Archäologe liefert neue Erkenntnisse zur Stadtgeschichte

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 Der Archäologe Sören Frommer (links) und der Historiker Joachim Jehn illustrieren ihren Vortrag im Dialog durch zahlreiche Zeic
Der Archäologe Sören Frommer (links) und der Historiker Joachim Jehn illustrieren ihren Vortrag im Dialog durch zahlreiche Zeichnungen, Quellen und Fundstücke per Powerpoint Präsentation. (Foto: Gabriele Loges)
Gabriele Loges

Der Archäologe Sören Frommer und der Historiker Joachim Jehn haben im Saal des, heute als Rathaus genutzten, barocken Schlosses von 1775 die Auswertung der Grabungen und die Quellenforschung vorgestellt. Die neuen Ergebnisse beleuchten die Schloss- und Stadtgeschichte zwischen dem 15. und 18. Jahrhundert neu. Das Interesse an der Veranstaltung war groß.

Eingeladen hatten die Stadt, für die Karl-Heinz Hebeisen in Vertretung des Bürgermeisters die Referenten und die Besucher begrüßte, und der hohenzollerische Geschichtsverein. Beeindruckt sei er, so der Leiter des Staatsarchivs in Sigmaringen und des hohenzollerischen Geschichtsvereins Volker Trugenberger, dass man im Rathaussaal zwei Stockwerke über den Funden schwebe. Die Vortragsweise in Form eines Dialogs sei ihm neu, die „einmütige“ Darstellung von Archäologie und Quellenkunde jedoch sicher aufschlussreich.

Grabungen an der Michaelskapelle

Sören Frommer ist den Gammertingern durch seine langjährige Forschungsarbeit anlässlich der Grabungen an der Michaelskapelle bekannt. Weitere durch die Stadt und dem Landesamt für Denkmalpflege geförderte Grabungen führten ihn auf aussagekräftige Spuren, die eine Neubetrachtung der Geschichte Gammertingens und vor allem der Schloss- und Herrschaftsgeschichte notwendig erscheinen ließen.

Schon damals wusste Frommer, dass Quellenstudien die Erkenntnisse der Grabungen ergänzen und stützen müssen. Seit dem Studium in Tübingen kennt er den Historiker Joachim Jehn, der diese Archivarbeit für ihn übernahm. Das Ergebnis bringende Dialog-Verfahren, bei dem laufend Quellen und Ausgrabungen abgeglichen wurden, setzten die beiden Wissenschaftler auch für den kurzweiligen Vortrag ein: Was wissen wir sicher, was fehlt uns, wo kommen uns Zweifel?

Die Stadtgeschichte wird bisher vor allem durch die beiden grundlegenden Werke des Lehrers Josef Wiest und später des Arztes und profunden Kenners der Herrschaft Gammertingen-Hettingen (1983), Herbert Burkarth, festgehalten. An seinen Quellen und Forschungshypothesen setzten sie an. Hinzu kommen die bisherigen Ergebnisse zur Michaelskapelle aus dem zehnten Jahrhundert. Die Lage eines Schlosses war bisher nicht gesichert, dafür eine Zehntscheuer. Die Vermutung von Frommer und Jehn: „Es gibt keine Alternative, um 1530 muss es ein Schloss gegeben haben.“ Beweis hierfür sei zunächst das Lagerbuch oder Urbar von 1530, das von den vorherigen Forschern zwar benannt, aber nicht genau ausgewertet wurde. Jehn zeichnete aufgrund der sehr detailgenau beschriebenen Lage der Häuser einen Stadtplan auf. Die Lücken ergaben dann die Möglichkeiten, die der Archäologe Frommer anschaulich zu Wahrscheinlichkeiten werden ließ.

Erb- und Kaufverträge geben unter anderem Aufschluss, was zwischen 1410, dem großen Stadtbrand, und 1600 geschehen sein könnte. Schritt für Schritt trugen die beiden Wissenschaftler die Forschungsergebnisse zusammen. So beweist das Relikt eines Engels, dass „das Schloss um 1600 gestanden haben dürfte“.

Bauschutt, Mauern und Bodenfunde ergänzen die Quellen

Aber Heinrich von Rechberg hat wohl schon nach 1410 ein Schloss gebaut. Bauschutt, Mauern und Bodenfunde, wie Geschirr sowie Boden- und Ofenkacheln, ergänzen die Quellenlage. Aus den Dokumenten geht zum Beispiel hervor, dass das Hettinger Schloss im Jahr 1599 drei Mal so viel Wert war wie das Gammertinger Schloss. Was sagt dies über die Herrschaft und die Ausstattung des Schlosses aus? Und wie können die Besitzverhältnisse des „Schlössles“ auf der anderen Straßenseite zur Klärung des Sachverhalts beitragen? Schließlich präsentierten die beiden Wissenschaftler eine hypothetische Rekonstruktion des Schlosses mit Umgebung von 1670.

Der Vortrag im Dialog, der durch zahlreiche Zeichnungen, Quellen und Fundstücke per Powerpoint illustriert wurde, zeigte ein neues und klareres Bild der Stadtentwicklung. Die im Zusammenspiel von Archäologie und Geschichte gewonnenen Ergebnisse, so wünschten es sich die Zuhörer, sollten bald veröffentlicht werden. Trugenberger konnte eine Veröffentlichung in der Zeitschrift für hohenzollerische Geschichte anbieten.

Er hoffe, so ergänzte Hebeisen, es finde sich eine adäquate Möglichkeit, die spannenden Ergebnisse darüber hinaus in einer neuen „Geschichte der Stadt Gammertingen“ allen Interessierten zugänglich zu machen.

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