Windräder stellen vieles in den Schatten

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Redakteur Alb/Lauchert und Pfullendorf

Seit etwa zehn Jahren dominiert im Gammertinger Ortsteil Kettenacker ein Thema: Windkraft. Das, sagt Ortsvorsteher Matthias Gulde, sei angesichts der Bedeutung zwar nachvollziehbar, aber auch schade. Denn der Ortsteil habe noch so viel mehr zu bieten – vom Vereinsleben über die regelmäßigen Theateraufführungen bis hin zur Backhaus-Tradition. Deshalb bleibe die Zahl von rund 260 Einwohnern konstant, auch die Nachfrage nach Bauplätzen halte an. „Durch das Thema Windkraft ist sie allerdings stark zurückgegangen“, sagt Gulde.

Seit Energieunternehmen den Bau von Windkraftanlagen in Kettenacker ins Auge gefasst haben, regt sich im Ort Widerstand gegen diese Pläne. Federführend ist dabei der „Verein für Mensch und Natur Kettenacker“. Grund zur Freude hatte dieser zuletzt vor gut einem Jahr, als in der Nähe des geplanten Windparks ein brütendes Rotmilanpaar entdeckt wurde. Daraufhin zogen die vier Energieversorger, die den Windpark bauen möchten, ihren Antrag zurück. In den kommenden Jahren wird sich entscheiden, ob es einen erneuten Anlauf für das Projekt gibt.

„Eine Umfrage hat ergeben, dass 95 Prozent der Einwohner hinter den Positionen des Vereins für Mensch und Natur stehen“, sagt Matthias Gulde. Er selbst spricht sich nicht grundsätzlich gegen Windkraft aus, ist aber entschiedener Gegner des Projekts in Kettenacker. Der vorgesehene Abstand zur Wohnbebauung reiche bei Weitem nicht aus, sagt er. Zudem dürften Windräder nur dort gebaut werden, wo es sich auch wirklich rechnet. Dass das beim Windpark in Kettenacker der Fall wäre, daran hat Gulde erhebliche Zweifel.

Explosion erschüttert das Backhaus

Doch Kettenacker zeichnet sich durch mehr aus als durch den Widerstand gegen Windräder. Stolz ist Matthias Gulde zum Beispiel auf die 2001 gegründete Backgemeinschaft, die die Backhaus-Tradition pflegt. Mehrere Familien bringen zusätzlich ihren selbst hergestellten Teig ins Backhaus, wo verschiedene Brotsorten im Ofen landen. Unter Schock standen die Verantwortlichen nach einer Explosion im Frühjahr 2015. Eine Tür wurde aus den Angeln gerissen, Rauch drang durch die geschlossenen Fenster – aber wie durch ein Wunder wurde niemand verletzt. Die Versicherung bezahlte einen Großteil des Schadens. Ein Jahr nach der Explosion wurden zwei neue Öfen in Betrieb genommen.

Die Ledigengesellschaft ist eine weitere Besonderheit des Ortsteils. „Mit dem 18. Geburtstag kann man aufgenommen werden, mit der Hochzeit scheidet man wieder aus“, sagt Matthias Gulde. Es gibt in Kettenacker eine Theatergruppe, eine Frauengemeinschaft, die Feuerwehr, einen Jugendverein, einen Musikverein, die Narrenzunft Tischles-Rucker und die Sportgemeinschaft Kettenacker-Feldhausen-Harthausen. Deren Fußballer hoffen für das kommende Jahr auf eine Erneuerung der maroden Duschen in den Umkleidekabinen in Bürgerhaus. „Denn die Heimspiele der neuen Spielgemeinschaft mit Gammertingen in der Rückrunde sollen allesamt in Kettenacker ausgetragen werden“, sagt Gulde.

Doch die Duschen sind nicht die einzigen Dinge, die im Bürgerhaus auf Vordermann gebracht werden sollen. Noch in diesem Jahr soll die Küche modernisiert werden. Außerdem ist ein barrierefreier Zugang geplant, der möglichst ebenfalls bis Ende des Jahres eingerichtet werden soll – zumindest teilweise. Fenster sollen zum Teil erneuert, ansonsten ausgebessert und zusammen mit der Fassade einen neuen Anstrich bekommen. Umgesetzt werden diese Projekte voraussichtlich aber erst im kommenden Jahr. Letzte Modernisierungen am Gebäude habe es vor rund 25 Jahren gegeben, sagt Gulde. „Und der Saal im Bürgerhaus ist der größte im Stadtgebiet.“

Kapelle dient als Rückzugsort

Relativ groß ist auch die Mitte der 50er-Jahre erbaute Kirche St. Martin. Die Ausstattung stammt noch aus der Vorgängerkirche in unmittelbarer Nachbarschaft, die dem Neubau hatte weichen müssen. Kanzel und Altäre tragen deshalb die Jahreszahl 1693. Mit der St.-Georgs-Kapelle südöstlich des Ortskerns gibt es einen weiteren geistlichen Rückzugsort.

Arbeitsplätze in Kettenacker bieten zwei Landmaschinen-Betriebe, viele Einwohner arbeiten außerdem in Gammertingen oder bei einem großen Werkzeugmaschinen-Unternehmen in Hettingen. Mit dem Brauereigasthof „Zum Löwen“ hat sich im Ort bis heute die Gaststätte gehalten. Bier gebraut wird inzwischen zwar nicht mehr. „Aber mit Feierabendhock an Wochentagen und als Speiselokal an Sonn- und Feiertagen wird die Brauereigaststätte sehr geschätzt“, sagt Matthias Gulde.

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