Vom Lehrerseminar zum Politiker und Mordopfer der Rechtsnationalen

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 Günter Randecker hat Zeitzeugen von Matthias Erzberger und Zeitungsartikel ausgewertet. Ein Teil der Ergebnisse seiner Recherch
Günter Randecker hat Zeitzeugen von Matthias Erzberger und Zeitungsartikel ausgewertet. Ein Teil der Ergebnisse seiner Recherchen über den bekannten Zentrumspolitiker hat er auf Wandtafeln für die Ausstellung in der Stadtbibliothek zusammengefasst. (Foto: Rudi Multer)
stellv. Redaktionsleiter

Wenn es nach dem Ausstellungsmacher Günter Randecker ginge, würde Bad Saulgau nicht nur das Jubiläum der ersten urkundlichen Erwähnung vor 1200 Jahren feiern. Genau am 1. April vor 125 Jahren erhielt ein Absolvent des damaligen katholischen Lehrerseminars – des späteren Aufbaugymnasiums und wahrscheinlichen künftigen MINT-Exzellenzgymnasium – das Abschlusszeugnis, der zu den großen Politikern der Weimarer Zeit gehörte: Der spätere Zentrumspolitiker und Reichfinanzminister Matthias Erzberger. „125 Matthias Erzberger als Primus“ schlug Randecker als Jubiläum vor. Eine Ausstellung in der Stadtbibliothek erinnert derzeit anhand von Wandtafeln an einen herausragenden Politiker der Kaiserzeit und der Weimarer Republik.

Bis zum 25. Mai können sich Besucher der Stadtbibliothek über das Leben von Matthias Erzberger informieren und die akribisch gesammelten Dokumente zu Matthias Erzberger auf Wandtafeln studieren. Zur Eröffnung der Ausstellung am Montag im vollbesetzten Foyer der Bibliothek sprach Günter Randecker. Er hat zusammen mit Michail Krausnick unter dem Titel „Mord Erzberger – Matthias Erzberger, Konkursverwalter des Kaiserreichs und Wegbereiter der Demokratie“ ein Buch über den Zentrumspolitiker herausgegeben. Seine oft dialogische Art des Vortrags mit einzelnen Zuhörern im Publikum wirkte teilweise zu laut und zu penetrant. Abgesehen vom eigenwilligen Vortrag zeigte sich der Referent als profunder Kenner des Lebens von Matthias Erzberger bis in die kleinsten Details. Dessen Leben hat er auf Wandtafeln für die Ausstellung zusammengefasst. Den Schwerpunkt des Vortrags legte Randecker auf seine Zeit in Oberschwaben.

Aus einfachen Verhältnissen

Erzberger wuchs in einfachen Verhältnissen in Buttenhausen auf der Schwäbischen Alb auf. Dort gehörte die Familie zur katholischen Minderheit. Randecker: „Zu der Zeit war in Buttenhausen die Hälfte der Bevölkerung evangelisch, die andere Hälfte jüdisch und dann gab es noch eine katholische Familie“. Immer wieder wurde Matthias Erzberger später von seinen Gegnern aus rechtsnationalen Kreisen eine jüdische Herkunft unterstellt. Nach seiner Zeit am katholischen Lehrerseminar in Saulgau und als Lehrer in Marbach nahm Erzberger weitere Lehrerstellen in Göppingen und Feuerbach an. Später arbeitete er in Stuttgart als Redakteur, war maßgeblich am Aufbau der katholischen Arbeitervereine beteiligt, kümmerte sich um Handwerker und Arbeiter. Mit 27 Jahren kam er als jüngster Reichstagsabgeordneter erstmals in den Reichstag. „Er ist von da an der Benjamin geblieben“, so Randecker.

In der Zeit vor Beginn des Ersten Weltkriegs bis in die ersten Kriegsjahre hinein machte Erzberger eine Wandlung durch. Als „Welt-Annexionist“ habe er den Krieg zunächst befürwortet, so Randecker, setzte sich aber bereits in den ersten Kriegsjahren für einen Verständigungsfrieden mit den späteren Siegermächten ein - gegen den Widerstand der Oberste Heeresleitung um Hindenburg und Ludendorff. Als auch das Militär den Krieg verloren gab, leitete Erzberger die Waffenstillstandskommission und beendete mit seiner Unterschrift unter die Kapitulation das Blutvergießen. Später wurde Erzberger Reichsfinanzminister und zog zur Finanzierung, so Randecker, die Industriellen als die einstigen Kriegsgewinnler heran. Erzberger wurde zur Zielscheibe der Rechtsnationalen. Am 26. August 1921 wird er in Bad Griesbach im Schwarzwald von Attentätern der rechtsnationalen Organisation Consul ermordet.

Die außergewöhnliche Begabung Erzbergers trat während seiner Zeit am Lehrerseminar zutage. Der Primus erreichte, so Randecker, in sehr vielen Fächern die höchste Punktzahl von acht. „Nur im Schönschreiben war er nicht gut, bekam die schlechteste Note: 2,8“, liest Randecker vom Abschlusszeugnis ab. Erzberger sorgte aber auch dafür, dass er am Lehrerseminar überregionale Zeitungen lesen konnte. Randecker: „Er sorgte für frischen Wind im Seminar.“ Auch der Disput zwischen dem jungen Erzberger und dem damaligen liberalen Abgeordneten Carl Platz im Adler in Moosheim und in der Traube in Saulgau kommt zur Sprache. Es ging um die Frage ob Bildungseinrichtungen geistlich, sprich katholisch, oder weltlich geführt werden sollten.

Erinnerung wach halten

Randecker sieht es wie Ewald Gruber, der 1977 einen Aufsatz über Matthias Erzberger verfasste:Ö „Erzberger ist der einzige Absolvent des Seminars, der Weltgeschichte geschrieben hat.“ Wie das Andenken an ihn bewahren? Bis 1933 gab es laut Randecker bereits ein Erzberger-Straße in Bad Saulgau, die heutige Wilhelmstraße. Die Nationalsozialisten beseitigten das Andenken an den Politiker nachhaltig. Erst nach der Veröffentlichung des Aufsatzes von Ewald Gruber wurde eine Straße im Wohngebiet Roßgarten nach dem Politiker benannt. Stadtarchivarin Mary Gelder schlug vor, einen Erinnerungsort für Matthias Erzberger im geplanten Exzellenzgymnasium anzuregen. Randecker wollte davon nichts wissen. Die Anregung bleibt dennoch überlegenswert.

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