Rock am See: Grüner feiern

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(Foto: Roland Rasemann)
Daniel Drescher

Grün beruhigt. Und so fällt einem bei Rock am See als erstes diese Farbe auf: Wo der Boden bisher aus grauen Plastikplatten bestand, haben die Festivalmacher dieses Jahr stellenweise erstmals den Rasen des Stadions durchscheinen lassen. Kein Wunder, dass es sich viele der fast 11000 Konzertgänger auf dem Grün bequem machen und sich die Masse nicht vorne vor der Bühne drängt, sondern über das Areal des Bodenseestadions verteilt. Zu der entspannten Festivalatmosphäre trägt auch das überragende Wetter bei. Mal scheint die Sonne sommerlich über Konstanz, immer wieder schieben sich Wolken davor, aber den Regen behalten sie für sich, und bei 20 Grad ist die Gefahr von Kreislaufproblemen ebenso gering wie die der Unterkühlung.

Überhaupt: Bei Rock am See kann man an diesem Freitag so etwas wie die Farbenlehre der Bands erleben. Schmutzki signalisieren mit ihrem roten Bandbanner schon dem ankommenden Festivalgast: Hallo, wir stehen, auf der Bühne, komm tanz mit uns! So auffällig ist auch ihr Sound: Laut, selbstbewusst, stürmisch machen die Konstanzer den Auftakt. Klar, dass noch nicht so viel los ist wie später am Tag. Es ist Freitag, viele müssen arbeiten und schaffen erst nach Feierabend ins Bodenseestadion.

Tito & Tarantula dürfte man wohl zwischen bluesigem Blau und edlem Schwarz einordnen. Die Tex-Mex-Combo, die mit ihrem Auftritt in Robert Rodriguez Vampir-Roadmovie-Genremix „From Dusk Till Dawn“ den Durchbruch schaffte, ist für Skinny Lister eingesprungen. Die britische Folkband scheiterte nach Angaben der Veranstalter an Bürokratie und Behörden. „Kenn ich beide nicht“, hört man auf dem Festivalgelände des Öfteren. Tito & Tarantula spielten am Vorabend im ausverkauften Kulturladen Konstanz, ziehen nach dem Rock am See-Auftritt weiter ins Roxy nach Ulm – und liefern trotzdem eine lässige Performance, in der Hits wie „After Dark“ ebenso wenig fehlen dürfen wie coole Nummern der Marke „Slippin' & Slidin'“. Die Gruppe ist das erste Mal seit 1998 wieder bei Rock am See und erweist ihrem Ruf als erstklassige Live-Band wieder einmal alle Ehre.

Schwarzrot prangt das Banner der Eislinger Punkrocker Itchy Poopzkid auf der Bühne, die Farben der Anarchie. Wenn man die Aufhebung der Grenze zwischen Musikern und Publikum schon als Anarchie sieht, passt das ja: Gitarrist Sibbi wird auf dem Gitarrenkoffer vom Publikum in die Höhe gestemmt wie Majestix auf seinem Schild, und Songs wie „Out There“ vom aktuellen Album „Six“ und „Why Still Bother“ sind gut funktionierende Live-Nummern.

Frank Turner setzt farblich wie in seinen Songs auf eine Mischung aus Ansporn und Gelassenheit. Das zeigt sich auch im Bühnenbanner, das Plus und Minus in Rot und Blau aus dem Artwork zur neuen Platte „Positive Songs for Negative People“ gehalten ist. Der britische Musiker, der ursprünglich aus der Hardcore-Szene kommt, ist in den vergangenen Jahren mit seinem folkig angehauchten Sound zum Star geworden, spielte bei der Eröffnung der Olympischen Spiele in London 2012 und gehörte dieses Jahr auch bei Rock am Ring zu den Highlights. Welche Energie er in jede einzelne Show legt, ist auch bei Auftritt Nummer 1722 (!) beeindruckend. Durchhaltehymnen wie „Get Better“ sind einfach Rock, wie er sein sollte: direkt, unverschnörkelt und wuchtig.

