Schule im Kloster Sießen verfolgte revolutionären Ansatz

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Paul Stollhof, pädagogischer Geschäftsführer des „Ordensschulen Trägerverbund gGmbH“ und Generalrätin Schwester Iris Rederer, d
Paul Stollhof, pädagogischer Geschäftsführer des „Ordensschulen Trägerverbund gGmbH“ und Generalrätin Schwester Iris Rederer, die Botschafter der Bildung im Sinne des heiligen Franziskus sind. (Foto: ki)
Eugen Kienzler

Bei der Eröffnung der Sommerausstellung im Torhaus des Kloster Sießen war auch eine Gruppe Frauen aus Mutlangen anwesend, die sich im Gespräch als Mütter von Schülern des Franziskus Gymnasium Mutlangen vorstellten. Sie waren für einige Tage im Kloster Sießen, um die Ordensgemeinschaft, die Hauptgesellschafterin ihres Schulträgers, dem Ordensschulen Trägerverbund gGmbH, kennenzulernen.

Heute in der Öffentlichkeit größtenteils unbekannt, hatte die Ansiedlung der Franziskanerinnen im damaligen Dominikanerinnenkloster Sießen 1860 einen klar formulierten Auftrag „Der Hauptzweck der Klostergründung müsse die Errichtung eines Lehr- und Erziehungsinstitutes für Mädchen sein.“ So hieß das Kloster „Kongregation der Schulschwestern vom Dritten Orden des heiligen Franziskus in Sießen“, die 1984 in „Kongregation der Franzsikanerinnen von Sießen“ umbenannt wurde. Ziel war es, den Mädchen eine höhere Bildung zu ermöglichen. Sie sollten nicht nur auf die spätere Familiengründung vorbereitet werden, sondern sollten auch einen Beruf ausüben, um im gesellschaftlichen und politischen Leben ihre Rolle einnehmen zu können. Für die damalige Zeit ein revolutionärer Ansatz.

Fokus anfangs auf Lehrerberuf

War zu Beginn der Fokus darauf ausgerichtet, junge Frauen auf das staatliche Lehrerinnenexamen vorzubereiten, kam schon 1867 eine Volksschule und später die Ausbildung zu Handarbeitslehrerinnen dazu. Schon bald kamen Sießener Schwestern an andere Schulstandorte wie Stuttgart, Ellwangen, aber auch an regionale Schulen. Nach den Wirren des Zweiten Weltkrieges unter dem auch die Schwestern sehr gelitten hatten, kam die Blütezeit mit einem Aufbaugymnasium, einem Kindergärtnerinnenseminar, und der Haushaltungsschule. In den Filialen erfolgten weitere Neugründungen. Aufgrund zurückgehender Schülerzahlen und der Dichte an Gymnasien wurden 1990 in Sießen die letzten Abiturientinnen verabschiedet.

Auch wenn damit in der regionalen Öffentlichkeit das Kloster Sießen als Schulträger nicht mehr wahrgenommen wurde, blieb die Kongregation ihrem Bildungsauftrag an den anderen Standorten treu. 1996 hat die Kongregation eine gemeinnützigen GmbH – „Sießener Schulen gGmbH“ – gegründet, um eine nachhaltige Entwicklung der Schulen zu sichern. Um weitere katholische Schulträger wie das Salvatorkolleg in Bad Wurzach aufzunehmen wurde 2004 die „Ordensschulen Trägerverbund gGmbH“ mit Sitz in Sießen gegründet. Diese Holding ist mit derzeit 5900 Schülern und 500 Lehrkräften an sieben Standorten und 13 Schulen der größte Schulträger in der Diözese Rottenburg-Stuttgart.

Schulen gehören zum Verbund

Zu dem Verbund gehören die Mädchen- und Jungenrealschule und Grundschule St. Bernhard in Bad Mergentheim, das Mädchengymnasium St. Agnes in Stuttgart, die Mädchen- und Jungenrealschule St. Elisabeth und das Sozialwissenschaftliche Gymnasium St. Martin in Friedrichshafen, die Mädchenrealschule und Gymnasium St. Gertrudis in Ellwangen, die Mädchenrealschule und Progymnasium sowie Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliche Gymnasium St. Klara in Rottenburg, das Gymnasium Salvatorkolleg in Bad Wurzach und als jüngstes Kind das Franziskus Gymnasium in Mutlangen.

„In unserer hochdifferenzierten Gesellschaft und Ökonomie wird Wissen und Können immer wichtiger, das anschlussfähig und anwendungsfähig ist. Es ist eine der Hauptaufgaben von Schule, diese Kompetenzen zur Verfügung zu stellen. Gleichzeitig ist der Mensch mehr“, so der pädagogische Geschäftsführer Paul Stollhof. Der Mensch habe nicht nur ein Recht darauf gut ausgebildet zu sein, sondern er habe ein Recht auf Gelegenheiten, sich als Person zu bilden. „Wir begreifen Bildung von unserem christlichen Menschenbild her als ganzheitliche Bildung“, so Stollhof.

Daraus leite sich neben der Fachlichkeit, die über den staatlich vorgegebenen Lehrplan geregelt ist, vor allem die Schulung der Aufmerksamkeit und Achtsamkeit, die Fähigkeit zum Dialog, die Fähigkeit zur Reflexion und Selbstreflexion, das Werte suchen, über Werte urteilen und danach handeln als Lernziele ab. Als zentraler Punkt der Schulentwicklung nennt Stollhof das Lernen durch Handeln. Schwester Iris Rederer, die selber 26 Jahre Schulleiterin am Agnes Gymnasium in Stuttgart war, nennt dies zusammenfassend „Herzensbildung – die Persönlichkeitsentwicklung mit dem Ziel werteorientiert sein Leben gestalten zu können“.

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