Mutter und Sohn verbindet die Liebe zur Schriftstellerei

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Imre Török liest gemeinsam mit seiner Mutter in Inzigkofen. (Foto: Doris Futterer)
Doris Futterer

91 Jahre Lebenserfahrung stehen hinter Gerti Michaelis Rahr und fließen ein, in ihre geschriebenen Worte, die sie erst im Alter von nahezu 80 Jahren als Autorin zu veröffentlichen begann. Ihre Erlebnisse als Zeitzeugin des 20. Jahrhunderts sind das Thema ihres ersten Buches „Der Vorhang fiel“. In ihrem Leben, das glanzvolle Zeiten an der Weimarer Staatsoper als Ballettmeisterin enthielt, hatte sie aber auch mit „oft schweren Zeiten“ zu kämpfen. „Ich musste drei Diktaturen kennenlernen und erleben.“ Der Faschismus, der stalinistische Kommunismus und der ungarische Kommunismus begleiteten ihr Leben. So fragte sie sich oft: „Wird mein Leben weitergehen oder nicht? Es ging weiter!“ Eiserner Lebenswille und Mut hatten es ermöglicht.

Ihr zweites Buch „Unverhofft“ habe aber ein anderes Thema: „Das ist die Liebe“, sagte sie und erzählte von der im Buch beschriebenen Liebe eines Arztes zu einer Studentin. Aber, so fügte sie sogleich an, damit begännen die Schwierigkeiten und von den vielen Dingen, die ein Mensch für Freundschaft und Liebe zu ertragen bereit sei, handle diese Novelle. In mehreren Abschnitten las sie aus ihrem Buch vor und gab eine Kostprobe ihres mit präziser Wortwahl beschreibenden Erzählstils. Personen und Schauplätze wurden dabei genauso lebendig wie die Zusammenfassung ihres eigenen Lebens.

Genaue Beschreibungen der Lebenswidrigkeiten der fiktiven Personen im Buch umschiffte sie aber genauso geschickt wie vorher die ihres eigenen Lebens. „Das bleibt dem Buch vorbehalten!“, übrigens genauso, wie der Ausgang dieser Liebesgeschichte. Überzeugt stellte sie klar, dass Liebe und Freundschaft im Leben nicht zu planen seien, sondern dass diese so verarbeitet und gelebt werden müssten, wie sie kommen. Auch die Frage, wie soll es weitergehen, werde in diesem Buch gestellt. „Aber es geht weiter, weil das Leben weitergeht!“ So schloss Michaelis Rahr offensichtlich den Kreis zu ihren eigenen Lebenserfahrungen.

Török verrennt sich nur scheinbar im eigenen Wortfluss

Imre Török, ihr Sohn, der ihr schon einige Buchveröffentlichungen voraus hat, ist im ehemaligen Kloster in Inzigkofen inzwischen mehrfach als Dozent willkommen geheißen worden. Mit Kostproben seines Schreibstils setzte er einen amüsanten Kontrast zu den ernsthafteren Erzählungen seiner Mutter. Mit sich beinahe verselbständigenden Wortspielen verrennt er sich scheinbar im Fluss der eigenen Worte und findet anschließend mühelos mit der passenden Umformung den Anschluss an seine Geschichte.

Die Themen Begegnungen und Beziehungen, die seine Mutter begonnen hatte, führte er fort. Mit einer wahrhaft heißen Liebesgeschichte zwischen Abendstern und Morgenstern thematisierte er Freundschaft und Liebe. „Aber es gibt auch andere Arten von Begegnungen“, hatte er festgestellt und präsentierte überzeugend eine Art von Kommunikation, die nur aus einem überschwänglichen Monolog bestand. Seine zum Schmunzeln aber auch zum Nachdenken anregende Kreativität funktioniere so einfach, meinte Imre Török und verriet seinen Kursteilnehmern: „Ich lüge ein bisschen, wenn ich schreibe“ und ansonsten lasse er sich seine Geschichten nachts vom Glühwürmchen Luzius in den Nachthimmel schreiben. Man müsse diese dann nur noch in den Computer tippen. Mit diesen guten Ratschlägen entließ er seine Zuhörer in eine hoffentlich kreative Nacht.

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