Kirchenaustritte, Priestermangel und Geldanhäufung

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Paul Hildebrand
Paul Hildebrand (Foto: amm)
Anita Metzler-Mikuteit

Wie arm muss Kirche sein? Mit dieser Frage ist das Landvolkforum betitelt gewesen, das am ersten Adventssonntag im Kirchengemeindesaal in Hohentengen stattgefunden hat. Dabei standen neben dem Vortrag von Domkapitular Paul Hildebrand zahlreiche kritische Fragen und Anliegen der Besucher im Mittelpunkt der Veranstaltung.

Ein mehrere hundert Seiten umfassendes Schriftwerk liegt an diesem Vormittag auf dem Referententisch: der Haushaltsplan 2019/2020 der Diözese Rottenburg-Stuttgart. Der wurde erst vor wenigen Tagen vom Diözesanrat – einem 120 Mitglieder umfassenden Laiengremium - verabschiedet. Dieses dicke Buch soll nicht zuletzt zeigen: Die Kirche legt Wert auf hohe Transparenz. Dass es damit nicht getan ist, wird im zweiten Teil des Forums deutlich.

Zunächst geht der Referent der Leitfrage des Forums nach, benennt etwa den Heiligen Franziskus, der auf sein gesamtes Hab und Gut verzichtet und konsequent in Armut gelebt hat. Er gibt Einblicke in Finanzierungsabläufe und Kontrollinstanzen, benennt die Kirchensteuer mit rund 600 Millionen Euro (2019) als die größte Einnahmequelle in der Diözese und verschweigt nicht die wachsende Zahl von Kirchenaustritten. Wie gerecht ist die Kirchensteuer? „Die Politik weiß sehr wohl, was sie an diesem System hat“, sagt der 67-Jährige und geht davon aus, dass es Steuererhöhungen geben würde, wenn die Kirche aus dem gesamten sozialen Dienstleistungsbereich aussteigen würde. Neben der Kirchensteuer gäbe es weitere Einnahmequellen, etwa Kompensationsleistungen, zurückgehend auf die Säkularisation, Bundeszuschüsse, diverse Anlagen oder Spenden und Kollekten. Dass es ohne „Finanzmittel“ nicht geht, steht nicht nur für ihn außer Frage. Paul Hildebrand zitiert an dieser Stelle einen ehemaligen Bischof mit den Worten: „Wenn wir keine Geldmittel haben, können wir nichts für die Armen tun“.

Spätestens jetzt ist der Zeitpunkt gekommen, wo sich einige Besucher nicht mehr zurücknehmen wollen. „Wie reich ist denn die Kirche tatsächlich“, fragt ein Gast. Laut Paul Hildebrand ist das Vermögen „schwer feststellbar“, die Frage nicht so ohne Weiteres zu beantworten. Die Diözese sei aktuell dabei, das Vermögen zu bilanzieren. Und er verweist darauf, dass die Kirche ein „Non-Profit-Unternehmen“ ist. Es gibt weitere, überwiegend kritische Anmerkungen aus dem Besucherkreis. „So viele Kirchenaustritte kommen doch nicht von ungefähr, Jesus würde den Kopf schütteln, wenn er heute käme“, sagt eine Besucherin aufgewühlt. Viele junge Leute hätten mit dem christlichen Bild, das die Kirche heute ausstrahlt, größte Schwierigkeiten.

Impulse werden erhofft

Ein Kirchengemeinderat thematisiert Probleme mit dem Einnahmen-und-Ausgaben-Procedere der Kirche vor Ort. „Die Austrittswelle wird nicht abklingen“, ist er überzeugt, „und mit dem Haushaltsplan allein ist es nicht getan“. Er beklagt sich etwa darüber, dass es auf Anliegen, die an die Diözese gerichtet werden, wochenlang keine Antwort gibt. „So kann man nicht mit uns umspringen“, sagt er. Und schiebt hinterher, dass bei der Beerdigung des „kleinen Mannes“, anders als bei „Adligen“, keine kirchliche Prominenz vor Ort sei. Eine Besucherin macht keinen Hehl daraus, dass sie sich an diesem Vormittag „Impulse für die Zukunft“ erhofft hat und kritisiert, dass die Kirche Geld „auf die hohe Kante legt“, statt es der Gemeinschaft zugute kommen zu lassen. „Wir sind eine Kirche der Sünder“, sagt Hildebrand, „solange wir leben, werden wir es besser machen müssen“.

Ein weiteres Thema im Zusammenhang mit der Pensionierung des Bussen-Pfarrers Albert Menrad ist der eklatante Priestermangel. An dieser Stelle wird es nochmals sehr emotional. „Haben Sie junge Menschen in Ihrem Umfeld dazu ermutigt, Prieser zu werden?“, fragt Hildebrand in die Runde. Auch die Stiftung Liebenau – eine kirchliche Stiftung privaten Rechts mit rund 40 Tochtergesellschaften und zahlreichen Beteiligungen – wird kritisch beleuchtet. Rund 4000 Euro würde dort ein Pflegeplatz kosten, sagt ein Besucher. „Die ist der Kirche völlig aus den Händen entglitten, kauft rund um Liebenau Grundstücke und Äcker auf, so dass die Landwirte das Nachsehen haben“, erzählen zwei Teilnehmer. Nach zwei teils sehr emotionalen Stunden bedankt sich Paul Hildebrand für die kritischen Beiträge. „Das gehört zur Kirchenlehre dazu, wir müssen ständig reformieren und neu beginnen“, sagt er. Veränderung brauche Energien, Transparenz und Beteiligung.

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