Zeit zum Ankommen in neuer Lebensphase fehlt oft

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 Familie Müller nutzt die Hebammensprechstunde mit Annette Mett in der Vital-Apotheke (v.l.): Mia, Günther und Sabrina Müller, A
Familie Müller nutzt die Hebammensprechstunde mit Annette Mett in der Vital-Apotheke (v.l.): Mia, Günther und Sabrina Müller, Annette Mett. Im Mittelpunkt: der wenige Wochen alte Leon. (Foto: Anita Metzler-Mikuteit)
Anita Metzler-Mikuteit

Der Beruf der Heb-amme ist nicht nur vielseitig, sondern auch mit besonders hoher Verantwortung verbunden. Vor mehr als drei Jahrzehnten hat Annette Mett aus Bondorf darin ihren Traumberuf gefunden. Nach rund 2800 Geburten hat sich daran bis heute nichts geändert.

„Ich wollte eigentlich Medizin studieren“, erzählt die 56-Jährige. Doch der Bereich der Geburtshilfe hat sie von Anfang an fasziniert. So wundert es nicht, dass diese Begeisterung bis zum heutigen Tag anhält. Trotz allem hat sie sich nach einer 29-jähriger Tätigkeit als fest angestellte Hebamme am Krankenhaus Bad Saulgau entschieden, die Arbeit in der Klinik aufzugeben und stattdessen ihre freiberufliche Tätigkeit auszubauen.

Leicht gefallen ist ihr das nicht. Schließlich ist der Moment, wenn ein neues Leben das Licht der Welt erblickt, ein ganz besonderer. „Da werden auch bei uns Hebammen so viele Glückshormone ausgeschüttet“, sagt Annette Mett, der besonders Geburten im Wasser sehr am Herzen liegen. Dabei liegt die gebärende Frau in der mit warmem Wasser gefüllten Geburtswanne. Von vielen Frauen wird diese Methode als besonders entspannend wahrgenommen, Schmerzen werden in aller Regel leichter ertragen. Doch es ist nicht für jede Frau geeignet. „Mit dem Element Wasser kann nicht jede Frau umgehen“, so ihre Erfahrung. Ob tagsüber oder in den Nachtstunden – die Ankunft der kleinen Erdenbürger lässt sich nicht vorhersagen. Zumindest, wenn es sich um Spontangeburten handelt. Geburten in den Nachtstunden hat sie immer besonders genossen. „Da ist die Atmosphäre einfach anders“.

Vieles hat sich in all den Jahren verändert. Etwa die Verweildauer der Mütter nach der Geburt. Waren es vor Kurzem noch drei bis vier Tage, in denen sich die Frauen im Krankenhaus von der Geburt erholen konnten, sind es heute nur noch zwei. Nach einem Kaiserschnitt sind es gerade mal drei Tage. Mit Sorge beobachtet Annette Mett, dass es den jungen Müttern gerade anfangs an Zeit und Ruhe fehlt – zum Kuscheln, Ausruhen und Ankommen in der neuen Lebensphase.

Dem Begriff „Wochenbett“ begegnet man heute kaum noch. Doch die Definition lässt erahnen, was heute fehlt. Es geht um die „Zeitspanne von der Entbindung bis zur Rückbildung aller Veränderungen (...), was typischerweise sechs bis acht Wochen dauert“. Das ist heute nahezu undenkbar. Auch deshalb, weil die klassische Großfamilie von früher nur noch selten anzutreffen ist. Immerhin gibt es die Elternzeit für Väter. „Die finde ich klasse, aber nur dann, wenn in der Zeit nicht das Haus umgebaut wird oder große Reisen unternommen werden“, sagt Annette Mett. Stattdessen plädiert sie dafür, wann immer möglich, die gemeinsame Zeit ohne große Hektik zu genießen. „Für meine Mutter war die Zeit nach der Geburt die schönste“, erinnert sie sich. Einfach deshalb, weil die Oma da war und sich gekümmert hat. Die war übrigens ebenfalls Hebamme. Und hat unter anderem ein Büchlein mit alten Heilrezepturen hinterlassen. Das hütet sie wie einen Schatz.

Unzählige Tipps und Tricks aus ihrer jahrzehntelangen Erfahrung gibt sie gerne an die Schwangeren und jungen Mütter weiter. Etwa in der Hebammensprechstunde, bei den Hausbesuchen oder während der Rückbildungsgymnastik am Bad Saulgauer Krankenhaus. Hier finden auch die Yogakurse für Schwangere statt. Annette Mett praktiziert seit vielen Jahren selber Yoga und weiß um dessen tiefgreifende Wirkung. Oder in der eigenen Praxis in Bondorf, in der auch Homöopathie, Akupunktur oder Taping zum Einsatz kommen. Neu hinzugekommen ist hier die Wechseljahresberatung.

Und wie steht es um den Hebammenmangel in der Region? Annette Mett stuft die Situation – abgesehen von einzelnen Regionen - als bislang noch nicht dramatisch ein. Anders als in den Großstädten. Dort ist die Lage mehr als prekär. In den Kliniken sieht es vielfach nicht besser aus. „Hier ist es vor allem die permanente Überlastung des Personals und auch die schlechte Bezahlung“, weiß Annette Mett.

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