Musiker präsentieren anspruchsvolle Literatur

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 Beim Jubiläumsabend werden langjährige Mitglieder geehrt, vorneweg Musikdirektor Pius Binder für 50 Jahre Vereinstätigkeit.
Beim Jubiläumsabend werden langjährige Mitglieder geehrt, vorneweg Musikdirektor Pius Binder für 50 Jahre Vereinstätigkeit. (Foto: Lutz)
Wolfgang Lutz

Beim Jubiläumsabend zum 200-jährigen Bestehen des Musikvereins Göge-Hohentengen wurde den Gästen mit einem anspruchsvollen Konzert Freude bereitet. Dabei wurde versucht, einen musikalischen Bogen über die Zeit des Vereinsbestehens zu spannen, was über 200 Jahre nicht ganz einfach war. Trotzdem bot die Kapelle unter der Leitung von Musikdirektor Pius Binder ein anspruchsvolles Programm. Katharina Rothmund und Philipp Löffler gaben Einblicke in die vorgetragene Konzertliteratur.

Mit Fahnen und Schellenbaum marschierte die Kapelle zur Bühne, um sich dem Publikum in den neuen Uniformen zu präsentieren. 129 Uniformen wurden angeschafft, was die größte Einzelinvestition der Vereinsgeschichte darstellt. Eine graue Jacke mit blauer Weste oder Mieder, schwarzer Hose und Rock für die Damen und ein schwarzer Hut mit blauem Band sowie am Ärmel ganz schlicht der Namenszug platziert: MV Göge-Hohentengen. Dazu einheitliche Schuhe für Damen und Herren. Dem Publikum hat die neue Uniform gefallen, was es mit viel Beifall ausdrückte.

Fanfaren beim Aufmarsch

An den Beginn des Konzertteils setzte Pius Binder den „Triumphmarsch Gran Finale“ aus der Oper „Aida“. Dem Werk entsprechend, das ein von Trompeten-Fanfaren strotzendes Werk darstellt, wollte man „Verdi Rechnung tragen“. So erklang mit sogenannten „Aida-Trompeten“ durch Stefanie Kugler, Tobias Löffler, Felix Nassal und Stefan Rothmund der Triumphmarsch, wurden die Klangvielfalt durch die Stimmung beim Aufmarsch, Sieg und Niederlage und auch Festesfreude eindrucksvoll vom Orchester wiedergegeben.

In seiner Komposition „Oregon“ beschriebt Jacob de Haan den Zug eines Trecks durch die Weite der Prärie. War es zu Beginn der weiche, ausladende Klang im Holz, zeigten dann alle Register Präsenz, brachten die Posaunen den Zug ins Rollen. Dann wurde Tempo aufgenommen, wobei sich auch das Schlagzeug gut in Szene setzte. Heiter und beschwingt präsentierte das Orchester dem Publikum aus der Musical -Welt „Mary Poppins“ nach einem Arrangement von Alfred Reed.

In die Welt der Magie entführt wurden die Zuhörer dann mit „Harry Potter and the goblet of fire“. Schwere Kost, die das Arrangement von Robert Sheldon beinhaltete. Vier total unterschiedliche Klangbilder galt es aufzuzeichnen, angefangen von winterlicher Idylle, landestypischer Musik aus Bulgarien und Irland und schließlich Festesfreude auf dem Schloss. Dabei die einzelnen Sequenzen dieses nicht einfachen Werkes herauszustellen, erforderte höchste Konzentration. Ein weiteres Glanzstück war „Toto in Concert“. Das Medley der amerikanischen Rockband, bei dem Felix Brummund sein Gesangstalent bewies, bot alles auf, was für ein Rockkonzert typisch ist. Vor allem das Schlagwerk konnte sich hier beweisen. Wer die Böhsen Onkelz kennt, vermutete hinter dem Stück „Wir haben noch lange nicht genug“, das, was diese Hardrockband auszeichnet. Weit gefehlt. In der sinfonischen Komposition, die ursprünglich für das Sinfonieorchester in Bratislava geschrieben wurde, kam ein sehr melodiöses, ja fast getragenes symphonisches Werk zu Gehör, das am Ende des Konzertes auch den Zuhörern entgegenkam, die den „etwas leiseren“ Tönen frönen.

