Am Nebentisch hätte ich Mitternacht nicht erlebt

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 Beim Ringpaschen im Gasthaus Adler in Hohentengen herrscht bei (v.l.) Renate, Elmar, Elmar und Rainer beste Stimmung.
Beim Ringpaschen im Gasthaus Adler in Hohentengen herrscht bei (v.l.) Renate, Elmar, Elmar und Rainer beste Stimmung. (Foto: Jennifer Kuhlmann)

Den letzten Tag eines Jahres ohne das traditionelle Ringpaschen zu begehen, ist in der Region für viele Menschen undenkbar. In der Göge treffen sich die Einheimischen dazu im Gasthaus Adler in der Beizkofer Straße 66. Manche von ihnen schon seit mehr als 20 Jahren. An einem solchen Tisch darf Redakteurin Jennifer Kuhlmann am Silvestermittag Platz nehmen. Und ist schon kurz darauf froh, nicht am Nachbartisch zu sitzen. Dort herrschen nämlich ganz andere Spielregeln.

Eingeladen hat mich Rainer Handte, der zwar beim Merkuria Zustelldienst arbeitet, aber trotzdem im Raum Mengen mein Arbeitskollege ist. Schon vor Jahren hat versucht, mich auf den Geschmack zu bringen und mir von der gemütlichen und heiteren Stimmung beim Ringpaschen im Adler berichtet. Diesmal hat es endlich gepasst, sodass ich mich pünktlich zum Beginn um 13 Uhr am Silvestermittag im Lokal einfinde. Wirtin Hildegard Reichart, die aber alle Hilde nennen, führt das Gasthaus seit mittlerweile 27 Jahren. „Das Ringpaschen findet seither ebenfalls jedes Jahr hier statt“, sagt sie und blickt zufrieden in die Runde. Auch im Alter macht ihr die Veranstaltung immer noch Spaß. Unterstützung bekommt sie beim Ausschenken der Getränke von ihrem Enkel.

Hilde hat die Ringe besorgt, um die nun gewürfelt werden soll. Große und kleine Kränze aus Hefeteig vom Bäcker, Krakauerringe und Schwarzwurstringe von der Metzgerei. „Die Regeln bestimmt jede Tischgemeinschaft selbst“, sagt Rainer Handte. Die wichtigste, die für wirklich alle gilt: Beim Ringpaschen duzt man sich. Deshalb haben meine Mitspieler in diesem Text auch nur Vornamen. Es sind Helmut, Dieter, Elmar, Elmar, Renate, Rainer und ich. Später kommt noch Rudi hinzu, dem unsere Runde nicht schnell genug ist, weil er Hunger mitgebracht hat.

Bei uns werden zunächst bei sieben Spielern sechs Ringe ausgespielt. Die müssen aber zuvor bei Hilde gekauft werden. Deshalb wird das „Startgeld“ erwürfelt. Der Becher mit den Würfeln geht reihum und jeder, der weniger als zehn Augen bei drei Würfeln vorweisen kann, bekommt auf Rainers Block einen Strich im Gegenwert von 20 Cent. Bis wir die 18,20 Euro erreicht haben, dauert es eine Weile. „Aber wir unterhalten uns nebenher, das gehört ja auch dazu“, sagt Rainer. „Aber je mehr der Schreiber quatscht, desto mehr müssen wir ihm auf die Finger sehen, dass er alles richtig notiert“, kontert Helmut.

Am Nebentisch geht es hoch her

Dafür, dass an unserem Tisch niemand unbemerkt einen Einser-Pasch würfelt, dafür sorgt das Kollektiv. Drei Einsen bedeuten nämlich, dass der Würfler eine Tischrunde Schnaps – Rainer nennt die kleinen Fläschchen „Hüpfer“ – zahlen muss. Trinken muss ihn bei uns aber niemand, der nicht möchte. Renate verzichtet nach einer Runde, Elmar hat später noch Taxidienst und ich bin auch mit dem Auto da. „Nebenan wäre das kein Argument“, sagen die Männer und blicken zum Nachbartisch hinüber. Dort sitzen die Fußballer aus dem Ort, bei denen bei jedem Pasch ein „Hüpfer“ fällig wird. Dem Lautstärkepegel und den Abständen nach zu urteilen, in denen Hildes Enkel mit den Likörkartons an den Tisch herantritt, können dort einige ziemlich gut würfeln. Die Fläschchen werden regelmäßig auf den Tisch geklopft und die leeren Flaschen zu einem beachtlichen Turm in der Raumecke gestapelt. Ich kann mir gerade gar nicht vorstellen, dass von der Gruppe jemand Mitternacht erleben wird. Andererseits macht Übung ja manchmal auch den Meister... „Klar ist mir der Schnaps auch schon einmal ausgegangen“, sagt Hilde. „Aber dann ist jemand losgefahren und hat Nachschub besorgt.“ Ansonsten habe sie eigentlich schon einen guten Überblick, wie viel sie besorgen muss. „Mittlerweile mache ich auch um 17.30 Uhr Schluss, früher ging es noch viel länger“, erinnert sie sich.

„Den Lärm habe ich später noch in den Ohren, wenn ich wieder zu Hause bin“, sagt Renate lachend und sieht nicht aus, als würde sie das groß stören. „Ich finde es toll, dass die jungen Leute die Tradition aufrecht erhalten.“ Sie selbst hat sich vor zehn Jahren einmal alleine in den Adler getraut und ist seither jedes Jahr am gleichen Tisch mit dabei.

Im nächsten Schritt hat jeder drei Würfe und muss möglichst viele Punkte machen. Der Sieger darf unter den Ringen wählen, der Verlierer geht leer aus. Mein Schnitt nach vier Spielen ist durchschnittlich. Zweimal war ich vorn dabei, zweimal die allerletzte. Zwei Hefekränze trage ich mit nach Hause und bin damit mehr als zufrieden. Ist ja schließlich auch ein Glücksspiel. Und eine wirklich sympathische Tradition.

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