Yongbo Zhao ein Provokateur mit Pinsel und Palette

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Der Künstler Yongbo Zhao (links), neben ihm ein Leihgeber, und Andreas Ruess. (Foto: Artur K. M. Bay)
Schwäbische Zeitung
Artur K. M. Bay

Was ich schon immer einmal sagen und mir von der Seele reden wollte, gegen die Mächtigen dieser Welt, gegen die gnadenlosen Radikalinskis in unserer Gesellschaft, vor allem gegen die in Kirche, Politik und Wirtschaft; all dieser aufgestaute Frust loszuwerden, gelingt bis auf den heutigen Tag den großen Künstlern der zeichnenden und malenden Zunft mit der Karikatur beinahe ohne Worte.

Oftmals treffen die scharfen Pfeile dieser uneigennützigen agierenden Satiriker allein mit Bleistift, Nadel oder Pinsel mitten ins Schwarze. Beißender Spott, anatomischen Überzeichnungen und hintergründige Finten sind ihre Werkzeuge. Schonungslos spüren sie alle jene aalglatten, smarten, unsympathischen Typen auf, die den Leuten ständig auf der Nase herumtanzen und sie vor allem unterdrücken bis zum Gehtnichtmehr. Drei Vertreter dieses meisterhaften Genres sind in der Ausstellung „PROVOKATION!“ im neuen Musentempel „Fähre“ im Alten Kloster bis zum 8. Dezember 2013 präsent. Diese Schau sollte frau/man sich nicht entgehen lassen; ohne Übertreibung hat sie nämlich so etwas wie den Charakter einer Sternstunde. Schon einmal, Anfang der Siebziger Jahre, wurden in der „Fähre“ die meisterhaften, zeitlosen Aquatinta-Radierungen des spanischen Malers Francisco de Goya (1746 - 1828) gezeigt. Ein Wiedersehen gab es ebenso mit dem französischen Bildhauer, Maler und Zeichner Honoré Daumier (1808 -1879). Am Pranger ihrer Bilder stehen vorneweg die Auswirkungen von Elend, Not und Krieg.

Nun hat sich fast wie aus heiterem Himmel der zeitgenössische Maler Yongbo Zhao, Jahrgang 1964, nahtlos in die Reihe der Ausnahmekünstler Goya und Daumier eingefügt - Überraschung der sagenhaften Ausstellungseröffnung - in typisch asiatischer, liebenswerter Bescheidenheit steht der munter und drahtig wirkende Künstler mitten im Alten Kloster - Yongbo Zhao ist wirklich da, persönlich, und in seinen fantastischen Großgemälden in der großen Säulenhalle allgegenwärtig - und lächelt.

Passend zum Ausstellungsthema spielt Franziska Fesler vor vollem Haus als Ouvertüre eine Violinsonate von Paul Hindemith; das sagt alles; auch diese Musik wirkt mitunter provokativ - ausgezeichnet im Vortrag. Kulturamtsleiter Andreas Ruess gibt seiner Freude Ausdruck über das enorme Publikumsinteresse. Dann folgt ein weiterer Höhepunkt der kreativen Soiree, nämlich die einführenden Worte durch die Leiterin des Kunsthauses Kaufbeuren, Susanne Flesche. Bereits in der Vorbereitung der Ausstellung sei eine vergnügliche Atmosphäre entstanden mit Yongbo Zhao, aus der eine gute Zusammenarbeit resultiert hätte. Ob die Ausstellung den nichtalltäglichen Titel „Provokation“ verdiene, davon sei sie nicht mehr so ganz überzeugt. Die drei Künstler könnten unterschiedlicher nicht sein, und dennoch läge die Übereinstimmung darin, dass alle drei einen gemeinsamen Nenner aufweisen würden, nämlich (wörtlich:) „Die Kunst ist ihre Waffe.“ In so gut wie allen Bildern werde den Betrachtenden ein Spiegel vor Augen gehalten, sei es in den Gestalten aus dem Bereich der Märchen oder aus der Tierwelt. Ein Hammel, also ein Schafsbock, dürfe meistens sinnbildlich für einen Politiker oder Mächtigen verstanden werden. „Schockierend und genial zugleich“; dieser Tenor ziehe sich durch sämtliche Werke der drei Künstler. Immer wieder gehe es um die gesellschaftspolitischen Probleme in den unterschiedlichen Zeitepochen. Soziale Spannungen, klerikale und weltliche Macht, welche die drei Maler unter die Lupe nehmen würden, seien Ziel ihrer schonungslos offensiv gestalteten Darstellungsweise.

Dann schilderte Susanne Flesche auf prägnanter Weise die Vita von Yongbo Zhao, der mit 24 Jahren von China nach Deutschland gekommen sei. Er erzähle in seinen großformatigen Bildern Geschichten, die einem bekannt vorkommen würden, aber daraus entwickelnden sich völlig neue Szenarien in dramatischer, schonungsloser Widergabe. Den Schlusspunkt setzte das Musikduo Olga Balzer, Klavier und Franziska Fesler, Violine, mit harmoniebestückten, zarten Klängen. Herzlichen Beifall für alle Akteurinnen, besonders natürlich für die famose Laudatorin Susanne Flesche aus Kaufbeuren. Ein Dankeswort von Kulturamtschef Andreas Ruess richtete sich nicht nur an die Musikerinnen, sondern an die zahlreichen anwesenden Leihgeber verschiedener Galerien, Kunsthandlungen und Museen aus ganz Deutschland.

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