Wie das Hilfsprojekt BuKi Armut bei Roma mit Frauenbildung bekämpft

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Eine Frau steht neben 3 Mädchen und hält eines im Arm
Mädchen aus Romafamilien vor den Hütten im Roma-Viertel mit Heidi Haller, zweite Vorsitzenden von BuKi: Die Mädchen haben es besonders schwer, einen Zugang zu ausreichender Bildung zu bekommen. (Foto: BuKi)
stellv. Redaktionsleiter

Eine bessere Bildung für Mädchen: die Verantwortlichen des Hilfsprojekts BuKi, Hilfe für Kinder in Osteuropa, halten dieses Thema für einen wichtigen Schlüssel für die Entwicklung von Kindern im Roma-Viertel. Der Verein mit Sitz in Bad Saulgau bekommt es in seiner Kindertagesstätte im rumänischen Cidreag immer wieder mit einer Kultur zu tun, die Mädchen in andere Rollen drängt: Frühe Beziehungen und früh schwanger.

„Das Viertel ist konservativ“, sagt BuKi-Vorsitzender Stefan Zell. Dazu gehört, dass „die Mädchen mit 14 aus dem Haus gehen.“ Das sei nicht einmal eine Frage elterlicher Autorität, so Zell. Er kennt den Fall einer 13-Jährigen, der die Eltern verboten hätten auszuziehen. Die Tochter ging dann doch. „Das ist kulturell vorgegeben“, sagt Stefan Zell.

Mädchen wollen Enge des Elternhauses entkommen

Doch Stefan Zell hat auch Verständnis für die Mädchen, wenn die Verhältnisse zu Hause unerträglich sind. „Die wollen raus.“ In den Elendshütten, in denen wenige Menschen auf engem Raum wohnen, sei der Drang, dem Elend zu entkommen, einfach da. Eltern und Geschwister wohnen auf engstem Raum in wenigen Zimmern.

Erst später kann sich das als Fehlentscheidung herausstellen und dass mit dieser Entscheidung viele Bildungschancen ungenutzt blieben. Denn oft ist mit dieser Entscheidung ein Großteil des künftigen Lebensweges vorgegeben: Viele Mädchen ziehen zu einem Freund. Frühe Schwangerschaften sind keine Seltenheit.

Mangelnde Aufklärung sorgt für frühe Schwangerschaften

Das wiederum hat einen zweiten Grund: Die Mädchen sind nicht aufgeklärt, „sie wissen in der Regel nicht, wie Kinder entstehen“, sagt Stefan Zell. Sexuelle Handlungen bekommen sie aber angesichts der Enge der Wohnverhältnisse mit. Doch das erste Kind mit 14, 15 oder 16 Jahren zu bekommen, sei keine Seltenheit, weiß Stefan Zell. „Ab da nimmt das Chaos dann seinen Lauf.“

Mit einem Vorurteil räumt Stefan Zell allerdings auf: Es gebe im Roma-Viertel zwar Großfamilien mit vielen Kindern, „die Regel ist das aber nicht“, so der Vorsitzende von BuKi. Familien mit zwei oder drei Kindern seien sehr häufig. Dass Roma-Familien viele Kinder wegen des Kindergeldes haben, sei ebenfalls eine Legende.

Bei BuKi gibt es kein spezielles Programm für Frauen. „Aber die Mädchen bekommen wichtige Aufgaben und Rollen bei uns“, sagt Stefan Zell. Man begleite auch Frauen zum Frauenarzt, damit er ihnen die Spirale einsetzt. Aber ein Teil des Problems seien auch die Jungs. Deshalb werde darauf geachtet, dass zwischen Mädchen und Jungen Konflikte gewaltfrei und mit Worten ausgetragen würden, nicht über Schläge.

Kinder in BuKi sollen die Muster von zu Hause durchbrechen. Das ist auch ein Problem für das soziale Miteinander. Die Roma-Mittelschicht habe deshalb immer noch ein Problem damit, eigene Kinder ins BuKi-Haus zu schicken, weil die Kinder nicht mit diesen Kindern in Kontakt kommen.

Erste Erfolge werden sichtbar: Das BuKi-Haus erlebt in diesem Jahr einen Andrang von Kindern, darunter viele Mädchen, wie noch nie. Erstmals gibt es sogar eine Warteliste für das BuKi-Haus. „Es scheint angekommen zu sein, dass BuKi etwas bringt“, meint Stefan Zell.

Deutschkenntnisse sorgen für Beachtung

Wichtig sind Momente wie diese: In einem Haus in Cidreag wurde Taufe gefeiert, viele aus dem Roma-Viertel waren da. Lucsi, früher bei BuKi und jetzt an einer weiterführenden Schule in der Kreisstadt Satu Mare, hat Romanés und Ungarisch ins Deutsche übersetzt. „Das sorgt für Bewunderung“, freut sich Stefan Zell.

Allein mit ungarisch und Romanés werden die Roma weiterhin als Gurkenpflücker in Holland oder Deutschland arbeiten müssen. Nach solch einem Auftritt gebe es dann kleine Signale ins Viertel, die von den BuKi-Verantwortlichen aus Deutschland nicht ausgesendet werden könnten. Womöglich schafft es dann irgendwann einmal auch ein Mädchen, so wie Lucsi.

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