Noch keine Spur vom Luchs

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Vom Luchs, der im März im Donautal besendert worden ist, fehlt nach einer Kollision mit einem Auto jede Spur.
Vom Luchs, der im März im Donautal besendert worden ist, fehlt nach einer Kollision mit einem Auto jede Spur. (Foto: Symbol Patrick Pleul/dpa)
Schwäbische Zeitung

Seit Verschwinden des Luchses „Tello“ im September, der im März im Donautal besendert worden ist, gibt es keine Spur mehr von dem Tier. Der Sender der Raubkatze ist bei einem Verkehrsunfall, bei dem der Luchs mit einem Auto kollidierte, abgerissen worden (wir berichteten). Seitdem ist nicht klar, wie es dem Tier geht und wo es sich aufhalten könnte. „Es ist unsicher, was mit ihm ist“, sagt Wildtierökologe Micha Herdtfelder von der forstlichen Versuchs- und Forschungsanstalt Freiburg (FVA), die fürs Luchs- Monitoring zuständig ist.

Vor dem Verkehrsunfall hätten Jäger regelmäßig gemeldet, dass Rehe gerissen worden wären, was nach der Überprüfung des Kadavers auf den Luchs zurückgeführt werden konnte. Solche Hinweise hätte es schon länger nicht mehr gegeben. Die Ursachen dafür können laut Herdtfeld vielfältig sein. „Es kann sein, dass er nicht mehr auf offenem Land sondern in der Dickung jagdt“, mutmaßt Herdtfeld. Außerdem könnte er abgewandert sein, oder sein Jagdverhalten geändert haben: „Wenn er schwer verletzt ist, kann er derzeit nicht Wild jagen und müsste sich von Mäusen ernähren“, so Herdtfeld. Er kann aber auch nicht ausschließen, dass der Luchs verendet ist.

Nicht alle Jäger waren über den Luchs begeistert

Wildtierbeauftragter und Jagdschulleiter aus Sauldorf, Armin Hafner, geht davon aus, dass der Luchs noch lebt: „Kurz nach dem Unfall hat man einen Riss gefunden, der für den Luchs spricht“, so Hafner. Doch es sei schwierig, die Spuren eindeutig auf den Luchs zurückzuführen: „Man erkennt dies am Fraßbild und der Tötungswirkung“, erklärt Hafner. Der Luchs beißt seiner Beute die Kehle durch – ähnlich gehen aber auch Hunde vor. Ob „Tello“ noch lebt, werde sich in den nächsten Monaten zeigen. Den Luchs hat Hafner schon aus nächster Nähe erlebt: „Ich war bei der Besenderung dabei“, so der Wildtierbeauftragte.

Nicht alle Jäger in der Region seien über das Auftauchen des Luchses begeistert gewesen, da sie befürchteten, dass der Luchs auf den Wildbestand einwirken würde, berichtet Hafner. Der Luchs reißt vorwiegend Wildtiere. Anders als bei Nutztieren wie Schafe oder Ziegen gibt es nach dem Riss eines Wildtiers keine Entschädigung für die Jäger. „Wildtiere sind herrenlos, sie gehören niemandem“, erklärt Hafner. Sie würden erst zum Besitz, wenn man sie erlegt.

Die Bevölkerung kann zum Finden des Luchses beitragen: Die FVA ist auf Hinweise angewiesen. „Wenn es sich lediglich um Sichtungen des Luchses handelt, können wir wenig machen – außer, es liegt Schnee“, so Micha Herdtfeld. Dann seien die Spuren rückverfolgbar. Werden tote Beutetiere gemeldet, überprüft die Anstalt jedoch die Bissspuren und kann diese gegebenenfalls dem Luchs zuordnen. Der Luchs hat sich zuletzt im Landkreis Reutlingen aufgehalten, er war vom Donautal aus Richtung Albtrauf abgewandert. Laut Herdtfeld hält sich der Luchs gerne in Hangwäldern und Landschaften mit Felsköpfen auf. Armin Hafner bezeichnet das Donautal deshalb als ideales Biotop für Luchse – mit Felsen und Wald zum Verstecken. Wann sich der nächste Luchs im Donautal niederlässt, kann er nicht abschätzen: „Es kann sein, dass morgen der nächste kommt – oder erst in zehn Jahren“, so Hafner.

