Bürger befassen sich mit künftigen Herausforderungen

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Die Teilnehmer des Demografie-Workshops beschäftigen sich spielerisch mit der Zukunft.
Die Teilnehmer des Demografie-Workshops beschäftigen sich spielerisch mit der Zukunft. (Foto: Fotos: Patrick Laabs)
Schwäbische Zeitung
Redakteur Krauchenwies und Inzigkofen

Der demografische Wandel macht auch vor der Gemeinde Inzigkofen nicht halt. Auf Einladung der Projektgruppe „Lebenswertes Inzigkofen“ haben sich daher am Montagabend rund 20 Inzigkofer Bürger in einem Workshop mit möglichen Auswirkungen der Demografie auf Vereine, Schulen, Unternehmen, Nahverkehr und Ehrenamt befasst. Ziel der Veranstaltung war es, Lösungsstrategien für die Kommune zu entwickeln und nach Möglichkeit bereits Projekte anzustoßen.

Demografie-Experte und Kommunalberater Erik Flügge entführte die Inzigkofer zunächst auf spielerische Art in die Zukunft. Auf dem Boden hatte er 1200 Spielfiguren aus „Mensch ärgere dich nicht“ ausgebreitet und diese rund 30 Vereinen zugeordnet. Jede Spielfigur stand für einen Inzigkofer Bürger im Alter zwischen zehn und 19 Jahren. In mehreren Etappen sollten die Workshop-Teilnehmer eine genau definierte Anzahl an Spielfiguren beliebigen Vereinen vom Boden entnehmen und beiseitelegen. Jede Etappe stand für eine Entwicklung von fünf Jahren. Auf diese Weise erlebten die Teilnehmer mit, wie sich die Zahl von 1200 jungen Bürgern im Lauf der Jahre immer weiter reduziert – mit dramatischen Auswirkungen beispielsweise auf das Vereinsleben des Orts. Schon nach zwei Etappen, sprich zehn Jahren, stellte Marco Stroppel, Ortschaftsrat aus Vilsingen, fest: „Die Schulband und die Schülerzeitung hat’s erwischt.“ Auch verschiedene Vereine hatten erhebliche Einbußen an Mitgliedern zu verzeichnen.

Es sei ein Irrglaube zu behaupten, dass jüngere Menschen heutzutage weniger gerne in Vereine gingen als früher, sagte Flügge. Das Gegenteil sei sogar der Fall, die „Engagementquote“ sei so hoch wie nie zuvor. Der Rückgang an Vereinsmitgliedern in der Zukunft habe einen anderen Grund: „Die Menschen sind einfach physisch nicht da, weil sie ja nicht geboren werden“, so Flügge. Das Feld mit den Spielfiguren förderte weitere Probleme zutage. Wenn es immer weniger junge Menschen gibt, wer pflegt dann die Alten? Und werden sich Kitas, Ärzte und Apotheken in einem Ort halten, der ausblutet? Aus der Problematik schloss Flügge, dass es für eine kleine Kommune wie Inzigkofen drei große Zukunftsherausforderungen gebe. Nur wenn diese gelöst würden, habe eine Kommune auch eine Perspektive.

1. Eine Kommune wie Inzigkofen müsse es schaffen, den Pflegebedarf deutlich zu senken und damit „demografiefest“ zu werden. Sie müsse verstärkt darauf aus sein, Bürger frühzeitig zu motivieren, ihre Häuser altersgerecht umzubauen. „Wenn der Bürger durchschnittlich nur zwei Jahre länger in seinem Haus leben kann und nicht im Altenheim leben muss, spart eine Kommune viel Geld.“

2. Eine Kommune muss für junge Menschen attraktiv bleiben, sprich Kitas, Schulen, Ärzte und Apotheken müssen gehalten werden.

3. Damit das Vereinsleben trotz deutlich sinkender Mitgliederzahlen aufrechterhalten werden könne, müsse verstärkt über Kooperationen nachgedacht werden.

Flügge bildete drei Arbeitsgruppen, die sich Gedanken darüber machen sollten, auf welche Weise diese drei Herausforderungen für Inzigkofen zu meistern seien. Die erste Gruppe kam zu dem Ergebnis, dass es sinnvoll wäre, neue Wohnformen zu entwickeln. Aus den Niederlanden sei ein Modell bekannt, bei dem alle Generationen nebeneinander in einem größeren Block lebten und sich gegenseitig unterstützten. Gruppe 2 zählte zahlreiche Punkte auf, die zur Attraktivität einer Gemeinde beitragen, wie eine funktionierende Dorfgemeinschaft, günstiger Wohnraum oder Fahrgemeinschaften. Die dritte Gruppe schlug unter anderem vor, dass die Kommune Gemeinschaftsunternehmungen finanziell fördern müsse. So könne möglicherweise etwa ein Sportverein dazu motiviert werden, an einem Ausflug des Albvereins teilzunehmen: „Ein Zuschuss mit dem Ziel der Annäherung“, sagte René Laplace.

Konkrete Projektideen entwickelten die Workshop-Teilnehmer am Montagabend jedoch nicht. „Das ist unüblich“, sagte Flügge.

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