„Zum Glück wohnen wir in eigenen vier Wänden“

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Ein Teil der potenziellen Wohnungskäufer trägt zum Büffet bei, das der Gemeinschaftsbildung dienen soll.
Ein Teil der potenziellen Wohnungskäufer trägt zum Büffet bei, das der Gemeinschaftsbildung dienen soll. (Foto: Monika Fischer)
Schwäbische Zeitung
Monika Fischer

Wie schwer verschiedene Generationen und ihre Lebenspläne unter einen Hut, sprich in einem gemeinsamen Hausprojekt, unterzubringen sind, hat das Landestheater Tübingen mit der Komödie „Richtfest“ gezeigt. Das elfköpfige Ensemble setzte die Thematik des Erfolgsautors Lutz Hübner temperamentvoll um und sorgte im Publikum sowohl für Lacher als auch für Nachdenklichkeit.

Zwar ging die aktuelle Theatersaison nicht, wie manche zuvor, mit einem Paukenschlag zu Ende. Doch setzte Lutz Hübners Komödie „Richtfest“ einen achtbaren Schlusspunkt hinter eine Reihe von spektakulären Inszenierungen.

In seinem Stück aus dem Jahre 2012 geht der Autor der Frage nach, ob Menschen mit unterschiedlichem sozialen Hintergrund und individuellen Erwartungen ein gemeinsames Bauprojekt verwirklichen können. Hübners treibende Kraft ist Philipp, ein junger Architekt (Raphael Westermeier), der mit futuristischen Entwürfen, der Aussicht auf wirtschaftliche Vorteile, auf Gemeinschaft und Solidarität ein knappes Dutzend Interessenten um sich schart. Die allgemeine Begeisterung beginnt jedoch bald zu bröckeln. Was ursprünglich als Ideal erschien, endet schließlich in einem Desaster.

Mit Ludger (Andreas Guglielmetti) und Vera (sehr elegant: Susanne Weckerle) hat der Autor zwei Figuren geschaffen, die zum vermögenden Großbürgertum gehören und Räume für Kunstwerke und Besucher planen. Anders die Beamtenfamilie Birigit (schön zickig: Sabine Weithöner), Holger (begeisterungsfähig wie zerstreut: Rolf Kindermann) plus Teenagertochter Judith (aufmüpfig: Mattea Cavic ). Zumindest dem Hausherrn gilt Eigentum als Alterssicherung. Gattin Birgit jedoch schießt immer wieder dagegen, weil ihr der Bauplan der Wohnung missfällt. Mila und Christian (Laura Sauer / Heiner Kock) mit ihren demnächst zwei Kindern stehen für eine junge Familie in finanziell angespannten Verhältnissen, die großem Raum- wie viel Ruhebedarf. Ihr Gegenpol ist das schwule Musikerpaar Frank (Daniel Holzberg) und Mick (Robin Walter Dörnemann), das bei seinen musikalischen Experimenten eine gehörige Portion Krach erzeugt. Charlotte (Gottfried Sinn), in Bluse, Rock und Kniestrümpfen, gilt als Transgender. Mit tiefer Stimme und markanten Gesichtszügen trägt sie deutlich männliche Attribute, wurde aber wohl in den falschen Körper hineingeboren. Sie gehört zur älteren Generation. Sie ist einsam, was sie aber stets vehement bestreitet, und hat ihren Haushalt nicht mehr im Griff.

Hochgefühl währt nicht lange

Zu Beginn der Aufführung sind die Hausinteressenten ein Herz und eine Seele. Sobald es darum geht, Beschlüsse zu fassen und Dokumente zu unterschreiben, durchleben sie ein Wechselbad der Gefühle. Mal stehen Gemeinschaft und Solidarität im Vordergrund, mal die rigide Durchsetzung eigener Vorstellungen.

Das Ganze erreicht einen prekären Höhepunkt, als Charlotte einen Schlaganfall erleidet und zum Pflegefall zu werden droht. Erträgt die immer wieder beschworene Solidariät diese Belastung? Wären alle künftigen Mitbewohner tatsächlich zur Pflege bereit? Die Zeichen deuten auf Nein, denn die Beteiligten hauen sich in einem plötzlichen Tohuwabohu sämtliche Kissen um die Ohren. Doch der Autor enthält sich einer klaren Antwort. Statt dessen lässt er Charlotte mopsfidel aus ihrem Rollstuhl hüpfen und das Rezept eines Krabbencurrys deklamieren, eines Gerichts, das zu Beginn des Stücks als völlig missraten bejammert wurde.

Mit aufmerksamem Beifall honorierte das Publikum eine Aufführung, die nicht nur darstellerisch, sondern auch mit ihrem variablen Bühnenbild, unterstützt durch musikalische Einblendungen und professionelle Lichtregie, überzeugte. Beim Hinausgehen jedoch entfuhr manchem Theaterbesucher ein Stoßseufzer:„Zum Glück wohnen wir in unseren eigenen vier Wänden“.

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