Steinbruch: Bürger machen ihrem Ärger Luft

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Der rote Pfeil zeigt die Stelle des geplanten Steinbruchs für hochreine Weißkalke an der Nordseite des Mittelbergs an. Im Vorder
Der rote Pfeil zeigt die Stelle des geplanten Steinbruchs für hochreine Weißkalke an der Nordseite des Mittelbergs an. Im Vordergrund sind der Beu-roner Ortsteil Thiergarten und die Donau zu sehen. Die Straße, die durch Thiergarten verläuft, ist die (Foto: Regionalverband Bodensee-Oberschwaben)
Redakteur Meßkirch

Der Gemeinderat Beuron gibt keine positive Stellungnahme zum geplanten Abbau hochreiner Weißkalke am Mittelberg bei Thiergarten ab. In der Sitzung am Mittwochabend sprachen sich in geheimer Abstimmung vier Mitglieder des Gremiums für und vier gegen den Steinbruch aus – bei Stimmengleichheit gilt ein Antrag als abgelehnt.

Das Interesse an dem Thema war groß: Rund 70 Bürger kamen ins Tobelhaus in Hausen im Tal, um die Sitzung zu verfolgen. Wie mehrfach berichtet, will die Forstverwaltung Prinz zu Fürstenberg auf der Nordseite des Mittelbergs nahe dem 90-Einwohner-Ortsteil Thiergarten pro Jahr rund 200000 Tonnen hochreiner Weißkalke fördern (Details siehe Kasten). Der Regionalverband Bodensee-Oberschwaben hatte in seiner Sitzung Ende September den Mittelberg einstimmig als Abbaugebiet ausgewiesen – vor allem weil hochreiner Kalk ein sehr seltenes und wertvolles Industriegut sei und die Forstverwaltung große Ausgleichsflächen in unmittelbarer Nähe angeboten habe.

Bürger sorgen sich um Lebensqualität

In der Fragestunde zu Beginn der Sitzung machten viele Bürger deutlich, dass sie strikt gegen den Steinbruch seien. Sie befürchteten vor allem negative Auswirkungen auf die Lebensqualität und den Tourismus im Donautal sowie eine Verschlechterung der Verkehrssituation. Ein Bürger sorgte sich, dass die Laster erhebliche Straßenschäden verursachen würden. Eine Frau befürchtete, dass es zu mehr tödlichen Unfällen, vor allem von Motorradfahrern kommen würde, wenn der Schwerlastverkehr im Donautal zunehme. „Unsere Häuser werden unverkäuflich, wenn der Steinbruch kommt. Die Beherbergungsbetriebe an der Waldstraße können zumachen“, sagte ein Einwohner aus Thiergarten. Eine andere Frau sorgte sich um die Natur: „Eine riesige Wunde wird in die Landschaft geschlagen. Das ist ein Verbrechen.“

Bürgermeister Raphael Osmakowski-Miller entgegnete, dass der Steinbruch auch Vorteile für die Gemeinde Beuron bringen würde. Er erwarte eine deutliche Steigerung der Gewerbesteuereinnahmen der Gesamtgemeinde, die im vergangenen Jahr bei 90000 Euro lagen. Nach groben Schätzung könnten sich diese Einnahmen eventuell verdoppeln und sogar auf 200000 Euro oder mehr ansteigen. Das Abbauunternehmen habe eine schriftliche Absichtserklärung abgegeben, seinen Betriebssitz in Beuron zu nehmen, berichtete Osmakowski-Miller. Durch diese Mehreinnahmen sei es möglich, Projekte wie den Breitbandausbau sowie die Schaffung von touristischer und sonstiger Infrastruktur zu realisieren. Die negativen Auswirkungen auf Thiergarten und den dortigen Tourismus seien nach persönlicher Auffassung des Bürgermeisters nicht so groß: Im schlimmsten Fall, wenn gar keine Touristen mehr dorthin kämen, würden 12000 Euro wegbrechen, die mit Kurtaxe und Gewerbesteuer für Beherbergungsbetriebe in Thiergarten erwirtschaftet werden. Dieser Fall sei aber unwahrscheinlich. Anwesende Bürger machten wiederholt mit Gelächter und empörten Zwischenrufen deutlich, dass sie anderer Ansicht sind.

