Nur für Sebastian gibt es keine Schulbushaltestelle

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Erwin und Sabrina Blaser wohnen mit ihren vier Kindern in Altensweiler. Seit Sebastian zur Schule geht, ist alles kompliziert ge
Erwin und Sabrina Blaser wohnen mit ihren vier Kindern in Altensweiler. Seit Sebastian zur Schule geht, ist alles kompliziert geworden. (Foto: Kuhlmann)

Wer die Familie Blaser mit einem Fahrdienst unterstützen möchte, kann sich bei Sabine Keßler von der Nachbarschaftshilfe Hohentengen unter Telefon 07572/2130 melden.

So schön es die Familie Blaser an ihrem Wohnort in Altensweiler auch findet, beim Schulweg ihres Sohnes Sebastian kommen die Eltern an ihre Kapazitätsgrenzen. Ihr Wunsch, dass der Schulbus auch bei ihnen hält, hat keine Aussichten auf Realisierung. Es gebe keinen gesetzlichen Anspruch auf die Einrichtung eines Beförderungsangebots, heißt es vom Landratsamt. Die Gemeinde Hohentengen will aus Gründen der Gleichbehandlung kein Schülertaxi einrichten und die Suche der Nachbarschaftshilfe nach einem ehrenamtlichen Fahrer blieb ohne Ergebnis. „Da heißt es immer, der ländliche Raum soll nicht abgehängt werden“, sagt Sabrina Blaser. „Aber genau so fühlen wir uns gerade.“

Das ist die Situation: Altensweiler liegt knapp zwei Kilometer vom Hohentenger Ortsteil Ursendorf entfernt. In dem kleinen Weiler wohnen 14 Einwohner. Sechs von ihnen gehören zur Familie Blaser. Die Eltern Sabrina und Erwin Blaser sowie ihre vier Kinder Sebastian (7), Julian (5), Charlotte (2) und Emil (6 Monate). Die Entscheidung, in dem abgelegenen Weiler in das Elternhaus von Erwin Blaser zu ziehen, haben die Blasers bewusst gefällt. „Hier können unsere Kinder naturnah aufwachsen und haben viel Platz zum Spielen und Toben“, sagt Sabrina Blaser. Fahrrad- und Rollschuhfahren sei direkt vor der Tür möglich, weil kaum Verkehr sich nach Altensweiler verirrt.

„Aber ich hatte mir das im Alltag mit Schule und Kindergarten nicht so schwierig vorgestellt“, gibt sie zu. Weil es im Haus keine Oma und in der Nähe keine Nachbarin gibt, der man für eine Viertelstunde am Morgen das Babyfon vorbeibringen kann, sieht der Ablauf im Hause Blaser seit Sebastian eingeschult worden ist so aus: Mutter Sabrina Blaser steht um 5.30 Uhr auf und bereitet Frühstück vor. Um 6.30 Uhr weckt sie alle vier Kinder. Sebastian muss um 7.30 Uhr an der Bushaltestelle in Ursendorf sein. „Das bedeutet, dass ich alle Kinder vorher anziehe und sie etwas essen sollten“, sagt Blaser. „Dann packe ich sie alle ins Auto und wir bringen Sebastian zusammen zur Haltestelle.“ Manchmal schafft sie es nicht rechtzeitig und bringt ihren Sohn direkt zur Göge-Schule nach Hohentengen. „Damit ich nicht später noch einmal los muss, haben wir für Julian die Flexi-Zeiten im Kindergarten gebucht, sodass ich ihn direkt bringen kann“, sagt sie. Würde man sie lassen, würden die anderen drei Kinder locker bis 8 Uhr schlafen, sagt die Mutter. „Insgesamt sind sie unausgeschlafener und quengeln herum, das zieht sich manchmal über den ganzen Tag.“ Sebastian zu Fuß zur Bushaltestelle zu schicken, ist für die Eltern keine Option. „Er müsste direkt am Gemeindeverbindungsweg entlanglaufen, dort ist es im Sommer zwischen den Maisfeldern unübersichtlich und im Winter ohne Beleuchtung zu dunkel“, sagen sie. „Wenn er älter ist oder die Fahrradprüfung hinter sich hat, sieht das anders aus.“

Das wünscht sich die Familie: „Es wäre für uns eine wahnsinnige Erleichterung, wenn der Schulbus auch bei uns in Altensweiler halten könnte“, sagt Erwin Blaser. „Das ist ein Umweg von ungefähr fünf Minuten und müsste doch machbar sein.“ Die Eltern haben mittlerweile beim Landratsamt, der Gemeinderverwaltung und dem Busunternehmen Reisch angefragt. „Doch wir stoßen da auf Granit.“

Das sagt das Landratsamt: Im Allgemeinen: Der Landkreis organisiert die Schülerbeförderung zusammen mit den Busunternehmen, die die entsprechenden Konzessionen für den Linienverkehr haben. „Es besteht kein gesetzlicher Anspruch auf Einrichtung eines Beförderungsangebotes. Das gilt auch für die Schülerbeförderung“, schreibt Pressesprecher Tobias Kolbeck auf Anfrage der „Schwäbischen Zeitung“. „Natürlich sind aber alle an der Schülerbeförderung beteiligten Akteure (Landkreis, Schulträger, Schulen, Wohnsitzgemeinden) darum bemüht, eine möglichst flächendeckende Beförderung zu organisieren.“ Sei ein Linienverkehr aus umlauftechnischen Gründen nicht möglich oder finanziell nicht leistbar, da zu wenige Fahrgäste zu erwarten sind, sei eine Beförderung durch einen Kleinbus der Gemeinde oder private Fahrzeuge möglich. „Der Landkreis unterstützt diese Angebote mit bis zu 770 Euro pro Schüler und Schuljahr. Dies ist in der Schülerkostenbeförderungssatzung für alle Fälle verbindlich geregelt. Mögliche Mehrkosten müssten die Eltern tragen. Oft beteiligen sich die Gemeinden jedoch auch freiwillig an diesen Kosten“, so Kolbeck weiter. Familien mit Grundschulkindern müssen keinen Eigenanteil zur Beförderung zahlen, wenn der Schulweg länger als drei Kilometer ist.

