Bürger wehren sich gegen Fracking

Lesedauer: 9 Min
Bei der Informationsveranstaltung des Bergbauamts zu Fracking in Oberschwaben formiert sich Widerstand. Anne Waibel vom Bund für (Foto: Anthia Schmitt)
Schwäbische Zeitung
Anthia Schmitt

„Uns ist das Risiko zu groß, wir sind eindeutig gegen Fracking in dieser Landschaft, wir wünschen uns sogar ein gesetzliches Verbot.“ Wilfried Franke, Direktor des Regionalverbands Bodensee-Oberschwaben, sprach für die 56 Kommunalpolitiker seiner Verbandsversammlung bereits zu Beginn der Veranstaltung aus, was die rund 300 Zuhörer aus ganz Oberschwaben und aus dem Verbreitungsgebiet der Bodenseewasserversorgung in der späteren weitgehend sachlich geführten Diskussion forderten: Kein Fracking in Oberschwaben. Auch Klaus Burger, Landtagsabgeordneter für den Kreis Sigmaringen, schloss sich dieser Stellungnahme an: „Ich würde für mich einen deutlichen Abstand von Fracking nehmen.“ Falls überhaupt ein Befürworter unter den Teilnehmern war, meldete er sich an diesem Abend jedenfalls nicht zu Wort.

Es war das Landesamt für Geologie, Rohstoffe und Bergbau, das zu diesem Informationsabend über die Aufsuchung von nichtkonventionellen Gasvorkommen zwischen Bodensee und Donau eingeladen hatte. Die Moderation übernahm Christoph Ewen, freiberuflicher Moderator aus Darmstadt. Neben Professor Ralph Watzel und seinem Mitarbeiter Axel Brasse vom Bergbauamt standen Richard Moreton, Managing Director von Bells Explorations, Alex Fraser, Direktor von Parkyn Energy Germany und Friedrich Klein, Wasserwirtschaftsexperte beim Regierungspräsidium Tübingen, sowie Dr. Marcel Meggeneder, Geschäftsführer der Bodenseewasserversorgung und dessen Laborleiter Dr. Roland Schick Rede und Antwort.

„Wir vollziehen das Bundesberggesetz in Baden-Württemberg, deshalb sind wir heute hier“, erklärte Watzel, der für diese „Transparenz“ im Lauf des Abends viel Beifall vom Publikum erhielt. Er machte deutlich, dass sich die Landesregierung klar gegen das Fracking positioniert habe, der Bund das Verfahren aber zulasse. „Oberschwaben ist eine Erdölprovinz, hier sind Kohlenwasserstoffe im Untergrund, und es ist auch eine Wasserprovinz“, sagte Watzel. Und über die geologischen Barrieren: „Die Abstände zwischen Gasträger, Erdölträger und Wasser sind in unserem Molassebecken deutlich geringer, als in anderen Regionen.“

Für Parkyn Energy Germany und deren Mutterunternehmen 3Legs Resources, ein britischer börsennotierter Konzern, erklärte Peter Druckenbrod, welche Untersuchungen das Unternehmen, das eine Verlängerung der Erlaubnisse zur Aufsuchung von nichtkonventionellen Gasvorkommen in den Bereichen Konstanz und den Biberach beantragt hat, plant: Nachdem die bisher verfügbaren Daten aus früheren Förderungen bereits überprüft sind, sollen nun geologische und geophysikalische Analysen erstellt, Labortests durchgeführt und seismische Messungen entlang von Nord-Süd-Messlinien vorgenommen werden. Weiter informierte er, dass Fracking bereits seit 1949 durchgeführt werde, die erforderliche Flüssigkeit für die hydraulische Stimulation zu 98 Prozent aus Wasser und Sand und nur zu einem geringen Teil aus Zusatzstoffen, wie sie auch in Haushaltsprodukten und Kosmetika vorkämen, besteht, und die polnischen Behörden bei den dortigen Förderungen keine Umweltveränderungen festgestellt hätten.

