Unbekannte zerstören Milanhorste

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Der Rotmilan lebt in Mitteleuropa und sollte darum in Deutschland besonders geschütz werden, sagten die Vogelkundler. (Foto: Archiv)
Schwäbische Zeitung
Ignaz Stösser
Redakteur Alb/Lauchert

Der Kampf der Kettenacker Bürgerinitiative gegen die geplante Konzentrationszone für Windkraft im Süden ihres Dorfes nimmt eine neue Dimension an. Gestern teilte die Polizei mit, dass im Bereich zwischen Kläranlage, Riedlinger Wäldle und Lusthof zwei der insgesamt vier Rotmilanhorste nicht mehr da sind. Sie seien offenbar von Unbekannten beseitigt worden. Und weiter heißt es in der Pressemitteilung: „Die alarmierten Polizisten des Polizeireviers Sigmaringen stellten Einkerbungen an den betreffenden Baumstämmen fest, sodass davon auszugehen ist, dass die Unbekannten mit Steigeisen die Stämme erklommen und die Nester in etwa 25 Metern Höhe angingen.“ Jetzt werde wegen Verstoßes gegen das Bundesnaturschutzgesetz ermittelt. Die Polizei bittet auch um Hinweise unter Telefon 07571/104220.

Für Naturschützer ein Skandal

Die Zerstörung von Milanhorsten ist für Naturschützer ein Skandal. „In Deutschland haben wir für den Rotmilan eine besondere Verantwortung“, sagt der Sigmaringer Vogelexperte Karl-Fidelis Gauggel auf Anfrage der SZ. Der Vogel komme nur in Mitteleuropa vor und sonst nirgends auf der Welt. Und bevorzugt brüte er im Bergland, also bei uns auf der Alb. Wenn man seinen Horst zerstört, verzögert sich im kommenden Jahr der Nestbau, und die Aufzucht der Jungen sei in Gefahr. Oder es könne auch sein, dass eine ganze Brutsaison ausfalle.

Doch die Brisanz des Geschehens beschränkt sich bei weitem nicht nur auf das Naturschützerische. Laut Informationen der SZ haben Mitglieder der Bürgerinitiative am 8. Dezember im Bereich der beantragten Konzentrationszone vier Milanhorste entdeckt und auch fotografisch dokumentiert. In den Tagen danach informierte man das Landratsamt und das Regierungspräsidium von diesen Entdeckungen. Die Bürgerinitiative wollte damit deutlich machen, die Konzentrationszone südlich von Kettenacker dürfte so nicht genehmigt werden, weil im Umkreis von 1000 Metern rund um den Horst kein Windrad stehen darf.

Vollendete Tatsachen

Und jetzt der weitere Skandal: Als Mitglieder der Bürgerinitiative am 22. Dezember in dem Gebiet nach weiteren Rotmilanhorsten suchen wollten, stellten sie fest, dass zwei der bereits aufgefundenen Horste verschwunden waren. „Wer will also hier vollendete Tatsachen schaffen?“, ist die brennende Frage, mit der sich jetzt ganz Kettenacker befasst.

Für die Leute aus der Bürgerinitiative ist das Motiv eindeutig: Natürlich ist es jemand, der daran interessiert ist, dass die Milane die Windkraft südlich von Kettenacker nicht verhindern. Die Flächen in der beantragten Konzentrationszone gehören mehreren privaten Grundbesitzern, aber auch die Stadt Gammertingen besitzt hier etliche Flächen. Außerdem stellt sich nun auch die Frage, wie genau hat das beauftrage Büro in der Region ermittelt, wenn gleich vier Milanhorste nicht entdeckt wurden? Bürgermeister Holger Jerg war gestern für eine Stellungnahme nicht zu erreichen.

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