Im Speziellen: Der Bus, der morgens die Schulkinder in Ursendorf mitnimmt, gehört zum normalen öffentlichen Nahverkehr. Der ist auf die Schulzeiten und Anschlüsse an Bahnhöfen und Busumsteigepunkten abgestimmt. „Für die Strecke Ursendorf - Altensweiler benötigen wir mindestens fünf Minuten Fahr- und Wendezeit“, sagt Busunternehmer Torsten Reisch. „Dieses Zeitfenster ist im Fahrplan der betreffenden Linie unter Berücksichtigung der Anschlussverbindungen so nicht gegeben.“ Auch wird die Wendemöglichkeit als kritisch eingestuft. Eine Wendeplatte sei nicht vorhanden, rückwärtsfahren aus versicherungstechnischen Gründen nur dann erlaubt, wenn eine erwachsene Person den Bus einweise. Weil aber zu diesem Zweck nicht extra jemand mitfahren könne und es nicht gegeben sei, dass in Altensweiler immer jemand vor Ort sei, könnte dies nicht eingeplant werden, heißt es aus dem Landratsamt. Zudem sei fraglich, ob die Zufahrtsstraße nach Altensweiler insbesondere im Winter für einen großen Linienbus überhaupt befahrbar sei. „Wir haben die Familie und die Gemeinde Hohentengen im September des letzten Jahres auf die Alternativen mit Kleinfahrzeugen hingewiesen“, heißt es.

Das sagt die Gemeinde: „Wir haben im Gemeinderat über den Fall der Familie Blaser gesprochen und entschieden, dass eine Kleinbus- oder Taxilösung für ein Kind zu teuer ist“, sagt Bürgermeister Peter Rainer. Eine Taxilösung würde rund 6000 Euro im Jahr kosten, davon übernehme der Kreis ja maximal 770 Euro. „Abgesehen davon haben wir noch andere kleine Weiler wie Birköfe oder die Hagelsburg, da müssten wir dann im Sinne der Gleichbehandlung auch solche Sonderbuslinien einrichten.“ Davon habe man Abstand nehmen wollen. „Die Gemeinde Hohentengen beteiligt sich bereits an den Eigenanteilen der Beförderungskosten der Grundschulkinder aus Bremen, Enzkofen und Ölkofen, die einen kürzeren Schulweg als drei Kilometer haben.“ Da übernimmt die Gemeinde die Hälfte der Kosten für die 43,30 Euro kostende Monatskarte.

Die Kompromisslösung: „Weil wir aber sehen, dass die Situation der Familie Blaser eine besondere ist, haben wir die Nachbarschaftshilfe kontaktiert und gefragt, ob es nicht einen Fahrer gibt, der mit seinem Privatwagen die morgendlichen Wege zur Bushaltestelle übernehmen kann“, sagt Rainer. Dieser Fahrer würde nach dem normalen Stundentarif der Nachbarschaftshilfe entschädigt werden, zu dem die Gemeinde für einen Zeitraum von eineinhalb Jahren einen monatlichen Zuschuss von 50 Euro geben würde. Gefunden worden sei da aber bisher niemand.

Fazit der Familie: „Die Anzeige der Nachbarschaftshilfe im Amtsblatt war sehr schwammig formuliert“, sagt Erwin Blaser. „Es war nicht richtig ersichtlich, dass jemand gesucht wird, der morgens einen Siebenjährigen zur Bushaltestelle bringen soll. Das ist ein Aufwand von einer halben Stunde, der auch entschädigt wird.“ Wie die Familie weiß, hat die Leiterin der Nachbarschaftshilfe Sabine Keßler viele infrage kommenden Leute persönlich angesprochen. „Leider konnte sie niemand passenden finden.“ Dabei sei auch möglich, das sich vielleicht mehrere Personen abwechseln. „Dass sich jetzt auf den Zeitungsartikel hin vielleicht doch noch jemand findet, ist unsere letzte Chance“, sagen die Blasers. Denn dass sich die Sichtweise bei Gemeinde oder Busunternehmer noch ändert, glauben sie eher nicht. „Der schwarze Peter wurde der Nachbarschaftshilfe zugeschoben und damit ist der Fall für die Behörden erledigt.“

So macht es Mengen: Auch Granheim ist ein Weiler, der nicht von einem Linien- oder Schulbus angefahren wird. Dort leben derzeit sechs schulpflichtige Kinder. „Vom 1. Oktober bis 30. April fährt ein Taxi des Unternehmens Strobel die Kinder in einer gemeinsamen Fahrt zur Schule und holt sie wieder ab“, sagt Eva Schultz, die bei der Stadt Mengen für den Schulbereich zuständig ist. „In den Sommermonaten fährt das Taxi nicht. Die größeren Kinder nehmen dann das Fahrrad und die kleinen werden von den Eltern gefahren.“ Die Fahrten sind so abgestimmt, dass die Kosten durch die Summe, die die Kommune pro Schüler vom Landratsamt bekommt, abgedeckt ist. Die Eltern zahlen den Eigenanteil zur Monatskarte, die Kommune lediglich den Verwaltungsaufwand.

Wer die Familie Blaser mit einem Fahrdienst unterstützen möchte, kann sich bei Sabine Keßler von der Nachbarschaftshilfe Hohentengen unter Telefon 07572/2130 melden.

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