Das schönste Geschenk des Abends machte Musikdirektor Pius Binder vor allem seiner Frau Karin. 50 Jahre im Verein heißt auch viele Stunden Verzicht auf die Familie. „Ich spielte nie ein Lied für Karin“ von Udo Jürgens hatte Pius Binder für seine Gattin umgeschrieben. Den Gesangspart übernahm Felix Brummund und so wurde das Lied zu einem emotionalen Dankeschön, für das es stehenden Applaus gab.

Der Jubiläumsabend war auch der passende Rahmen, um langjährige Musiker zu ehren. „Sie alle verbindet der Spaß am Musizieren“, freute sich dabei Vorsitzender Roland Längle. Jeder bringe sich auf seine Art beim Musikverein Göge-Hohentengen ein und dafür wurden die entsprechenden Ehrennadeln nebst Urkunden verliehen.

Zehn Jahre aktiv sind: Lena Zimmermann (Saxophon), Patrick Heinzler (Flügelhorn), Lukas Hafner (Schlagzeug), Michael Reck (Fahnenbegleitung).

Für 20-jährige Mitgliedschaft wurden geehrt: Marion Binder (Querflöte), Julia Bruggesser, Sandra Knaus, Daniela Pfau (alle Klarinette), Ilona Madlener und Katharina Rothmund (beide Saxophon), Robert Koch (Flügelhorn), Michael Büchsler, Holger Zielinski (beide Trompete), Andreas Rothmund (Posaune), Raphael Rist (Schlagzeug).

Seit 30 Jahren musiziert Roland Längle auf seiner Klarinette beim Musikverein. Zudem präge er seit 13 Jahren als Vorsitzender den Verein mit der ihm eigenen und erfolgreichen Art, so sein Stellvertreter Josef Rothmund. Längle sei Ideengeber, Organisationstalent, einfach das „Zugpferd“ der Musikkapelle.

Eine Steigerung gab es dann noch mit der Ehrung von Pius Binder, der auf ein 50-jähriges, unnachahmliches Wirken im Verein zurückblicken kann.

1969 auf dem Flügelhorn das Spielen erlernt, die Bläserschule ins Leben gerufen, über 20 Jahre Jugendleiter, seit dem Jahr 2005 bis heute Dirigent und Musikdirektor des Musikvereins Göge-Hohentengen, das ist nur ein kleiner Steckbrief dieses Multitalents. Stehende Ovationen der Konzertbesucher waren ein kleines Dankeschön für so ein einmaliges musikalisches Wirken, wie es Pius Binder zutage legt.

Dass für den Jubiläumsabend ausgerechnet ein Lied der Band Böhse Onkelz ausgesucht wurde, einer Band, der immer wieder ihre Nähe zur Neo-Nazi-Szene und Rechtsextremismus vorgeworfen wurde, erklärt Musikdirektor Pius Binder so: „Einige jüngere Musiker aus unserem Verein, darunter auch mein Sohn, hören diese Musik und sind auch zu Konzerten gegangen. Wenn man sich mit der Musik und der Geschichte der Band beschäftigt, hat man da natürlich erst einmal ein ungutes Gefühl. Im Musikverein haben wir uns schon immer auch mit kritischen Themen auseinandergesetzt. Als die Flüchtlingspolitik vor zwei Jahren viele beschäftigt hat, sind wir auf unserem Konzert für Offenheit eingetreten. Deshalb haben wir auch über die Onkelz diskutiert. Ich habe nicht das Gefühl, dass unsere jungen Musiker durch diese Musik nach rechts abdriften. Die Band distanziert sich heute vor jedem Konzert von der rechten Szene und lässt Neonazis aus den Sälen entfernen. Wie ernst das gemeint ist, kann man aber natürlich nicht wissen. Der Text des ausgewählten Lieds passte zum Vereinsjubiläum, und das sinfonische Arrangement ist musikalisch schon eine tolle Sache.“

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