Künstler beschäftigen sich mit der Schönheit in der Vergänglichkeit

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Sie gestalten die Vernissage (von links): Gyjho, Christian Segmehl, Andreas Kersten, Markus Brock, Markus Wilke, Axel Klöss-Flei
Sie gestalten die Vernissage (von links): Gyjho, Christian Segmehl, Andreas Kersten, Markus Brock, Markus Wilke, Axel Klöss-Fleischmann und Rüdiger Böhm. (Foto: privat)
Schwäbische Zeitung

Zeitspuren, die gemeinsame Ausstellung von Gyjho, Andreas Kerstan und Markus Wilke, zeigt im Kloster Mariaberg 50 eigenwillige Interpretationen eines philosophischen Themas. Der Fernsehmoderator Markus Brock entlockte dem Trio bei der Vernissage interessante Einblicke ins künstlerische Selbstverständnis und Herangehensweisen.

Mülltüten, Schrott, Industrieabfälle, gebündelt, fixfertig verpackt fürs Recycling, das ist ein wiederkehrendes Motiv im Werk von Markus Wilke. Wie er auf das Thema gekommen sei, wollte der Moderator von dem Reutlinger Künstler wissen. „Müll war für mich der Auslöser zur Beschäftigung mit der Vergänglichkeit“, bekannte Wilke. Seine Werke beginnen zunächst mit Fotosessions, häufig bei Firmen, die Recycling-Abfälle lagern. Erst als zweiten Schritt setzt er seine Eindrücke in ein gemaltes Bild um. „Ich male nicht fotorealistisch“, erläuterte der Künstler, „in erster Linie interessiert mich die Komposition des Ganzen“.

Wilke hat die Ausstellung auch als Kurator begleitet. Der Kontakt zur diakonischen Einrichtung war über eine Bekanntschaft mit dem Mariaberger Künstler Roland Kappel zustande gekommen. „Der soziale Hintergrund von Mariaberg spricht mich an“, bekannte der Reutlinger. Seit dem Aufbau seien die Werke bereits von vielen hier bestaunt und bewundert worden, freute sich der Mariaberger Vorstand Rüdiger Böhm über reges Interesse im Vorfeld. Auch die Vernissage am Sonntag war gut besucht. Den musikalischen Rahmen gestaltete der Saxofonist Christian Segmehl aus Leutkirch.

Eintauchen in Bilder

Der Künstler Gyjho träumt davon, körperlich in Bilder eintauchen zu können. „Drin verschwinden, aber wiederkommen.“ Seine Bilder versteht er als Raum, der betreten werden kann. Die Zeit besitzt für ihn eine physikalisch-kosmische Dimension. Mittels digitaler 3D-Technik konstruiert er interaktive Bildwelten. Zur Vernissage gab es eine Präsentation, interessierte Betrachter waren eingeladen, mittels Datenbrille das bunte Künstler-Universum zu erkunden. „Kunst ist nur das Medium“, ist der Maler und Weltreisende aus Filderstadt überzeugt. Im Kern gehe es bei der Kunst um das Leben und um die Schöpfung. Aufgabe des Künstlers sei, diese Schöpfung zu feiern und zu ehren.

Andreas Kersten, der Dritte im Bunde, präsentiert unter einigen plastischen Werken auch Teile seiner „Brockhaus-Edition“. In der Skulpturen-Reihe verfremdet er edel gebundene Lexika, die im digitalen Zeitalter anachronistisch geworden sind, und die er haufenweise geschenkt bekommt, und kombiniert diese mit menschlichen Kopfskulpturen. „Die Idee mit den Büchern sei geklaut“, verrät Kersten augenzwinkernd. Er versteht „Kunst als offenes Projekt, als Teilhabe, als verbindendes Element, als Social Media, als Band zwischen Kulturen und Menschen“.

Markus Brock schnitt beim Interview auch das Thema Kunstmarkt und Vergänglichkeit an. „Der Kunstmarkt hat ein Problem, es gibt zwei Millionen Künstler und nur zwei Käufer“, formulierte Andreas Kersten. Die Szene in Deutschland sei sehr akademisch geprägt. „Was von mir bleibt sind meine acht Kinder“, bekannte der Künstler mit eigener Galerie in Stuttgart. Allerdings, so verriet er augenzwinkernd, arbeite er noch daran, dem Museum of Modern Art eines seiner Bilder zu spenden.

Drei unterschiedliche Ansätze, dem Wesen der Zeit nachzuspüren. Die Ausstellung im Kreuzgang des Klostergebäudes verspricht vielfältige Kunsteindrücke und jede Menge Stoff zum Nachdenken über das Wesen der Vergänglichkeit. „Kunst hat eine ähnliche Wirkung, wie der Gang zur Kirche“, formulierte Moderator Markus Brock, „man wird auf sich zurückgeworfen.“

Die Ausstellung Zeitspuren ist bis Sonntag, 12. November, immer montags bis donnerstags von 8 bis 17 Uhr sowie freitags von 8 bis 15 Uhr und sonntags von 13.30 bis 16.30 Uhr zu besichtigen.

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