Künstlerin ist inspiriert von 50-Pfennig-Stück

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Die Figur der Pflanzerin und ihre Umrisse tauchen immer wieder in Sibylle Ritters Werk auf.
Die Figur der Pflanzerin und ihre Umrisse tauchen immer wieder in Sibylle Ritters Werk auf. (Foto: Fotos: Gabriele Loges)
Gabriele Loges

Die Inneringer Künstlerin Sibylle Ritter eröffnet ihren neu geschaffenen „Fundort“ in ihrem Wohnhaus, am Samstag, 14. April, um 14 Uhr, für eine Sonderausstellung. Sie zeigt Ergebnisse ihrer Begegnung mit der sogenannten Kulturfrau, die auf dem Fünfzigpfennigstück gut fünf Jahrzehnte ihren unzählbaren Dienst leistete.

Als Teil der Themenreihe „Die Spuren unserer Mütter“ bieten die Theologin, Mythenexpertin und Autorin Vera Zingsem und die Künstlerin Sibylle Ritter unter dem Titel „Lilith, Eva und Maria: von der Urfrau zur Kunstfrau“ eine Doppelveranstaltung an. Während Vera Zingsem am Freitag, 13. April, um 19.30 Uhr (im Raum für Göttinnenkultur, Tübingen), einen Vortrag zu den „Urfrauen“ der Mythologie, zu Lilith, Eva und Maria, hält, nimmt Sibylle Ritter eine „reale Figur“, um sie als Kunstfrau in die Freiheit zu entlassen.

1992 stieß Ritter, die damals in Stuttgart wohnte und sich nicht vorstellen konnte, auf der Schwäbischen Alb zu leben, bei einem Werkaufenthalt in Gauselfingen auf die Pflanzerin auf dem Fünfzigpfennigstück. Genauer: In einem Buch über die Rettung der Wälder begegnete ihr die Figur, die „Kulturfrau“ genannt wurde: „Sie ist die kleinste am häufigsten berührte Frau Deutschlands und sie rieb sich an den Köpfen der männlichen Politiker auf den großen Münzen“, sagt Ritter.

Das Wort „Kulturfrau“ forderte sie allerdings zum Widerspruch auf. Denn während die Männer sich der politischen Zeit anpassten, empfand Ritter das Bild der Frau als Pflanzerin mit Kopftuch und langem Kleid als „entindividualisierte Stellvertreterin“ und zudem als nicht mehr zeitgemäß. Das Thema bewegte die Künstlerin. „Angezogen hat mich der (sinnliche) Aspekt, dass sie sich im Bereich der fast ausschließlich haptischen Erfahrbarkeit aufhielt, auch die Macken auf dem Geldstück faszinierten mich.“ Sie wollte mehr über die Figur wissen und erfuhr auf diese Weise von dem Urheber des Münzbildes Richard Martin Werner (1903-1949) und dessen Modell, seiner Ehefrau Gerda Jo Werner (1914 bis 2004), mit der sie Kontakt aufnahm.

Erst einmal hat Ritter sie aus dem Bannkreis der Münze und ihrer Aufgabenstellung befreit. Sie vergrößerte die Pflanzerin auf Puppenformat, arbeitete dabei überwiegend mit Gips, aber auch mit Plexiglas, Wachs oder Papiercollagen. Bei ihr darf die Figur eine Suchende oder eine Spielende sein. So entstanden Reliefs mit Bleiarmen, eine schwarz-rot-gold marmorierte „German Beauty“ oder eine „Beherzte“ mit operiertem Gips-Herz. Sie darf aber auch als Amazone in die andere Richtung auf einem Fluss und mit Eichenblatt-Paddel neue Horizonte entdecken. Zusammengerollt ruht sie aber auch mit Blattgold belegt in einer Form. Diese Interpretation hat schon eine weite Reise hinter sich. Bei ihrem Aufenthalt als Gastdozentin in Südafrika durfte die Figur mitreisen: „Ich wollte, dass die Studenten sie berührten und ich so etwas zurück- oder weitergeben kann.“ Die Figur der „Ergründenden“, die ihr Gesicht – „dem Sammelorgan aller Sinne“ – in die Erde versenkt, ist mehrfach vertreten. Einmal als Gipsabdruck ihres eigenen Körpers, dann in Gips, aber auch in Wachs. Überhaupt gibt es viel zu entdecken bei dieser Kunstfrau, die dem Fünfzigpfennigstück entsprungen ist. Und vielleicht sogar dazu beigetragen hat, dass Sibylle Ritter auf der Alb gelandet ist.

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