Ein Schauspieler beim Hausbesuch

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Wohnzimmer wird zum Theater

Wenn das Theater zum Publikum kommt. Franz Xaver Ott vom Theater Lindenhof in Melchingen gastierte mit dem Stück „Lachen“ in einem Wohnzimmer in der Ortschaft Völlkofen bei Hohentengen. Das Projekt „Theater im Wohnzimmer“ wird von der Kulturstiftung des Bundes gefördert.

Schwäbische Zeitung
stellv. Redaktionsleiter

Franz Xaver Ott, Schauspieler am Theater Lindenhof in Melchingen, hat am Samstag im Wohnzimmer von Rudolf und Martina Fischer in Völlkofen Theater gemacht. Rund 30 Gäste sahen sein Programm „Lachen“. „Theater im Wohnzimmer“ ist ein von der Kulturstiftung des Bundes gefördertes Projekt. Dem Schauspieler, den Gastgebern und den Zuschauern sind neue Erfahrungen garantiert. Ein Publikum, das auf Eckbank, Stühlen und Hocker Theater im Wohnzimmer schaut, schafft neue Nähe: „Hier ist nichts zwischen uns, keine Mattscheibe, gar nichts“, sagt Franz Xaver Ott einmal während des Stücks.

„Ein Alleinunterhalter packt aus“. Die Doppeldeutigkeit des Untertitels ist gewollt. Aus einem alten, ramponierten Holzkoffer kramt der Schauspieler die Utensilien eines Schauspielerlebens hervor: Einen zusammensetzbaren Holzstab für eine Szene um die erste Rolle des Schauspielers als Christopherus, einen Kassettenrekorder – Ott: „Ich weiß, das ist jetzt Retro“ – für die Aufnahme des lachenden Publikums, eine Art Keyboard für das Einspielen von Begleitmusik und Rhythmen, Perücken, Clownnase und jede Menge Luftballone für die Verwandlungen vom Lachyoga-Lehrer bis zum Räuberhauptmann in Schillers „Die Räuber“. Ott schaut zurück auf die Szenen eines schwäbischen Schauspielerlebens. Niemand weiß, was wirklich passiert ist oder was der kreativen Vorstellungskraft des Künstlers entsprungen ist.

„Lachen“ hört sich nach leichter Unterhaltung in der Vorweihnachtszeit an. Bei aller friedlichen Komik, versteht sich Ott aber auf die Kunst der sanften Provokation. Er sinniert darüber nach, weshalb das Publikum seiner Touren zu Bühnen und Mehrzweckhallen immer wieder über das ewig Gleiche lacht. Er pflegt das falsche Lachen. Wie das bei der Beerdigung seines Vaters. Als dessen Bruder – die Blume in der einen, den Hut in der anderen Hand – aus Versehen den Hut statt der Blume ins Grab wirft, bricht er in Lachen aus. „Echtes Lachen ist nicht leicht verdaulich“,sagt der Künstler. Ott macht zwischendurch Lachyoga-Übungen. Mit dem Lachen beginne jeglicher Widerstand. Seine Empfehlung: „Hineinlachen ins falsche Lachen“. Das ist etwas ganz anderes als „Die Welt will lachen, sonst nichts“. Ziemlich nachdenkliche Zuschauer lässt das Stück „Lachen“ zurück.

Seit März in Häusern unterwegs

Seit März bespielt Franz Xaver Ott mit „Lachen“ die Wohnzimmer in der Republik. 30 Mal kam es bereits zu ähnlichen Begegnungen wie in Völlkofen, darunter Auftritte in Berlin, Halle und Jena. Für Zuschauer und Schauspieler komme es dabei zu spannenden Begegnungen. So sei der Auftritt in der Wohngemeinschaft ein anderer als der in einer Berliner Wohnung vor versammeltem kulturinteressierten Zuschauern.

Das Projekt „Theater im Wohnzimmer“ ist Teil des Programms „Trafo, Modelle für Kultur im Wandel“, das von der Kulturstiftung des Bundes unterstützt wird. Die Theatermacher kommen in einem neuen Format in Kontakt mit neuen Gruppen. „Wir möchten erfahren, was die Menschen bewegt, was sie umtreibt“, sagt Franz Xaver Ott beim gemütlichen Miteinander bei Schnittchen und Getränken im Anschluss an die Vorstellung.

So richtig bekannt ist das Angebot des Theaters Lindenhof noch nicht. Rudolf Fischer stieß in der Bibliothek in Bad Saulgau einen Flyer. „Es war die Möglichkeit, etwas anderes auszuprobieren“, sagte er bei der Begrüßung. Und das so Fischer biete sich an, bevor es langweilig wird.

Neue Überlegungen

Während bei diesem Modell, der Gastgeber die Organisation übernimmt und die Gäste einlädt, gibt es bereits Überlegungen für eine neue Form des Projekts. Danach könnte das Theater Lindenhof die Karten verkaufen. Der Überraschungseffekt für Schauspieler und Gastgeber wäre größer. Und darum ging es doch. „Warum lässt sich niemand mehr überraschen“, fragt der Autor der Kurzusammenfassung zum Stück.

Wer Lust auf Theater bei sich zu Hause bekommen hat, kann sich bewerben bei Theater im Wohnzimmer, Julia Hausch, Telefon 07126/92 93 10 oder unter

kbb@theater-lindenhof.de

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