„Verspätung“ als Glück für die Region Oberschwaben

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 Edwin ErnstWeber
Edwin ErnstWeber (Foto: : Janisch)
Schwäbische Zeitung

Zahlreiche Mitglieder und Interessierte sind am Samstag der Einladung der Gesellschaft Oberschwaben für Geschichte und Kultur (GO) zum 23. Oberschwabentag in das Stadtforum Bad Saulgau gefolgt. Welche Anliegen und Ziele verfolgt der gemeinnützige Verein, der sich 1996 gegründet hat und dessen Geschäftsstelle am Landratsamt Sigmaringen angesiedelt ist. SZ-Mitarbeiterin Anita Metzler-Mikuteit hat sich mit dem Geschäftsführer Edwin Ernst Weber unterhalten.

Herr Weber, auf der Webseite der Gesellschaft Oberschwaben ist von einer „glückhaften Rückständigkeit“ oder „heiteren Moralität“ in Oberschwaben die Rede. Wollen Sie uns diese Formulierungen etwas näher erläutern?

Hier handelt es sich um zwei Interpretationsmuster der Geschichte Oberschwabens: Die glückhafte Rückständigkeit verweist auf die vielfach zu beobachtende „Verspätung“ der Region in der Übernahme von außen kommender wirtschaftlicher, sozialer und kultureller Veränderungen, die – als Gegenseite der Medaille – mitunter die längere Bewahrung alter Strukturen unter Vermeidung mancher Wunden und Verwerfungen moderner Umbrüche erlaubt hat. Die heitere Moralität spricht auf die zwar konservativen und noch lange von Kirche und Landwirtschaft geprägten Wirtschafts- und Sozialverhältnisse Oberschwabens an, deren heitere Seite in einer ausgeprägten sinnlichen Fest- und Geselligkeitskultur bestand.

Die Gesellschaft sieht es unter anderem als ihre Aufgabe an, das regionale Profil Oberschwabens zu stärken. Welche eigentliche Zielsetzung steht hinter diesen Bemühungen?

Nach unserer Überzeugung bedarf es als Gegengewicht zu einer zunehmenden Globalisierung und Entfremdung der modernen Menschen einer Beheimatung in der eigenen Region mit ihrem besonderen historischen Erbe und ihrer eigenen kulturellen Prägung. Hier versuchen wir mit der Erforschung und Vermittlung der regionalen Geschichte und Kultur einen Beitrag zu leisten.

Der Tourismus spielt in Oberschwaben seit vielen Jahren eine zunehmend bedeutende Rolle. Urlauber gehen verstärkt im eigenen Land auf Entdecker-Tour. Das entspricht vermutlich den Zielsetzungen der Gesellschaft?

Oberschwaben ist zweifellos eine der landschaftlich schönsten und kulturell reichsten Regionen Deutschlands. Es ist der Gesellschaft Oberschwaben ein Anliegen, sowohl der einheimischen Bevölkerung als auch den Touristen diese besondere Landschaft mit ihrem vielfältigen historischen und kulturellen Erbe zu erschließen und damit auch einen Beitrag zur Bewahrung zu leisten. Im Sinne einer allgemeinen Demokratisierung haben alle Teile der Bevölkerung das Recht, schöne Orte zu erleben und hier Erholung und Inspiration zu finden.

Gibt es Themen, die die GO in den nächsten Jahren verstärkt in den Blick nehmen möchte?

Vor demnächst 500 Jahren, im Bauernkrieg von 1525, hat Oberschwaben mit den zwölf Artikeln als eine der frühesten Erklärungen von Menschen- und Freiheitsrechten sowie dem Memminger Bauernparlament europäische Freiheitsgeschichte geschrieben. Wir hoffen, dies im Jahr 2025 mit ganz unterschiedlichen Partnern in einem regionalen Veranstaltungsprogramm und unter Umständen einer zentralen Ausstellung würdigen und dokumentieren zu können.

Wieso ligt Ihnen dieser Themenkomplex ganz besonders am Herzen?

Ich befasse mich als Wissenschaftler seit mehr als 30 Jahren mit den freiheitlichen und emanzipatorischen Traditionen der ländlichen Gesellschaften. Ein der Bedeutung dieses geschichtlichen Ereignisses angemessenes Erinnern der Region an die Freiheitsbewegung von 1525 wäre auch mir persönlich ein großes Anliegen.

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