So reagiert Burladingen auf seinen AfD-Bürgermeister

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Das Rathaus von Burladingen. Seit 1999 ist Bürgermeister Harry Ebert hier Chef der Verwaltung.
Das Rathaus von Burladingen. Seit 1999 ist Bürgermeister Harry Ebert hier Chef der Verwaltung. (Foto: Anna Ernst)
Schwäbische Zeitung
Anna Ernst

Nein, sie wollen definitiv nicht als die rechteste Gemeinde Baden-Württembergs gelten. Auch wenn die Schlagezeilen der vergangenen Tage das nahelegen könnten. „Es ist ja nur ein Einzelner“, sagen viele. Und: „Wir haben es uns doch nicht ausgesucht.“

Rund 12 000 Einwohner hat die Gemeinde Burladingen im Zollernalbkreis. Ein Ort, in dem jeder jeden kennt. Bundesweit aber kennt man vor allem einen Burladinger: Bürgermeister Harry Ebert. Am Freitag war bekannt geworden, dass Ebert der Partei „Alternative für Deutschland“ (AfD) beigetreten ist. Burladingen ist seitdem die erste Gemeinde in Baden-Würtemberg, die von einem AfD-Mitglied – qua Amt – nach Außen repräsentiert wird. Zufrieden sind viele Bürger damit nicht. Überrascht aber auch nicht.

Eberts Ansichten waren schon länger in der Stadt bekannt

Dass Harry Ebert viele Ansichten der AfD teilt, war in dem kleinen Städtchen längst bekannt. In Gemeinderatssitzungen hatte Ebert sich bei Flüchtlingsthemen entsprechend positioniert. Auf Facebook teilt er schon seit Jahren öffentlich Beiträge der Partei. Seiten wie „Merkel muss weg“, „Ich bin stolz, deutsch zu sein“ und „Fuck the EU“ hat er als „gefällt mir“ markiert. „Tja, wie der Ebert so denkt, das war eigentlich allen längst klar“, sagt eine Burladingerin, die in der Mittagspause auf der Hauptstraße unterwegs ist.

„Ich habe mein Amt überparteilich ausgeübt und werde das auch in Zukunft machen.“

Seit 1999 schon ist Harry Ebert Bürgermeister. Bei den ersten beiden Wahlen bekam der damals Parteilose noch großen Zuspruch. 77,1 Prozent aller Stimmen hatte er 2007 bei seiner Wiederwahl bekommen. Fast jeder zweite Wahlberechtigte der Gemeinde hatte mit abgestimmt. Bei der Wahl im März 2015 ging Ebert erneut als aussichtsreichster Kandidat ins Rennen. Er erhielt diesmal sogar mehr als 83 Prozent aller Stimmen – doch die Wahlbeteiligung war mit nur 28,2 Prozent nahezu historisch niedrig.

„Viele sind da gar nicht mehr zur Wahl gegangen, weil sie unzufrieden waren“, meint die Passantin auf der Hauptstraße. „Meine Stimme jedenfalls hat er nicht bekommen“, sagt auch eine Verkäuferin. „Beigeistert aber sind die Leute über das Thema hier nicht“, fügt sie hinzu. Dennoch will sie den Namen lieber nicht nennen. „In einer so kleinen Stadt könnten die Leute dann reden“, fürchtet sie. Und wer weiß, vielleicht blieben dann doch einige Kunden weg, mutmaßt sie. Im Gegensatz zu ihrem Bürgermeister sind die meisten Burladinger zwar noch traditionelle CDU-Wähler. Doch die Wahlergebnisse zeigen auch in Burladingen einen Rechtsruck.