Nach dem Sachvortrag des Bürgermeisters stellte ein Team der fürstlichen Forstverwaltung das Projekt vor und versuchte, die Bedenken der Bürger zu zerstreuen. Es wurde ein Lärmgutachten zugesagt, das den entstehenden Schall des Steinbruchs in bis zu 500 Metern Entfernung untersuchen lassen soll.

Gemeinderat Rüdiger Bertsch spricht sich gegen Steinbruch aus

Bei der Diskussion sprach sich vor allem Gemeinderat Rüdiger Bertsch, der selbst in Thiergarten wohnt, gegen den Steinbruch aus. „Es geht hier um die Lebensqualität in einem Tourismusgebiet. Aufgrund der Tunnel und Felsen haben wir hier ganz andere Schallverhältnisse als auf der freien Fläche.“ Zudem befürchtete Bertsch, dass der Abbaubetreiber am Ende doch nicht seinen Sitz in Beuron nimmt und die Gemeinde nicht mehr Gewerbesteuern einnimmt. „Der Prinz geht eine gewisse Zusicherung ein. Eine weitergehende Zusicherung ist zu diesem Verfahrenszeitpunkt nicht möglich“, sagte der Betriebsleiter der fürstenbergischen Forstverwaltung, Paul Lübbers. Gemeinderat Bertsch legte den Fokus auf Thiergarten: „Für die Leute vor Ort ist das ein Wahnsinns-Einschnitt. Sie fühlen sich im Stich gelassen. Hausen und Beuron sind nicht direkt von der Problematik betroffen. Ich bitte, an die Menschen zu denken, die in Thiergarten leben.“ Die anwesenden Zuschauer applaudierten.

Und Gemeinderätin Birgitta Kruthoff fand, dass in den bisherigen Untersuchungen vor allem die Auswirkungen auf die Natur und Tierwelt thematisiert wurden: „Mir fehlt der Aspekt, inwieweit der Mensch durch den Steinbruch beeinträchtigt wird.“

Die Abstimmung, ob die Gemeinde Beuron eine positive Stellungnahme zu dem Vorhaben abgeben soll, fand geheim über Stimmzettel statt – um die Räte zu schützen, wie der Bürgermeister eingangs erklärte. Als das ablehnende Ergebnis bekanntgegeben wurde, brandete Applaus im Saal auf.

Aktuell befindet sich das Verfahren noch in einem frühen Stadium, die Gemeinde Beuron zählt nur als eine von vielen zu den Trägern öffentlicher Belange, die sich zum geplanten Steinbruch äußern können. Letztendlich muss das Regierungspräsidium Tübingen nach der Abwägung aller Vor- und Nachteile den Kalksteinabbau genehmigen.

Zahlen und Fakten zum Vorhaben:

Die Forstverwaltung Prinz zu Fürstenberg will auf einer 9,1 Hektar großen Fläche an der Nordseite des Mittelbergs pro Jahr 200000 Tonnen hochreine Weißkalke fördern – zudem sollen drei Silos an der Landesstraße 197 in Richtung Stetten am kalten Markt entstehen. Der hochreine Kalk ist ein äußerst seltener und wertvoller Rohstoff, der in Baden-Württemberg nur noch an zwei weiteren Standorten abgebaut wird. Er wird unter anderem in der Pharmaindustrie und im Lebensmittelbereich angewendet: Er ist unter anderem in Zahnpasta zu finden.

Am Mittelberg sollen über einen Zeitpunkt von 25 bis 30 Jahren insgesamt fünf Millionen Tonnen hochreiner Weißkalke abgebaut werden. Die Forstverwaltung Prinz zu Fürstenberg hat eine rund 37 Hektar große Ausgleichsfläche in unmittelbarer Nachbarschaft im Donautal angeboten. Der Abbau soll ohne Sprengungen erfolgen. Mit einem Förderband auf Stelzen soll der Kalk zu den Lastern an der Straße befördert werden. Tiere könnten das Förderband unterlaufen. Etwa 33 volle Lastwagen werden in dem Bereich täglich unterwegs sein, mit den Leerfahrten zusammen 66. Der Abtransport der geförderten Kalke soll in Richtung Stetten am kalten Markt über die Landesstraße 197 und in Richtung Sigmaringen über die Landesstraße 277 erfolgen.

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