Die Schweden von Mando Diao geben sich da unaufgeregter und hüllen die Bühne in simples wie klassisches Schwarz-Weiß. So sah auch das Cover ihres Debütalbums „Bring 'em in“ aus, und obwohl Songs wie das stampfende „The Band“ schon 13 Jahre auf dem Buckel haben, sind sie immer noch gut. Der Einstieg zuvor mit „Amsterdam“ ist klug gewählt: Schon auf dem 2006er Album „Ode to Ochrasy“ stach der Song eigenwillig hervor. Klar, dass Hits wie „Dance With Somebody“ nicht fehlen dürfen. Neuere Sounds vom elektronisch-poppigen Album „Ælita“ wirken dagegen sehr schnulzig und unpassend. Öfter als Komplimente für die Musik hört man auf dem Gelände ohnehin Schwärmereien für Sänger Björn Dixgard und Sätze wie „eindeutig die schönste Band hier“. Auch wenn sich manche gesorgt hatten: Den Ausstieg des zweiten Frontmanns Gustaf Noren, mit dem sich Dixgard den Gesang teilte, haben Mando Diao verkraftet; der Auftritt insgesamt ist stimmig. 

Mit ihrem aktuellen Plattentitel „Noir“ malen die Broilers Schwarz, in ihrem Beach Club – die Bühnendeko atmet Karibik-Feeling – geht es allerdings recht farbenprächtig zu, wie auch die Hawaii-Hemden der Bläsersektion und des Keyboarders zeigen. Sänger und Gitarrist Sammy Amara und seine Truppe haben viele Fans mobilisiert, im Publikum finden sich Dutzende Shirts der Band. Ein klein wenig wehmütig ist das, weil die Düsseldorfer nun eine Bandpause einlegen wollen, Rock am See ist der vorletzte Auftritt. Da passen Songs wie „Tanzt Du noch einmal mit mir“ umso besser, und die Menge nimmt die Aufforderung nur allzu gern an. Wobei die angekündigte Bandpause nicht so dramatisch ist wie etwa bei System of a Down, denn die Broilers wollen nach unzähligen Konzerten etwas Ruhe, eine neue Platte ist aber bereits angekündigt. Mit „Ich will hier nicht sein“ gibt es dann noch ein Statement zur Flüchtlingskrise, Sammy macht unmissverständlich klar, was er von Rassismus und Fremdenfeindlichkeit hält: nichts. Zuvor hatten auch Itchy Poopzkid in ihrer Show klare Worte dazu gefunden.

Am Ende dann der Headliner, der auf geteilte Meinungen stieß. Die Kings of Leon gaben bei Rock am See ihr einziges Deutschland-Konzert und lockten viele Fans nach Konstanz. In der Dunkelheit eines Freitagabends können die amerikanischen Rocker alle Farbregister ziehen. Mal ist die Bühne in kühles blau getaucht, mal gibt es orangenes Sonnenaufgangslicht. Ältere Songs wie „The Bucket“ oder „Closer“ zeigen die bluesinfizierte und stimmungsvolle Seite der Band. Der große Hit „Sex on Fire“ ist natürlich ebenfalls zu hören, hier kommt am meisten Stimmung auf.

Apropos: Nachdem die Stimmung bei den Broilers am Kochen war, wirken die Kings of Leon eher pulsberuhigend. „Lustlos“ finden manche Nutzer im Netz den Auftritt, und in Anbetracht der rückläufigen Besucherzahlen scheint klar: Rock am See wird wohl wieder zugkräftigere Bands aufbieten müssen, um im hart umkämpften Festivalmarkt erfolgreich mitzumischen. Zum Vergleich: 2012 (Headliner: Green Day) kamen noch 25000 Besucher nach Konstanz, 2013 (Headliner: Die Toten Hosen) waren es 23000. Auch, dass die Veranstalter dieses Jahr auf den Freitag auswichen, um die Kings of Leon zu bekommen, dürfte sich die auf die Zahl der Besucher ausgewirkt haben. Nächstes Jahr findet Rock am See wieder am Samstag statt (3. September).

Grün ist übrigens auch die Farbe der Hoffnung.

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