Schwäbische Zeitung

In der Nähe der Hofgemeinschaft Heggelbach haben die Bauarbeiten für ein deutschlandweit einzigartiges Forschungsprojekt begonnen. Arbeiter installieren zurzeit 24 Stahlstützen, auf denen anschließend Solarmodule befestigt werden – allerdings nicht auf der grünen Wiese, sondern über einem Acker, der danach weiterhin bewirtschaftet wird. Agrophotovoltaik nennt sich das Verfahren, mit dem künftig Strom und Nahrungsmittel an ein und derselben Stelle gleichzeitig erzeugt werden sollen.

Kreissägen kreischen auf, schwere Fahrzeuge brummen heran: Auf dem beschaulichen Acker des Landwirts Thomas Schmid herrscht emsiges Treiben. Überall liegen Stahlplatten und -stangen auf dem Feld verteilt, Vorboten der neuartigen Anlage, die es so noch nie in Deutschland gegeben hat. Rund drei Millionen Euro investiert das Bundesforschungsministerium in das Agrophotovoltaik-Projekt, das in Zusammenarbeit mit dem Fraunhoferinstitut für Solare Energiesysteme, der Uni Hohenheim, dem Institut für Technikfolgenabschätzung und Systemanalyse, dem Unternehmen Baywa, den Elektrizitätswerken Schönau sowie dem Regionalverband Bodensee-Oberschwaben umgesetzt wird. Die Wissenschaftler wollen herausfinden, wie sich die Idee in der Praxis schlägt.

Das Prinzip der Agrophotovoltaik ist schnell erklärt: Um den Flächenverbrauch zu reduzieren, teilen sich Solarmodule und Ackerpflanzen denselben Platz. „Die Module werden später in sechs Meter Höhe hängen und 33 Prozent der Ackerfläche überdecken, die insgesamt einen halben Hektar umfasst. Damit werden wir mögliche Einschränkungen erforschen“, sagt der 60-Jährige. Es müsse etwa festgestellt werden, wohin im Laufe des Tages der Schatten fällt, wie sich das Regenwasser verteilt, ob durchs Dreschen aufgewirbelter Staub Probleme macht oder die Konstruktion landwirtschaftliches Gerät wie Traktoren behindert.

„Es gibt viele offene Fragen. Deshalb müssen wir es einfach mal ausprobieren“, sagt Schmid, der sich zuversichtlich zeigt und statt etwaiger Bedenken lieber die Chancen hervorhebt: „Wir haben die Energiewende eingeleitet und müssen uns Ideen überlegen, wie wir zukünftig den Energiebedarf decken wollen“, sagt er. Schließlich hätten die erneuerbaren Energien nicht nur Vorteile zu bieten. Windkraft sei im Süden nicht so der Bringer, Biogas komme an seine Grenzen und Solaranlagen auf Freiflächen würden die Landschaft versiegeln. „Ich möchte meinen Beitrag für den Fortschrittt leisten. Wenn der Versuch hier klappt, dann klappt er überall“, sagt das Gründungsmitglied der Hofgemeinschaft Heggelbach, die dieses Jahr 30-jähriges Bestehen feiert.

Vier Jahre hat die Vorbereitung für das Projekt gedauert, das in den nächsten drei Jahren wissenschaftlich begleitet wird. Die Anlage selbst soll laut Schmid die nächsten 20 Jahre lang den Strombedarf der Hofgemeinschaft decken. Der Rest soll ins Netz eingespeist werden. Das Feld unter den Modulen wird im Sinne der Fruchtfolge beackert. Vorgesehen ist der Anbau von Kleegras, Getreide und Gemüse wie Kartoffeln und Ackerbohnen.

Besucher können sich die neue Anlage beim Tag der offen Tür am Sonntag, 18. September, von 10 bis 17 Uhr anschauen.

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