Herbertingen drohte mit Revolution nach Pariser Vorbild

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 Kreisarchivar Edwin Weber spricht über Besonderheiten des 18. Jahrhunderts in Herbertingen.
Kreisarchivar Edwin Weber spricht über Besonderheiten des 18. Jahrhunderts in Herbertingen. (Foto: vr)
Vera Romeu

Sehr viele interessierte Bürger sind zum Vortrag von Kreisarchivar Edwin Weber über die Armut und die Ungerechtigkeit im ausgehenden 18. Jahrhundert gekommen. Der Lilly-Jordan-Saal im Alten Rathaus in Herbertingen war voll. Veranstalter waren das Kreiskulturforum, die Lilly-Jordan-Stiftung und die Gemeinde Herbertingen.

Weber betonte, dass die oberschwäbische dörfliche Gesellschaft im ausgehenden 18. Jahrhundert eine betont ungerechte und ungleiche war. „Bauern kommen privilegiert auf die Welt. Arme bleiben arm. Gleichheit ist in dieser Zeit eine fremde Vorstellung“, sagte Weber. Adelsfamilien und Klöster üben die Grundherrschaft aus, erheben Steuern für sich, ohne Gegenleistung für das Allgemeinwohl.

Bürgermeister Magnus Hoppe freute sich, so viel Publikum zu begrüßen. Er bezog sich auf die Forschungsergebnisse von Kreisarchivar Weber und betonte, die Gemeinde Herbertingen lasse sich heute noch ungern Dinge von der Obrigkeit vorschreiben. Ein gewisses Selbstverständnis wirke seit dem 18. Jahrhundert noch nach, so Bürgermeister Hoppe. So habe Herbertingen zwei Bahnhaltestellen, sich die Umgehungsstraße erkämpft und setze sich derzeit ein, um in der Sache Heuneburg das bestmögliche Ergebnis für die Gemeinde zu erzielen.

Weber lobte den Erhalt und die Sanierung des Alten Rathauses, weil das Gebäude eben für dieses 300 Jahre alte Selbstverständnis und diese Streitbarkeit der Herbertinger Bürger stehe. Im 18. Jahrhundert war Herbertingen zwar eine größere und reiche Gemeinde, doch in der Dorfbevölkerung herrschte eine große Ungleichheit. Zwei Drittel der Menschen waren arm. Reich waren Bauern, Müller und Gastwirte; sie schauten auf die Armen runter, erklärte Weber. Arm waren Taglöhner, Kleinbauern, Kleinhandwerkern und Seldner. Die vielen Gewerbetreibende deckten den Bedarf an handwerklichen Gütern im Dorf ab. Kleinlandwirtschaft und Handwerk waren aber nicht auskömmlich. Diese Unterschichten hatten Mühe über das Jahr zu kommen. Gab es eine Missernte oder einen Krieg, dann hungerten die Leute und waren vom Tod bedroht.

Junge Bauern verschulden sich

Die Bauernfamilien erhielten die Grundstücke von den Adelsfamilien und Klöstern als Lehen. Dafür bezahlten sie hohe Abgaben und erbrachten Dienste. Oft verschuldeten sich junge Bauern, wenn sie den Hof übernahmen. Diese Struktur blieb über Jahrhunderte stabil. Sie wurde vom Erbrecht verfestigt: Nur der älteste oder der jüngste Sohn übernahm den Hof. Die Geschwister mussten weichen. Die Bewirtschaftung der Felder unterlag starren Regeln. Die Dreifelderwirtschaft teilte die Flächen in Winterfelder, Sommerfelder und Brache ein. Alle Bauern mussten zur gleichen Zeit säen und ernten. In der Zucht von Zugtieren und dem Abbau von Getreide lagen die landwirtschaftlichen Schwerpunkte. Dinkel Roggen, Pferde und Rinder wurden nach Sankt Gallen in die Schweiz exportiert: Dort hatte die frühe Industrialisierung bereits begonnen.

Die landwirtschaftlichen Flächen und der Wald wurden nach der Ernte gemeinschaftlich genutzt. Doch auch hier war die strukturelle Ungleichheit gefestigt: arme Leute durften nur wenig Vieh hüten, reiche mehr. Im 18. Jahrhundert entstand ein erbitterter Streit um diese gemeinschaftlichen Flächen in Herbertingen. Weber berichtete ausführlich über die Konflikte zwischen dem Dorf Herbertingen und seiner Herrschaft Thurn und Taxis in Scheer. Es ging so weit, dass der Unteramman und Müller Zachäus Fürst mit einer Revolution nach dem Pariser Vorbild drohte, wenn die Herrschaft den Forderungen nicht nachgebe.

Erst im 19. Jahrhundert veränderten sich die gesellschaftlichen Strukturen. Die feudale Bindung von Boden und die Vergemeinschaftlichung der Flächen wurden aufgelöst. Die Ackerböden wurden intensiver bewirtschaftet, das Vieh im Stall gefüttert, der Mist zur Steigerung der Produktivität auf die Felder ausgebracht. In der zweiten Hälfte stiegen die Erträge. Doch die ländliche Armut wurde dadurch nicht überwunden. Die Leute wanderten aus: nach Übersee oder in die industriellen Gegenden. So zeichnete sich ein düsteres Bild der Gesellschaft im 18. Jahrhundert, das sehr mit dem strahlenden oberschwäbischen Barock kontrastiert.

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