Bürger erinnern sich an den „Umsturz“

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Die beiden Schwestern Erna Wiest und Annemarie Nipp erinnern sich an die letzten Kriegstage zurück.
Die beiden Schwestern Erna Wiest und Annemarie Nipp erinnern sich an die letzten Kriegstage zurück. (Foto: Arno Möhl)
Schwäbische Zeitung
Arno Möhl

Es ist Mitte April 1945. Die französische 1. Panzerdivision rückt vom Rhein aus über den Schwarzwald in Richtung Donau weiter nach Osten vor. Ihr Ziel ist Ulm. Entlang der Ost-West-Verbindungsstraßen suchen Flüchtlinge aus dem Schwarzwald eine Bleibe. Auch in Krauchenwies und den umliegenden Ortschaften treffen immer mehr Flüchtlinge ein.

In Krauchenwies trifft man zu der Zeit auf eine bunt gemischte Schar von Menschen verschiedenster Herkunft. Schon seit Kriegsbeginn sind französische Gefangene in Betrieben eingesetzt. Milizionäre der französischen Exilregierung wohnen im Alten Schloss, Adelige finden im Landhaus eine Bleibe, Flüchtlinge wohnen bei Bürgern und deutsche Soldaten finden bei Truppenbewegungen ein Dach über dem Kopf. Neun Männer des Volkssturms bereiten an den Straßen nach Hausen und Habsthal Panzersperren vor. Im Schwabenbuch des Schwabenbunds Krauchenwies heißt es: „Wir sind Kriegsgebiet geworden!“

Am Sonntag, 22. April, heute vor 70 Jahren, kommen Elisabeth Veeser und Agatha Stadler in Göggingen gerade aus der Kirche, als entlang der Bahnlinie Bomben abgeworfen werden. Es regnet in Strömen. In Krauchenwies sind die Straßen voller Militärkolonnen. „Mancher versorgt nun noch wertvolleres an sicher scheinenden Orten“, heißt es im Schwabenbuch. Das tun auch die beiden Schwestern Erna Wiest und Annemarie Hipp, beide geborene Spengler, die ihren „Schmuck“ als 14 und 17-jährige Mädchen im Garten nahe des Reitstalls vergraben. Erna und Annemarie, heute 84 und 87 Jahre alt, wohnen damals im elterlichen Haus gegenüber des heutigen Hofguts Enzenroß. Der Vater hat ein Friseurgeschäft. „Am Tag vor dem Umsturz brannten auf dem Schulhof Akten“, erinnern sie sich. Apropos „Umsturz“: Viele Alt-Krauchenwieser erinnern sich an den 22. April 1945 als Tag des „Umsturzes“.

Nach dem Wasser kommt Gülle zum Einsatz

In Ablach verfolgen Georg Strobel und sein Bruder Franz das Vorgehen der Franzosen. Georg absolviert in Sigmaringen eine Küferlehre (Lehre zum Fassbinder, Anm. der Red.). „Am 21. April mussten wir noch im Wehrertüchtigungslager hinter der Stadthalle Dokumente auf einen Lastwagen laden. Gleichzeitig verbrannten wir Papiere. Dann waren alle Uniformierten weg. Zu dritt sind wir heim nach Ablach gelaufen. Zu Hause angekommen, sahen wir Wehrmachtsgeschütze in Stellungen im Dorf und ein Flugabwehrgeschütz am Emig“, sagt er.

Gegen 9 Uhr am Morgen des 22. April geraten die französischen Truppen beim Verlassen von Göggingen unter heftiges Artilleriefeuer aus Ablach. Es kommt zu einem intensiven Feuergefecht. Georg und Franz werden vom Vater in den Keller geschickt. „Wir sahen, dass zwei Höfe lichterloh brannten, bei weiteren loderten noch Flammen. Es wurde gelöscht und sogar die französischen Kriegsgefangenen halfen mit. Als kein Wasser mehr da war, kam Gülle zum Einsatz. Wir hörten, dass deutsche Soldaten gefallen waren.“

Etwas später hören auch Erna und Annemarie in Krauchenwies ein „Donnergrollen“. In den Eiskellern der Gaststätten Löwe, Schwarzer Adler und Krone suchen Menschen Schutz. Schnell werden auch noch Panzerfäuste in die Güllegrube beim Ölmüller Lutz geworfen, die erst 2013 geborgen werden sollen. Die beiden Spengler-Schwestern bleiben ruhig. „Wir waren neugierig, hatten aber keine Angst und haben aus dem Fenster herausgeschaut. Auf der Straße sahen wir deutsche Soldaten. Die ersten weißen Fahnen wurden rausgehängt. Ein Bettlaken tat es auch. Unsere Mutter sagte zu uns: Ihr geht nicht aus dem Haus. Zieht euch alte Sachen an. Ihr müsst wiascht aussehen.“

In Krauchenwies rollen mittags leichte Panzer ein. Französische Soldaten kontrollieren Häuser, die keine weiße Flagge gehisst haben. Am westlichen Ortseingang wird Widerstand deutscher Soldaten gebrochen. Es gibt Verwundete. Metzgermeister Karl Wolf wird verletzt. Vom französischen Kriegsgefangenen Bernhard wird er im Zweiradkarren heimgebracht. Etwa zur gleichen Zeit fallen die Soldaten Franz Baumgartner und Kurt Wintermantel. Beide werden zwei Tage später beerdigt. Am 24. April sind die Franzosen in Ulm.

In Krauchenwies versammeln sich kurzzeitig Tausende Gefangene im Bauhof. Als Erna einem deutschen Soldaten Wasser reichen will, wird ihr ein Gewehr auf die Brust gehalten: „Ich ließ mich aber nicht einschüchtern.“ Aus den Dörfern werden Kartoffeldämpfer angekarrt, um die Soldaten zu verpflegen.

Kurios ist die Geschichte, die sich in den Tagen nach dem 22. April zuträgt. Alois Lutz, Fähnrich des Gesangvereins, will unbedingt die Vereinsfahne retten und versteckt sie im Sofa. Genau das aber holen die Franzosen dann ab, laden es auf einen Lastwagen und fahren los. Todesmutig eilt Alois hinterher, springt in der Austraße auf die Ladefläche und rettet die Fahne.

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