Senioren-WG als Etablissement oder ein Weg aus der Altersarmut

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 Versicherungsvertreter Hans-Dieter Bögele will eigentlich eine Sterbeversicherung verkaufen.
Versicherungsvertreter Hans-Dieter Bögele will eigentlich eine Sterbeversicherung verkaufen. (Foto: Rudi Multer)
stellv. Redaktionsleiter

Die Bad Saulgauer Theatergruppe D‘ Komede hat mit ihrem neuesten Stück „Auch alte Katzen fangen Mäuse“ das sozialpolitisch brisante Thema Altersarmut unterhaltsam aufbereitet. In ihren Rollen wirkten die Laienschauspieler zum großen Teil sehr echt. Neu war mit dem Dorfgemeinschaftshaus in Bondorf außerdem die Bühne für die Aufführung des inzwischen achten Stücks der Gruppe. Den großen Erfolg zeigt die Zuschauerresonanz: Alle vier Aufführungen – auch die letzte am Sonntag – waren ausverkauft.

D’ Komede unter der Leitung der Theaterpädagogin Jutta Golitsch hat sich mit selbst geschriebenen Stücken zu jeweils aktuellen Themen inzwischen einen Namen gemacht. So verarbeitete sie im vergangenen Jahr in der Fulgenstadter Hopfendarre unter dem Titel „Schön sein – um jeden Preis“ den grassierenden Schönheitswahn mit einem Bühnenstück.

Ihr neustes Stück spielt in einer Alters-Frauen-WG. Hier herrscht absolute Knappheit an materiellen Mitteln. Strom gibt es nur, wenn ein Bewohner oder ein Gast einen Groschen übrig hat, um den Münzautomaten zu füttern. Lebensmittel sammeln die Damen im Container, das Sammeln von Pfandflaschen soll weitere Groschen in die WG-Kasse bringen und Shopping findet allenfalls im Billig-Discounter statt. Auch Träume gehören dazu, wie das Schreiben eines Liebesromans, den WG-Bewohnerin Constanze in der Mache hat.

„Wir gehören zur Generation Kinder kriegen, Kinder großziehen“ umschreiben die Damen die Ursache für ihr kärgliches Dasein. Ihren Humor haben sie aber dennoch nicht verloren – und ihren Sinn für kreative Ideen auch nicht. Die teilweise mit Stock und Rollator ausgestatteten Damen beschließen also, als „Sexgöttinnen“ zu Geld zu kommen.

Kunterbunte Dienstleistung

Als Ausbilderin wird eine Monique engagiert, welche die Damen in die Welt der sexuellen Bedürfnisbefriedigung bei Männern einführt. Die große schauspielerische Leistung der Laiendarsteller wird genau an diesem Punkt deutlich. Die einst biederen Seniorinnen verwandeln sich nicht nur im Outfit in kunterbunte Dienstleisterinnen, sie zeigen auch mit nunmehr lasziven Bewegungen, dass sie ihre neuen Rollen beherrschen. Trainerin Monique hat Erfahrung im Geschäft, schließlich verdient sie mit einem Begleitservice Geld. Sie zeigt den Seniorinnen anhand diverser Utensilien, was Männer angeblich so gerne mögen. Schwester Horatia, eine Nonne, die zufällig wegen eines Regengusses in der Senioren-WG Zuflucht findet, spielt überzeugend die ahnungslose Gläubige, hat aber, wie sich später herausstellt, durchaus früher enge Beziehung zum Metier. Für einen Höhepunkt der Verwirrung sorgt schließlich der Auftritt des Versicherungsvertreters Hans-Dieter Bögele, der den älteren Damen gerne eine Sterbegeldversicherung andrehen möchten, in dem die Damen aber ihren ersten Kunden ausmachen. Bögeles Sätze wie „Zuerst reden wir, dann kommt der praktische Teil“ führen zu außerst amüsanten Missverständnissen. Dazu kommen die Beziehungen Jung und Alt, verkörpert durch Constanzes Enkel David, der noch gar nicht weiß, was er machen will, seine Großmutter im Gegensatz zum leiblichen Vater aber einfach großartig findet. Da ist die Altenpflegerin, die einstweilen einen etwas eher lästigen männlichen Partner einer der Damen ins Altenheim befördert. Die Staatsgewalt in der Rolle eines Kommissars ist ebenfalls vertreten

Die Nebenstränge

Der zweite Teil des Stücks fiel in Sachen Klarheit der Handlung dann gegenüber dem ersten Teil ab. Es gab viele Nebenstränge, die schwer nachzuverfolgen waren, etwa das Techtelmechtel des Kommissars mit Monique oder die polizeilichen Ermittlungen gegen Enkel David, hinter dessen Interesse für Botanik der Kommissar ein Drogendelikt vermutet. Schließlich kam es aber doch zum Happy End. Die Damen verlagerten ihr Arbeitsgebiet auf Telefonsex und gaben Männern via Headset und Handy bei der Hausarbeit, was diese vermeintlich brauchen. Zu diesem Schluss hätten die Theatermacher schon früher kommen können. Idee und schauspielerische Leistungen waren topp, mit fast drei Stunden war das Stück jedoch zu lang. Der Applaus aber war frenetisch.

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