Moreton, dessen privat finanziertes englisches Unternehmen bereits eine Verlängerung für den Bereich Saulgau-Wangen bis August 2013 erhalten hat, erläuterte, dass sein Unternehmen konventionell fördern wolle und frühestens in zwei bis drei Jahren bevorzugt in einer Distanz von 40 bis 50 Kilometern vom Bodensee bohren wolle. „Hier hat es über lange Zeit Erdöl- und Gasförderung gegeben, es sind noch Vorkommen da und die wollen wir fördern“, sprach Moreton von fünf Millionen Barrel Öl, die im Bereich Bad Buchau/Bad Schussenried vorhanden seien.

„Ich kann nur oh, oh, oh sagen, wenn ich höre, was die Herren vorhaben“, sagte Meggeneder, der sich später als „Speerspitze des Widerstands“ bezeichnete. Er machte darauf aufmerksam, dass der Bodensee Trinkwasserspeicher für über fünf Millionen Menschen ist. „Die Arbeitsgemeinschaft der Wasserwerke Bodensee-Rhein lehnt das Vorhaben ganz klar ab“, sagte Meggeneder. Die Additive seien nicht zu verharmlosen, „ich möchte etwas, das im Shampoo ist, niemals im Trinkwasser sehen“, außerdem komme das Wasser des Sees nicht nur aus den Alpen, sondern auch vom nördlichen Bodensee. Gleichzeitig wies er auf den hohen Wasserverbrauch während des Frackingvorgangs hin. „Die Bodenseewasserversorgung fordert den Vorrang der Trinkwasserversorgung und deren Resourcen vor der Gewinnung von Öl und Gas“, sagte Meggeneder. Und, an das Bergbauamt: „Dieser Lebensraum ist so bedeutend, lassen Sie uns hier nicht experimentieren.“

Kritische Fragen aus dem Publikum, dessen Hauptsorge dem Wasser und der Kontaminierung des Bodens galt, zu Wasserverschmutzung, zu Erdbebenrisiken oder zur Haftung gab es reichlich. Zum Flow Back, also dem Wasser, das nach dem Frackingvorgang übrig bleibt, sagte Fraser, dass das Wasser immer wieder verwendet und erst am Ende der Förderung als Industriewasser entsorgt wird. Auf die Frage nach einer Liste der Additive sagte er, dass bei einer sachgerechten Anwendung keine Gefahr einer Kontamination bestehe und er bereit sei, die Zusatzstoffe öffentlich zu machen. „Go home“, sagte ein erklärter Verfechter der Windenergie aus Sipplingen, und ein anderer ergänzte: „Es wäre uns sehr geholfen, wenn Sie das Geld in alternative Energie stecken, statt in ein Verfahren, bei dem hier nicht viel Ertrag zu erwarten ist.“ Wer nach der dreistündigen Veranstaltung noch weitere Fragen hatte, konnte sie im Vier-Augen-Gespräch mit allen Diskussionsteilnehmern stellen.

„Wenn hier der Eindruck entsteht, dass die Bergbaubehörde hoffnungsfroh ist, den Unternehmen den Weg ebnen, ist was schief gelaufen“, sagte Watzel am Ende. Die Aufgabe des Amts sei es, unabhängig zu prüfen. Mehrfach unterstrich er, dass das Amt da sei, um das Gesetz zu erfüllen, „und wir tun das nicht schludrig“, und er hob immer wieder hervor, dass es noch ein langer Genehmigungsweg in enger Zusammenarbeit mit der Wasserbehörde und „mit vielen Hürden und Risikoprüfungen“ ist, bis es möglicherweise zu Bohrungen kommt: „Die Aufsuchungserlaubnis lässt noch nichts anderes zu, als in Büchern zu blättern.“

„Viel war von den Herren nicht zu hören“, sagte später Heinz Brandt, Geschäftsführer des Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND) in Pfullendorf, im Gespräch mit der Schwäbischen Zeitung, „sie haben wohl nicht mit so konkreten Fragen gerechnet.“ Jürgen Hoffmann, Bürgermeister in Illmensee, will die Diskussion über eine Resolution, wie sie die drei weiteren Kommunen der Verwaltungsgemeinschaft Pfullendorf und viele andere Städte und Gemeinden bereits verfasst haben, demnächst mit seinem Gemeinderat führen. „Ich habe unterschiedliche Informationen bekommen und wollte diese Veranstaltung abwarten“, sagte er der SZ.

Ihr Kommentar wird nach einer kurzen Prüfung durch unsere Redaktion veröffentlicht.
Kommentare werden geladen
Mehr Themen