Schavan: „Menschen dürfen religiös nicht heimatlos werden“

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Erzabt Tutilo Burger OSB und Annette Schavan hören der Einführung von Bruder Jakobus Kaffanke OSB zu. (Foto: Vera Romeu)
Schwäbische Zeitung
Vera Romeu

Klare Worte hat Annette Schavan in ihrem Vortrag über Edith Stein und ihre Rolle als Patronin Europas. Sie sprach beim geistlichen Treffpunkt in Beuron über die Rolle der Religion im heutigen Europa. Ihr Plädoyer für Gespräche mit dem Islam und ihre These, dass auch die Muslime in Europa lernen werden, Religion und Politik zu trennen, provozierten Widerspruch im Publikum.

Schon vor Jahren hat Annette Schavan die Erzabtei Sankt Martin kennengelernt, ihren ersten Besuch stattete sie dem Kloster als Kultusministerin ab. Sie gratulierte Erzabt Tutilo Burger OSB und den Mönchen zu 150 Jahren benediktinischer Frömmigkeit im Donautal. Es waren viele Gäste gekommen, um sie im Festsaal zu hören. Aus dem facettenreichen Leben Edith Steins griff Annette Schavan gewisse Aspekte auf. Stein hatte bei den Beuroner Benediktinern während des Dritten Reichs Zuflucht gefunden. Die Jüdin, Philosophin, Theologin und Mystikerin war zum Katholizismus konvertiert, in den Orden der Kameliterinnen eingetreten und 1942 in Auschwitz ermordet worden.

Klarheit ist ein wichtiger Schwerpunkt in Edith Steins Denken gewesen: Klarheit in einem Jahrhundert, in dem die Extreme von Verheißung, Verfall und Zivilisationsbruch eng beieinander lagen. Totalitarismus hatte ins tiefste Elend geführt. Im Christentum gehöre es zu den Grundlagen, jedem Menschen vorbehaltlos zu begegnen, sagte Schavan. Edith Stein habe auf die Kraft der Vernunft gesetzt, auf den Respekt gegenüber der Freiheit des Menschen und auf die Entwicklung der Kirche – eine Entwicklung, die in Europa nicht ohne Kämpfe vonstatten gegangen sei.

Es werde in Zukunft wichtig sein, dass Europäer sich und ihre Werte klar definieren. Der Anteil der europäischen Bevölkerung in der Welt werde schwinden, rechnete Schavan vor. Mit Klarheit müsse sich Europa ins globale Gespräch einbringen. Religion sei dabei das große Thema in Europa, es werde um Religion gekämpft, Religion stifte Unruhe. Schavan zeigte sich zuversichtlich, dass sich in Europa eine islamische Gelehrsamkeit entwickeln werde.

Aus dem Publikum wurden Zweifel angemeldet, dass der Islam in ein friedliches Gespräch mit dem Christentum treten könne. Annette Schavan sagte: „Sie sprechen vielen Bürgern aus der Seele, Religion ist ein Unruheherd.“ Doch habe es in der Vergangenheit Austausch zwischen Christen und Muslimen gegeben, und in Ankara werde an der Universität derzeit an der Unterscheidung zwischen Religion und Politik gearbeitet. Bruder Jakobus erinnerte an die langen Kämpfe zwischen den zwei christlichen Religionen. Annette Schavan betonte, Menschen sollten nicht religiös heimatlos werden, Klarheit habe aber mit Differenzierung zu tun.

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