Tenor und Sopranistin retten das Neujahrskonzert

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 Sorgen trotz Verkehrsproblemen für ein Konzert mit hohem Unterhlatungswert: Tenor  Claus Durstewitz , die Sopranistin Katerina
Sorgen trotz Verkehrsproblemen für ein Konzert mit hohem Unterhlatungswert: Tenor Claus Durstewitz , die Sopranistin Katerina Beranova und Dirigenten Antal Barnás (von links). (Foto: Monika Fischer)
Monika Fischer

Hiobsbotschaft für Kulturchef Andreas Ruess: Der Bus der Ungarischen Kammerphilharmonie ist am Donnerstagnachmittag auf seiner Fahrt nach Bad Saulgau drei Stunden lang in einem Stau auf der Autobahn festgesteckt, wodurch sich der Beginn des Neujahreskonzerts auf unbestimmte Zeit verschob. Zum Glück waren der Tenor Claus Durstewitz und die Sopranistin Katerina Beranova schon am Vortag angereist und überbrückten die Spanne bis zur Ankunft der Musiker durch mitreißende Gesangsdarbietungen.

Pünktlich zum programmgemäßen Konzertbeginn hatten die Besucher im Stadtforum ihre Plätzen eingenommen und erwarteten die Mitglieder der renommierten Ungarischen Kammerphilharmonie. Doch statt der Musiker erschien Andreas Ruess auf der Bühne und bereitete das Publikum auf eine Wartezeit unbestimmter Länge vor. In der Hinterhand hatte er jedoch die gute Nachricht, dass das Sängerehepaar Beranova / Durstewitz bereit war, die Lücke bis zur Ankunft des Orchesters mit Kostproben aus dem eigenen Repertoire zu füllen.

Mehr als eine Notlösung

Die Begleitmusik, so Ruess, komme allerdings aus der Konserve, dem I-Pad des Tenors, das dieser stets im Gepäck habe. Was als Notnagel gedacht war, mutierte unversehens zum Glücksfall, denn die Beiden verfügen über hervorragende Stimmen und fanden dank ihrer Ausstrahlung sowie Claus Durstewitz‘ Entertainerqualitäten schnell einen Draht zum Publikum. Die Tschechin Katerina Beranova blickt auf mehrmalige Engagements bei den Bayreuther Festspielen zurück und stand schon mit Placido Domingo auf der Bühne. Kein Wunder, denn ihre ausdrucksstarke Sopranstimme hielt selbst bis zum hohen D, gurrte, schmeichelte, kokettierte, und ihre Koloraturen gelangen bravourös. Mit dem eleganten Tenor von Claus Durstewitz, der in den oberen Lagen ebenfalls Strahlkraft bewies, ergänzte sie sich zum genialen Duett. Die kurzfristig getroffene Liedauswahl, allesamt Ohrwürmer aus verschiedenen Operetten, sorgte schon bei den ersten Takten für spürbar gute Laune im Saal. Ob „Tanzen möcht‘ ich“, „Niemand liebt dich so wie ich“ oder „Mein Liebeslied muss ein Walzer sein“ - die Zuhörer applaudierten begeistert.

Tatsächlich vergingen die 90 Minuten bis zum Konzertauftakt des Orchesters wie im Flug, zumal Andreas Ruess als Entschädigung für die Wartezeit zu einem Glas Sekt eingeladen hatte. Nachdem die Besucher aus der Pause zurückkehrten, deuteten die Einspielklänge einzelner Instrumente hinter dem geschlossenen Vorhang darauf hin, dass sich das Ensemble inzwischen auf der Bühne eingerichtet hatte. Klar, dass die Musiker und ihr ungarischer Dirigent Antal Barnás mit herzlichem Beifall begrüßt wurden. Letzterer schwang sofort den Taktstock und dirigierte mit temperamentvollen Bewegungen die atemberaubend schnelle Polka „Donner und Blitz“ von Johann Strauß Sohn.

Melancholie trifft Lebenslust

Nach einer von mehreren kleinen Geschichten, die Antal Barnás dem Wiener Otto Schenk nachempfunden hatte, betrat das Sängerpaar erneut die Bühne – er im hell schimmernden Cut mit Fliege, sie nach einer Traumrobe aus altrosa Satin jetzt im weit schwingenden Rosenkleid – und bewies, dass beide sich hervorragend mit dem Orchester verstehen. Die Musiker wiederum, die den führenden Orchestern Budapests entstammen, unterstützten die Arien mit Gefühl und bewiesen in kleinen solistischen Momenten, wie souverän sie ihre Instrumente beherrschen und wie überzeugend sie die Mentalität der ungarischen Seele wiedergeben: Melancholie und Schwermut, jauchzende Lebenslust und unbändiges Temperament. Etwa beim Ungarischen Tanz Nr. 4 von Johannes Brahms und ganz spektakulär durch einen Violinsolisten, der beim Csardas von Vittorio Monti an den Teufelsgeiger Paganini erinnerte. Mit dem schmissigen Radetzkymarsch von Johann Strauß Vater deutete sich das Konzertende an. Doch mit stehenden Ovationen erkämpfte sich das Publikum noch mehrere Zugaben, bevor sich nach einem wunderschön interpretierten „Time to say goodbye“ die Saaltüren öffneten.

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