Wie Männchen gehen auf Wanderschaft

Luchse sind seit Mitte des 19. Jahrhunderts aus ganz Mitteleuropa verschwunden. Die Gründe hierfür waren die starke Entwaldung, die damit einhergehenden geringen Beutetierdichten und die direkte Verfolgung der Luchse durch den Menschen. Seit den 1970er-Jahren gab es vereinzelte Wiederansiedlungsprojekte. Die einzigen permanenten Luchsvorkommen in Deutschland sind derzeit im Böhmerwald und im Harz zu finden. Sporadische Vorkommen gibt es neben dem Schwarzwald auf der Schwäbischen Alb, sowie in der Eifel und dem Pfälzerwald. Angrenzend an Deutschland gibt es permanente Vorkommen im Schweiz-französischen Jura und den Schweizer Alpen. Auch in den Vogesen gibt es eine kleine Luchspopulation, die jedoch im Rückgang begriffen ist. In Baden-Württemberg ist derzeit keine Luchspopulation vorhanden. Obwohl Luchse bis auf die Ranzzeit im Februar/März Einzelgänger sind, brauchen sie Anschluss an andersgeschlechtliche Luchse, damit sie sich dauerhaft in einem Gebiet niederlassen. Die Suche nach einem neuen Revier veranlasst gelegentlich männliche Luchse aus der Schweiz, weiträumige Wanderungen nach Baden-Württemberg zu unternehmen. Bisher wurden keine weiblichen Tiere im Land nachgewiesen, da diese wesentlich weniger weit wandern. Somit sind die Chancen für ein isoliert lebendes Männchen, auf eine Geschlechtspartnerin zu treffen, sehr gering. Aufgrund dieser arttypischen Ausbreitungsstrategie ist es sehr unwahrscheinlich, dass sich in Baden-Württemberg nur durch Zuwanderung eine Population entwickelt. Die Besenderung einzelner Luchse soll unter anderem dabei helfen, Personen aus Jagd und Nutztierhaltung mit dem Verhalten des Luchses vertraut zu machen. Nach der Besenderung werden die Jäger informiert, bei denen der Luchs über mehrere Tage im Revier war und somit vermutlich Beute gemacht hat.

Während der Fangversuche von Luchs „Friedl“ im März 2016 im Oberen Donautal kam es am 28. März zu einer Überraschung: Als an einem gerissenen Reh eine Falle für Luchs „Friedl“ aufgestellt wurde, befand sich nicht „Friedl“ in der Falle, sondern „Tello“. Er wog 19,5 Kilo. Dieses Tier war bereits Ende Februar 2016 von zwei Jägern im Landkreis Sigmaringen auf Fotofallen abgelichtet und an die FVA gemeldet worden. Es war jedoch unklar, wo er sich längerfristig aufgehalten hatte oder ob er nur am Durchziehen war. Statt „Friedl“ wurde dieser Luchs mit einem Senderhalsband ausgestattet.

Luchse haben ein individuelles Fleckenmuster, über welches sie eindeutig identifiziert werden können, wenn qualitativ gute Fotos der Fleckenzeichnung vorhanden sind. Auch die Herkunft des besenderten Luchses „Tello“ konnte damit relativ schnell ermittelt werden. Die Schweizer Kollegen, die mit dem dortigen Luchsmonitoring beauftragt sind (Institut KORA bei Bern), haben die Fotos des besenderten Luchses mit ihrer Datenbank verglichen: Es handelt sich um einen Luchs aus den Alpen in der Nordostschweiz, mit der formellen Bezeichnung B433, Jahrgang 2014, das Muttertier ist ebenfalls bekannt. (Quelle: FVA)

„Tello“ hat bisher keine Nutztiere gerissen. Kommt es dennoch zu Schäden an Nutztieren, werden diese von verschiedenen Verbänden der AG Luchs- und Wolf gemeinsam ausgeglichen. Voraussetzung ist, dass der Riss durch Mitarbeiter des Monitorings der FVA als Luchsriss bestätigt wurde. Bei Rissen mit Verdacht auf Tötung durch Luchs sollten diese nicht verändert und unverzüglich an die FVA gemeldet werden, Telefon: 0761/401 82 74.

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