithinger. „Jährlich ereignen sich Dutzende Vorfälle, bei denen Fehlschüsse oder Querschläger Menschen verletzen oder gar töten, Gewehrkugeln in Häuser einschlagen, Spaziergänger plötzlich unter Beschuss geraten oder sogar Menschen gezielt mit Jagdwaffen getötet werden. Die Hobbyjagd muss verboten werden.“

PETA schreibt, dass im Jahr 2015 laut Medienberichten elf Menschen in Deutschland bei Jagdunfällen und Gewalttaten mit Jagdwaffen starben, 18 weitere Personen seien zum Teil schwer verletzt worden. „Ein Verbot des privaten Waffenbesitzes bei Jägern wäre daher eine logische und absolut notwendige Konsequenz“, fordert die Organisation.

Der Sigmaringer Kreisjägermeister Hans-Jürgen Klaiber nimmt zu den Vorwürfen der Tierrechtsorganisation Stellung: „Bei PETA ist keine Akzeptanz für die Jagd vorhanden. Es wird generell nach Gründen gesucht, um sich des Themas Jagd zu entledigen.“

Berufsgenossenschaft regelt Ablauf der Drückjagd

Von einem „Hobby“, wie PETA es darstellt, könne bei der Jagd nicht die Rede sein: „Die Jäger sind alle ausgebildet. Wenn jemand die staatliche Jägerprüfung ablegt, ist er ein Fachmann. Der sehr hohe Ausbildungsstand ist mit dem einer abgeschlossenen Lehre vergleichbar“, sagt Klaiber, der selbst Prüfungsvorsitzender ist. Vor allem im Bereich der Sicherheit bei Drückjagden, wie der in Leibertingen, seien die Vorschriften des Jagdgesetzes und der landwirtschaftlichen Berufsgenossenschaft sehr streng.

Der Jagdpächter müsse zudem Mitglied der Berufsgenossenschaft sein, die den Ablauf einer Drückjagd genau vorgibt: „Es ist also nicht ein Hobby, sondern ganz klar durch berufsgenossenschaftliche Vorschriften geregelt“, betont Klaiber. „Aber wie bei allen Bereichen der Berufswelt gebe es auch bei der Jagd Arbeitsunfälle – das ist nicht auszuschließen.“ Zum Leibertinger Vorfall erklärt Klaiber, dass erst einmal geklärt werden müsse, ob es ein Jagdunfall gewesen sei oder der 47-jährige Jäger fahrlässig gehandelt habe – bei Letzterem könne ihm der Verlust des Jagdscheins drohen. „Den Untersuchungen kann ich nicht vorgreifen.“

Von der Mutter des Verletzten habe Klaiber jetzt erfahren, dass der 21-Jährige in den nächsten Tagen die Klinik wieder verlassen könne.

Der Kreisjägermeister verteidigt die Drückjagd, da es nicht anders möglich sei, der Wildschweine in Maisfeldern Herr zu werden. Da die Maisflächen mittlerweile so groß geworden seien, könne der Jagdpächter sie nicht mehr durch das Aufstellen von Elektrozäunen gegen Wildschweine schützen. „Der Jagdpächter ist bei der Wildschadensverhinderung zudem komplett allein gelassen.“

Jagdpächter steht unter Druck

Es bestehe ein enormer Druck: Der Jagdpächter müsse den Wildschaden auf den Äckern seines Reviers eindämmen – wenn ihm das nicht gelingt, kann der Landwirt Schadensersatz verlangen. Drückjagden im Mais seien unübersichtlich, es sei schwierig, die Wildschweine aus dem Feld herauszubekommen – zudem greifen die Tiere auch Jäger im Mais an: „Ein Risiko ist dabei. Man muss aber was machen.“

Aufgrund all dieser Gründe überlegen Jäger mittlerweile, ob sie überhaupt noch Jagdreviere mit großen Maisflächen pachten. Klaiber befürwortet daher die Initiative der Energiegenossenschaft, die beim Ostracher Weiler Hahnennest die Donau-Silphie anbaut, die als alternativer Energieträger den Mais ablösen soll. „Dann hätten wir die Wildschadensproblematik nicht“, sagt Hans-Jürgen Klaiber.

Die Polizeimeldung zum Jagdunfall:

Bei einer kurzfristig angesetzten Drückjagd zur Verhinderung weiterer Schäden durch Wildschweine hat ein 21-jähriger Jäger am Dienstag gegen 18 Uhr einen Steckschuss erlitten. Der Verletzte wurde nach einem Notarzteinsatz mit einem Rettungshubschrauber in eine Klinik nach Ravensburg geflogen, dies teilte die Polizei am Mittwoch mit. Im Krankenhaus wurde das im Oberschenkel des Mannes festgestellte Projektil operativ entfernt. Nach derzeitigen Erkenntnissen muss davon ausgegangen werden, dass sich zuvor ein 47-Jähriger in ein etwa zwei Hektar großes Maisfeld begeben hat, um dort vermutete Wildschweine herauszutreiben. Das Maisfeld war von 20 Jägern umstellt gewesen. Nachdem sich die im Maisfeld Schutz suchende Wildschweinrotte auf herkömmliche Weise nicht daraus vertreiben ließ, soll der 47-Jährige einen Gewehrschuss auf den Boden abgegeben haben, worauf der außen am Maisfeld stehende Verletzte Schmerzen an seinem Bein verspürt habe. Ein Ermittlungsverfahren wegen fahrlässiger Körperverletzung wurde gegen den 47-Jährigen eingeleitet.

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