Narrengericht Gammertingen klagt Missetaten an

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Der Jahrgang 1968 und mit ihnen Jutta Lieb als Freiheitsstatue müssen sich vor dem Narrengericht verantworten.
Der Jahrgang 1968 und mit ihnen Jutta Lieb als Freiheitsstatue müssen sich vor dem Narrengericht verantworten. (Foto: Gabriele Loges)
Gabriele Loges

Das Narrengericht der Narrenzunft Horig hat in wohlgesetzten Worten auf dem Rathausplatz die Frevler und Spitzbuben des vergangenen Jahres verurteilt. Gleich in elf Fällen mussten sie zum Wohle der Stadt und zur Freude des herbeigeeilten Volkes eingreifen.

Die Katzenmusik und der Brolde Karl Bögle führten die „Ankläger“ Wolfgang Göggel und Ewald Thiel sowie „Richter“ Wolfgang Herre zum Narrengericht. Vom Brolde aufgerufen und herbeigeschafft wurde zunächst Werner Schnell, ehemaliger Zunftrat und Rentner, der mit einem Bonbonpapier sein wackliges Provisorium in den Zähnen festklebt hatte, sodass dieses nur mit einer OP entfernt werden konnte. Der schmerzgeplagte „Brückenbauer“ kam glimpflich davon, der Hauptschuldige Zahnarzt Kraus wurde zu einer Runde Viertele verurteilt.

Mario Le Fosse, eigentlich Hettinger, aber mit der Gammertinger Rebecca verheiratet, wurde als nächster vors Gericht zitiert. Bei der letzten WM versprach er großzügig Freibier und eine Gratiswurst für jedes Tor, das die Italienische Nationalmannschaft schoss. Er verschwieg allerdings, dass sich die Italiener erst gar nicht qualifiziert hatten. Für diese „italienische Werbekampagne“ hatte der Richter Verständnis, denn bereits das Nichtteilnehmen sei für einen Italiener ein Schock.

Falsche Hochzeit

Artur Acker tanzte, aß und vergnügte sich bis zur Brautentführung auf der falschen Hochzeit. Der „Walzerkönig“ und Zechpreller musste wegen der „einbehaltenen Hochzeitsschenke“ die doppelte Gebühr von 15 Euro in die Narrenkasse zahlen.

Mit seltsamen Pferdeflüsterern hatte sich das „Hohe Gericht“ im Fall von Wolfgang und Sabine Lieb, Berthold und Karin Lieb, Manfred und Jutta Lieb, Schorsch und Iris Vojta, Thomas und Andrea Bodenmüller sowie Harald Bruder zu beschäftigen. Bei ihrer sonntäglichen Nordic-Walking-Tour wollten Harald und Wolfe so lange ein entlaufenes Fohlen einfangen, bis die Stute ebenfalls außerhalb des Gatters war. Die beiden Stallmeister haben sich blamiert und müssen bezahlen, aber auch die anderen werden wegen unterlassener Hilfeleistung und Schadenfreude bestraft.

Nachtwächter Wolfgang Göckel und Star von „Bares für Rares“, der sich „verhalten hat wie ein Hengst vom Bohl“, verwechselte die eine Claudia mit der anderen. Das Gericht ließ Milde walten, denn Schuld sei eindeutig seine Frau Ingrid, die ihn lediglich „zur Claudi“ zum Frisieren schickte.

Beim Fall Frank Ulmer und Christoph Lieb ging es um einen Fasnetsumzug anlässlich der Hochzeit von Lieb im Sommer, ein Frevel, der „schon fast nach dem Galgen schreit“. Als Strafe wurde Frank Ulmer auferlegt, am selben Tag einen Tiermaskenumzug mit mindestens sechs verschiedenen Tiermasken und zehn Musikanten zusammenzustellen.

„Deutsch für Ausländer“

Als es beim Strohwitwer Gustav Heißel während der Fußball WM und beim Gang von der Toilette plötzlich schoss, vermutete dieser Schlimmes und ging in Deckung. Allerdings waren es nur die hartgekochten und total vergessenen Eier, die knallend zerplatzt waren. Jetzt hieß es für ihn putzen und neu streichen.

Ein Kochkurs soll in Zukunft Abhilfe schaffen. Im Fall des badisch-reingeschmeckten „Peter Habich“, Rätschenbauer der Narrenzunft Horig, kam dieser im Eifer des Hinausstellens unter den Mülleimer und verletzte sich. Einen Tag später fuhr er mit seiner Frau nach Magdeburg. Der dortige Arzt verstand kein Wort und wunderte sich zudem über die „gelben Füße“ des Herrn Habich. Nun muss er vor Reisen ins innerdeutsche Ausland beim badischen Konsulat ein Visum beantragen und einen Kurs „Deutsch für Ausländer“ belegen.

Christoph Ocker, Walter Businger und Ludwig Schenzinger führte ein Einbruch zusammen. Während Ludwig alles richtig gemacht hatte und die Polizei anrief, stiegen Ocker und Businger am heiligen Stephanstag ins Gymnasium ein. Zum Glück erkannte Polizist Klaiber die „arbeitsgeilen Schulmeister“. Eine Stürmung und mögliche Erschießung der vermeintlichen Einbrecher konnte so gestoppt werden. Auch das Ehepaar Hans und Marlies Baier blieb vom Hohen Magistrat nicht unbeobachtet. Wollte Hans doch ohne gültige Ausweispapiere verreisen. Heraus kam, dass der Hans eigentlich „Johann Eugen“ heißt. Die Reise nach Griechenland gelang zwar, aber die Frage bleibt: Ist Johann Eugen überhaupt verheiratet?

Höhepunkt der Verurteilung war der Fall „Jahrgang 1968 und Jutta Lieb“. Auch Brolde Bögle gehört dazu, weshalb er nach dem Herbeiholen der Kollegen seine Mütze auf die Schelle und vors Hohe Gericht legte. „Der Fall ist sehr komplex“, so „Richter“ Herre und vereint viele Straftäter. Jutta Lieb fiel beim Stocherkahnfahren in Tübingen ins Wasser und kam wie die Freiheitsstatue von New York mit dem Geld in der Hand nach oben gestreckt wieder zum Vorschein. Merkwürdigerweise eilten weder ihr Mann Manne noch der flirtende „Bay Watch“-Rainer zu Hilfe.

War es „Kielholen“, unterlassene Hilfeleistung oder ein Mordversuch? Der Brolde konnte aufgrund der Verhörschnäpse den Fall nicht aufklären. Dem zuschauenden Ehemann wurde verboten, seine Frau gegen eine Ziege einzutauschen und der flotte Rainer wird in die Verbannung ins protestantische Tübingen geschickt – oder zahlt 20 Euro in die Narrenkasse.

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