Umfrage: Gammertinger sehen Nahverkehr und Ärzteversorgung kritisch

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Sabine Rösch

Die komplette Auswertung der Fragebögen können sich Interessierte von der Internetseite der Stadt herunterladen. Dort sind auch Anmeldungen für die Bürgertische möglich: www.gammertingen.de.

Die große Mehrheit der Gammertinger über 40 fühlt sich in der Stadt nicht nur wohl, sondern möchte auch im Alter dort leben. Am liebsten in den eigenen vier Wänden. Das Problem: Viele Immobilien sind nicht barrierefrei. Welche Herausforderungen sonst noch auf die Bevölkerung zukommen, ließen sich zahlreiche Gäste am Montagabend in der Aula der Laucherttalschule erklären. Dort wurden die Ergebnisse einer Umfrage zum Leben und Älterwerden in Gammertingen vorgestellt.

Grundlage der präsentierten Zahlen waren 1227 Fragebögen, die Frauen und Männer der entsprechenden Altersgruppe im Mai ausgefüllt hatten. Ausgewertet wurden die Daten anschließend vom Freiburger Sozialforschungsinstituts „Alter – Gesellschaft – Partizipation“ (AGP). Dessen wissenschaftlicher Geschäftsführer Pablo Rischard stellte am Montag die Ergebnisse vor.

Demnach bildet die Familie für viele ältere Menschen die zentrale Solidargemeinschaft. Allerdings werde auch in Gammertingen die Zahl von Senioren mit Pflegebedarf und/oder Demenz zunehmen, sagte Rischard. Zudem würden die Familiennetzwerke kleiner und beschränkten sich nicht mehr auf die Region. Kritik übten die Befragten unter anderem an der Ärzteversorgung: Fast die Hälfte von ihnen bewertet diese als nicht ausreichend, lediglich elf Prozent sind zufrieden.

Interesse an einem Bürgerauto

Probleme sehen die Befragten auch beim öffentlichen Nahverkehr. 73 Prozent bemängeln, dass Bus und Bahn zu selten fahren. 43 Prozent kritisieren schlechte beziehungsweise fehlende Verbindungen. Für 18 Prozent sind Haltestellen zu weit entfernt, zehn Prozent vermissen barrierefreie Busse. Unterm Strich kommen 47 Prozent zu dem Ergebnis, dass sie Bus und Bahn häufiger nutzen würden, wenn die Bedingungen besser wären. Klares Interesse gibt es an einem flexiblen Angebot wie einem Bürgerauto oder Rufbus.

Doch auch gute Nachrichten hatte Pablo Rischard im Gepäck. So ist die große Mehrheit der Befragten mit ihrem sozialen Netz sehr zufrieden (35 Prozent) oder eher zufrieden (41 Prozent). Die Identifikation mit der Stadt ist groß, Gammertingen wird von den Einwohnern über 40 Jahren als lebenswert empfunden. Deshalb sind von ihnen auch viele bereit, sich in der Stadt zu engagieren. Auch die Sportangebote, die Arbeit der Kirchen und Vereine sowie die allgemeinen Möglichkeit, sich zu engagieren, bewerten die Befragten als gut und mehr als ausreichend.

Bei den offenen Rückfragen äußerten sich 152 Bürger besorgt und kritisch bezüglich der Zukunft des städtischen Pflegeheims. Der Tenor: Eine Verlegung ins Stadtzentrum kommt für viele eher nicht in Frage. Die Stadt soll die Trägerschaft möglichst nicht aus der Hand geben. Hintergrund für diese Anmerkungen sind neue Vorgaben in der Landesheimbauverordnung. Diese machen den wirtschaftlichen Betrieb des Gammertinger Pflegeheims für die Zukunft nahezu unmöglich. Deshalb soll es in den kommenden Jahren durch einen Neubau ersetzt werden.

Übergangsweise könne das Pflegeheim noch bis Mitte 2025 betrieben werden, sagte Bürgermeister Holger Jerg. Gemeinderat und Verwaltung hätten sich nach intensiven Beratungen dazu entschieden, in ein neues Heim zu investieren. Ein Umbau der bestehenden Einrichtung sei pflegerisch und wirtschaftlich keine sinnvolle Lösung. Mit einer Investition von rund zehn Millionen könne ein neues Heim mit 60 vollstationären Pflegeplätzen entstehen.

Wie Holger Jerg erläuterte, finden in den kommenden Wochen insgesamt zehn Bürgertische statt. Diese widmen sich den Themenbereichen „Zu Hause leben fördern“, „Lebensqualität plus – vor Ort“ und „Neues Wohnen in sozialem Umfeld“. Der erste Workshop findet am 17. Oktober statt, der letzte am 21. November. Es sei nicht die Qual der Wahl, sondern Freude und Lust, sich an den Bürgertischen zu beteiligen, sagte Jerg. Moderiert werden die Veranstaltungen von Peter Beck von der Vinzenz Service GmbH und seiner Mitarbeiterin Selina Elfert.

Er habe bereits zahlreiche Gemeinden in solchen Prozessen beratend begleitet, sagte Peter Beck, der den hohen Willen zur Veränderung lobte. Die Bürgertische würden ergebnisoffen angegangen. „Es ist ein wichtiger Beitrag für Ihre Stadt“, sagte Beck. Auf der Grundlage der Ergebnisse solle die Zukunftskonzeption zum Leben und Älterwerden in Gammertingen entstehen. Ab Frühjahr 2020 sollen daraus resultierend konkrete Maßnahmen angegangen werden.

Die komplette Auswertung der Fragebögen können sich Interessierte von der Internetseite der Stadt herunterladen. Dort sind auch Anmeldungen für die Bürgertische möglich: www.gammertingen.de.

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