„Wir leben nicht in einer Bananenrepublik“

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Schwäbische Zeitung
Ignaz Stösser
Redakteur Alb/Lauchert

Die Diskussion um die Konzentrationszone für Windkraft in Kettenacker wird immer emotionaler geführt. Zahlreiche Vorwürfe stehen im Raum. Vor allem wird die Stadtverwaltung und die kommunalen Stadtwerke, die Gammertinger Energie- und Wasserversorgung (GEW) ins Visier genommen. Die SZ ging den Vorwürfen nach und hat versucht herauszufinden, was dahinter steckt.

Vorwurf 1. Nicht ganz ernst gemeint ist der Vorwurf, Bürgermeister Holger Jerg ist beim Zerstören des Rotmilanhorstes im Kettenacker Wald vom Baum gefallen und war deswegen im Krankenhaus.

Tatsache ist: Er war zwischen Weihnachten und Dreikönig im Krankenhaus, aber nicht etwa wegen eines gebrochenen Beins und geprellter Rippen, sondern wegen Herz- und Kreislaufproblemen. Im Spaß sagt er dazu: „Gerade weil ich im Krankenhaus war, habe ich doch ein Alibi“.

Vorwurf 2. Und nun im Ernst: Ein weiterer Vorwurf lautet, die Stadt habe etwas mit dem Verschwinden der beiden Nester zu tun. Die Nester seien verschwunden, nachdem die Bürgerinitiative dem Landratsamt mitgeteilt hatte, dass man vier Rotmilanhorste im Bereich der geplanten Konzentrationszone ausfindig gemacht habe. Das Landratsamt hat nämlich die Unterlagen an die Stadt als planende Instanz weitergeleitet.

Für Bürgermeister Jerg ist dieser Vorwurf eine Riesenunverschämtheit. „Wie stellen sich die Leute das denn vor?“, fragt er rhetorisch. Vielleicht etwa so? „Der Bürgermeister erteilt einem Bauhofmitarbeiter den Auftrag, eine Straftat zu begehen, und der würde das dann tun?“ Er sei sicher, keiner der städtischen Mitarbeiter wäre bereit zu solch einer kriminellen Tat.

Vorwurf 3. Der Bürgermeister distanziert sich nicht von der Zerstörung der Milannester, also vom Verstoß gegen das Umweltgesetz.

Jerg weist darauf hin, dass er ernsthaft krank gewesen sei und nach den Feiertagen erst jetzt seine Arbeit wieder aufgenommen habe. Und er macht deutlich: „Ich finde diese Tat äußerst schwachsinnig.“ Ihm wäre es viel lieber, die Nester wären noch da, dann könnte man richtig überprüfen, ob es sich um aktive Rotmilanhorste handelt. Es sei wichtig, stichhaltige Argumente für die Rechtssicherheit der Flächennutzungsplanung in der Hand zu haben zu haben. Die Stadt dürfe keine Verhinderungsplanung betreiben.

Vorwurf 4. Bürgermeister Jerg, der GEW-Chef Manfred Schaller und die Gemeinderäte kassieren Provisionen, damit sie die Planungen für die Konzentrationszone bei Kettenacker vorantreiben.

„Das ist eine böswillige Unterstellung“, sagt der Bürgermeister dazu. Man lebe doch nicht in einer Bananenrepublik, wo vielleicht mit solchen Methoden agiert werde. Außerdem: Woher sollte denn das Geld kommen? Bislang habe kein privater Investor Interesse an den Flächen südlich von Kettenacker gezeigt.

Vorwurf 5. Die Stadt beziehungsweise die GEW will selbst einen Windpark südlich von Kettenacker einrichten.

Der Bürgermeister räumt ein, dass es eine Interessensgemeinschaft kommunaler Versorgungsunternehmen gebe, die solch ein Projekt ins Auge gefasst habe. Die Gemeinschaft, die eventuell später eine GmbH sein kann, besteht neben der GEW aus zwei weiteren Stadtwerken aus der Region und einem Strom-Unternehmen. Man kooperiere schon seit Jahren und wolle regional in ein erneuerbares Windprojekt investieren. Gammertingen könnte der Sitz dieser GmbH werden. Dazu Jerg: „Das Projekt wird aber nur dann umgesetzt, wenn es wirtschaftlich betreibbar ist und man die Mehrheit der Bevölkerung dafür gewinnen kann.“ Gewinnen will er die Bevölkerung mit dem Versprechen, das nächstliegende Windrad möglichst in einer Entfernung von 1.000 Meter vom Ort zu errichten. Es soll auch schon eine ganze Reihe Anfragen von Bürgern geben, die sich an solch einem Windprojekt finanziell beteiligen möchten. Wenn allerdings die Konzentrationszone wegen des Milans nicht zustande komme, müsse man sich überlegen, ob es sinnvoll sei, das Projekt anderswo umzusetzen.

Vorwurf 6. Es soll schon zwei Hausdurchsuchungen im Rathaus gegeben haben.

Da sei nichts dran, so der Bürgermeister. Keiner habe im Rathaus nach Steigeisen gesucht, mit denen die Nester entfernt worden sein könnten. Es habe lediglich Routinekontakte zwischen der Kripo und der Verwaltung gegeben.

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