Vier Bildungspläne und eine neue Elterngeneration

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Elisabeth Gruber (links), Schulleiterin der Berta-Hummel-Schule, und Annemarie Kurfürst, Leiterin der Erich-Kästner-Schule, geh
Elisabeth Gruber (links), Schulleiterin der Berta-Hummel-Schule, und Annemarie Kurfürst, Leiterin der Erich-Kästner-Schule, gehen Ende des Schuljahrs gemeinsam in den Ruhestand. (Foto: Dirk Thannheimer)
Schwäbische Zeitung
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Elisabeth Gruber, Leiterin der Berta-Hummel-Schule, und Annemarie Kurfürst, Leiterin der Erich-Kästner-Schule, gehen am Ende des Schuljahrs gemeinsam in den Ruhestand. Beide haben sich während ihrer beruflichen Laufbahn vor allem für die Inklusion stark gemacht.

Elisabeth Gruber hätte eigentlich schon zum Ende des vergangenen Schuljahrs in den Ruhestand gehen können. „Aber mir hat es einfach Spaß gemacht“, sagt die 65-Jährige, deren Nachfolgerin Susanne Fröhlich sein wird, die derzeit noch Rektorin an der Grundschule in Göggingen ist (siehe Kasten). Annemarie Kurfürst ist zwei Jahre jünger und wird gleichzeitig ihren Schreibtisch räumen. Die Leitung der Erich-Kästner-Schule übernimmt kommissarisch Jürgen Baur, Leiter der Astrid-Lindgren-Schule in Mengen – ein sonderpädagogisches Bildungs - und Beratungszentrum mit dem Förderschwerpunkt Lernen.

Die beiden erfahrenen Schulleiterinnen kommen zusammen auf mehr als 80 Berufsjahre. Schon allein deshalb können die beiden die Zeiten von früher mit denen von heute gut miteinander vergleichen. Vier Bildungspläne erlebten sie mit: „Beim ersten Bildungsplan ging es nur darum, was zu tun ist. Soziale Kompetenzen haben anders als heute fast keine Rolle gespielt“, sagt Elisabeth Gruber, die bis 2009 die Sonnenlugerschule in Mengen geleitet hatte, ehe sie nach Bad Saulgau wechselte, wohin ihr ein Jahr später Annemarie Kurfüst folgte. Beide kannten sich beruflich schon aus Mengen, privat sogar viel viel länger. „Seit dem Sandkasten“, sagt Annemarie Kurfürst, der es wichtig war, gemeinsam mit Elisabeth Gruber die Inklusion voranzubringen. Was ihnen auch erfolgreich gelang. Im Jahr 2011 wurde der Modellversuch an der Berta-Hummel-Schule in Kooperation mit der Erich-Kästner-Schule mit zwei Inklusionsklassen gestartet. „Die Kinder sollen nicht stigmatisiert werden“, sagt Kurfürst über den Grundgedanken der Inklusion. „Die Vielfalt macht unseren Standort in Bad Saulgau so bedeutsam“, ergänzt Elisabeth Gruber.

Aufgabe der Politik

Gruber und Kurfürst freuen sich auf ihren Ruhestand, blicken aber auch mit Sorge auf die Schulentwicklung. „Die Schere geht leider immer weiter auseinander“, so Gruber, die sich mit Kurfüst über eins im Klaren ist: Die Grundschulzeit sei die wichtigste Zeit der Bildung. Und gerade in den ersten vier Jahren werden die Lehrkräfte immer knapper. „Sie werden nicht so gut bezahlt wie an weiterführenden Schulen, obwohl sie mehr Unterrichtsstunden haben“, sagt Gruber, obwohl die Grundschule das Fundament bilde. „Es ist Aufgabe der Politik, das zu lösen“, sagt Kurfürst. Ratschläge für junge Menschen, die den Lehrerberuf ergreifen wollen, haben die beiden parat. „Sie brauchen Einfühlungsvermögen, Empathie und müssen gut organisiert sein“, sagt Gruber. Jedes Kind müsse so respektiert werden wie es ist, so Kurfürst.

Gut bestelltes Feld

Was sich in den vielen Jahren noch verändert hat? „Es ist eine neue Elterngeneration. Die Ängste der Eltern sind größer geworden“, sagt Gruber, die ihre Zeit als Lehrerin aber nicht missen will. Sie habe ihre Arbeit mit Herzblut gemacht. Dem kann Annemarie Kurfürst nur zustimmen. Ende Juli, wenn Gruber und Kurfürst von Lehrern und Schülern verabschiedet werden, werden sie ihren Nachfolgern die Daumen drücken, dass sie mit ihrem Handeln und ihren Entscheidungen zwei Schulen unter einem Dach – so hieß es früher – so weiterführen, wie die beiden Frauen ihnen das gut bestellte Feld überlassen haben. Die letzten Wochen an der Schule „wollen sie alles geben“, sagt Kurfürst. „Wir haben viel zu viel zu tun, als das wir es auslaufen lassen könnten“, sagt Elisabeth Gruber, die sich die Stundenpläne für das kommende Schuljahr ins Hausaufgabenheft geschrieben hat.

Erst dann und keinen Tag früher können sich die Frauen mehr ihrer Freizeit und ihren Enkelkindern widmen. Elisabeth Gruber will öfter Tennis spielen, weiterhin im Gemeinderat aktiv sein, Annemarie Kurfürst ihre Italienischkenntnisse aufbessern und sich um den Garten kümmern. Eine Rückkehr ins Klassenzimmer schließen die beiden aus. Oder etwa nicht? „Wer weiß, ob ich als Krankheitsvertretung nochmal einspringe?“, sagt Elisabeth Gruber, von deren Erfahrungen die jungen Kollegen sicherlich profitieren könnten.

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