Bei der Bundestagswahl holte die CDU nur noch 46,7 Prozent – 16 Prozent weniger als 2013. Die AfD wurde im September mit 1091 Stimmen von 6790 gültigen Stimmen (16,1 Prozent) die zweitstärkste Partei. Schuld sei die Asylpolitik der etablierten Parteien, hört man auch in der Kleinstadt immer wieder. „Wäre der Bürgermeister ein Gutmensch, dann hätte er es hier sicherlich auch nicht leicht“, meint ein Unternehmer. Auch er will seinen Namen nicht nennen. „Auf der Alb sehen die Menschen das nicht gern, wenn man Flüchtlinge so verhätschelt. Wir haben ja auch schon genug hier. Das reicht jetzt auch mal...“, fügt er noch hinzu.

Laut Landratsamt gibt es keine Probleme mit Asylsuchenden

Eine Gemeinschaftsunterkunft für Flüchtlinge aber hat es auf dem Stadtgebiet nie gegeben. Und: „Probleme mit Asylbewerbern in Burladingen sind dem Landratsamt nicht bekannt“, heißt es aus der dortigen Pressestelle. Tatsache aber ist: Der Ausländeranteil insgesamt ist in Burladingen gestiegen. Die größte Gruppe bilden türkische Migranten, die mit einem Kulturverein und eigenen Geschäften das Ortsbild prägen. Insgesamt lebten laut statistischem Landesamt Ende 2016 knapp 1360 Ausländer in der Gemeinde. Während viele deutsche Bewohner den Ort verlassen und ihr Glück in größeren Städten suchen, sind die Migranten für die Wirtschaft in Burladingen ein Segen.

Trigema-Chef wünscht sich Neuwahl

Der größte Arbeitgeber der Stadt ist das Modeunternehmen Trigema. 1200 Mitarbeiter hat die Firma insgesamt. Etwa die Hälfte von ihnen arbeitet in Burladingen. Dort wird die Sportbekleidung nicht nur entworfen, sondern in Produktionshallen auch hergestellt. Ohne den Zuzug von Ausländern, wäre das nicht möglich. „Wir brauchen Migration für die Aufrechterhaltung unserer Produktionsstätten“, sagt Trigema-Inhaber und Geschäftsführer Wolfgang Grupp. Sein Unternehmen würde sonst nicht genug Fachkräfte finden können. Derzeit arbeiten Menschen aus mehr als 20 verschiedenen Nationen im Betrieb.

Als Burladinger beobachtet Grupp die politischen Entwicklungen kritisch. „Generell hat die AfD Extrempunkte, die ich nicht vertreten kann. Diese Ausländerfeindlichkeit darf es nicht geben.“ Um Ruhe in die Stadt zu bringen, würde sich Wolfgang Grupp eine neue Abstimmung wünschen. „Der Bürgermeister ist als Parteiloser angetreten. Wenn er jetzt in eine Partei eintritt, dann sollten die Bürger meiner Meinung nach das Recht haben, neu darüber abzustimmen, ob er im Amt bleiben soll.“

Neuwahl ist nicht vorgesehen

Offiziell aber ist das in der Gemeindeordnung nicht vorgesehen. Freuen aber würde eine Neuwahl auch die beiden Damen, die am Mittag ihre Einkäufe auf dem Parkplatz eines Discounters ins Auto laden. Dass ein AfD-Mitglied ihre Gemeinde repräsentiert, findet die 75-jährige Silvia „schrecklich“: „Eine Partei wie die AfD hat hier nichts zu suchen“, sagt sie. „Ich hoffe, dass die anderen Politiker im Gemeinderat bei solchen Ansichten gegenhalten.“

„Bleibt nur zu hoffen, dass er in der AfD schnell Karriere macht und  verschwindet.“

Der Bürgermeister selbst will Kommunalpolitik und Parteimitgliedschaft trennen. Gegenüber der Stuttgarter Zeitung sagte Harry Ebert: „Ich habe mein Amt in den vergangenen 19 Jahren überparteilich ausgeübt und werde das auch in Zukunft machen.“ Auf Nachfrage zweifeln viele Passanten, dass sich ihr Bürgermeister daran hält. „Wir haben aber sonst keine Wahl“, sagt ein älteres Paar. „Bleibt nur zu hoffen, dass er in der AfD schnell Karriere macht und verschwindet.“

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