Roma-Hilfe aus Oberschwaben

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Wer ins Buki-Haus will, muss auch in die Schule gehen.
(Foto: Thomas Wagner)
Thomas Wagner

Eine Bad Saulgauer Initiative kümmert sich in Rumänien um Roma-Kinder. Der tiefsten Armut dort wird mit Zuwendung und Bildung begegnet.

Schon wieder ist es passiert: Stumm zeigt Heini, eine Frau Anfang 20, auf das, was mal ein Fenster war: Die Scheibe zerbrochen, der morsche Rahmen angeknackst. „War dein Mann schon wieder da? Und hat er die Scheibe eingeschlagen?“, fragt Heidi Haller. Heini nickt wortlos; ein Hauch von Ängstlichkeit huscht über ihr hübsches, schmales Gesicht. „Immer wieder dasselbe: Obwohl er Hausverbot hat, kommt Heinis Mann immer wieder zurück – und schlägt zu!“ Heidi Haller, Anfang 50, stammt aus Bad Saulgau. Heini, Anfang 20, ist in Cidreag zu Hause – ein kleines Dorf im Nordwesten Rumäniens, nur ein paar Hundert Meter von der Grenze zur Ukraine entfernt. Dass sich Heidi und Heini hier häufig begegnen, ist ein Glücksfall: Denn eher aus Zufall entdeckte der oberschwäbische Verein Buki-Hilfe Bad Saulgau die 1200-Einwohner-Gemeinde Cidreag – ein Dorf, in dem die Zeit stehen geblieben ist: Die Hälfte der Bevölkerung hat einen Roma-Hintergrund; viele der Menschen leben in Behausungen, in denen es an allem fehlt: Fließendes Wasser, Türen, Toiletten, Betten. Seit acht Jahren bieten die Leute der Buki-Hilfe hier genau das an, was am meisten Abhilfe verspricht: Bildung.

Schläge von betrunkenem Mann

Heidi Haller aus Bad Saulgau kriegt die Bilder nicht aus dem Kopf: Hier das Roma-Mädchen Heini mit den verquollenen Augen, die wieder mal Schläge von ihrem betrunkenen Mann bekommen hat. Dort der kleine Daniel mit seinen seltsamen Narben an der Nase. „Das waren die Ratten“, erklärt Stefan Zell, der mit seiner Frau Heidi Haller an der Spitze der Buki-Hilfe steht, „die kommen nachts und knabbern die Menschen an, wenn sie schlafen.“

Und da wäre noch das Roma-Mädchen Renata, eines von zwölf Kindern aus der Großfamilie in der Nachbarschaft. Renata hält ein Kind auf dem Arm, gerade mal ein Jahr alt. „Mein Sohn Katalin“, sagt sie stolz in gebrochenem Deutsch. Das habe sie in Trier gelernt. „Da“, sagt sie, „war ich zum Arbeiten.“ Welche Arbeit? Renata entgegnet verlegen: „Putzen, ja putzen.“ Stefan Zell weiß es besser: Renata hat in einer Strip-Bar Geld verdient, um zu Hause, in Cidreag, die Familie durchzubringen. Ein Schicksal von vielen in Cidreag.

Seit Anfang 2007 gehört Rumänien der Europäischen Union an. Doch von den Segnungen der millardenschweren EU-Zuwendungen ist in Cidreag wenig bis nichts zu spüren: Viele der Roma-Familien leben in tiefster Armut, verdingen sich allenfalls ein paar Stunden am Tag als Hilfsarbeiter auf den Feldern rings-um. Mit einem Hilfstransport kamen Heidi Haller und Stefan Zell eher aus Zufall vor acht Jahren zum ersten Mal hierher. „Hilfstransport, schön und gut“, erinnert sich Stefan Zell, „aber uns wurde schnell klar: Mit Kleidern und Lebensmitteln ist den Leuten langfristig hier nicht geholfen.“

Die beiden erkannten: Die Probleme im Dorf, die zu Armut und Verelendung führen, haben tiefer gehende Ursachen: Weil viele Väter von Roma-Familien niemals eine Schule von innen gesehen haben, schicken sie auch ihre Kinder nicht in die Dorfschule. Weil die Kinder niemals rechnen gelernt haben, können sie nicht wissen, wie viel Lohn ihnen nach acht Stunden Arbeit zusteht. Viele können nicht einmal eine Uhr lesen. Wie sollen sie da rechtzeitig in einem Kindergarten, in einer Schule oder bei der Arbeit sein? „Es sind oftmals die einfachsten Fertigkeiten, die den Menschen hier abgehen“, erklärt Stefan Zell, „und die dazu führen, dass sich der Teufelskreis zwischen Bildungsarmut und Verarmung immer schneller dreht.“

Um diesen Teufelskreis zu durchbrechen, kauften die Helfer aus Bad Saulgau ein Haus, mitten im Ort – das sogenannte Buki-Haus. Der Name leitet sich von der früheren Initiative Kinderhilfe Bulgarien ab. „Von Bulgarien sind wir dann zwar nach Rumänien gegangen“, erklärt Stefan Zell, „doch den Namen Buki fanden wir irgendwie hübsch – und nennen uns heute noch so.“ Und im Buki-Haus ist vieles anders als sonst im Ort: An einem Tisch sitzen gut zwei Dutzend Kinder, singen gemeinsam ein Lied. Dann: Die ersten Versuche in Deutsch. „Wie heißt du? Wo wohnst du? In Cidreag.“ Manche sind vier, manche sechs, manche schon zwölf Jahre alt. Doch allen ist eines gemeinsam: Lernen im Buki-Haus macht Spaß.

Somit ist das Buki-Haus in erster Linie ein Bildungshaus. Ganz wichtig: Sprachkompetenz. „Viele können nur Romanes, die Sprache der Roma“, erklärt Stefan Zell, „wenn sie dann mal für ein paar Tage in die Schule gehen, verstehen sie kein Wort.“ Dann wird ihnen so etwas wie ein geregelter Tagesablauf beigebracht. „Und da steht am Anfang eben erst mal ein Frühstück im Buki-Haus. Denn“, so Stefan Zell, „wer Hunger hat, kann nicht lernen.“ Schließlich lesen, sprechen und singen die Kinder gemeinsam – in Ferienzeiten mit den Helfern aus Oberschwaben, ansonsten aber mit Ortskräften, die sich im Auftrag der Bad Saulgauer Buki-Hilfe um die Kinder kümmern – und auch darauf achten, dass sie die kleine Dorfschule besuchen: „Das ist unsere Bedingung: Wer ins Buki-Haus will, muss auch in die Schule gehen.“

Hackordnung der Roma-Familien

Doch bei ihrer Arbeit wachsen den Helfern die Probleme fast über den Kopf. Eines davon ist die hierarchische „Hackordnung“ der Roma-Familien: Die besser Gestellten wollen mit den ganz Armen nichts zu tun haben. Die Ungarischstämmigen haben häufig mit den Romas insgesamt nichts am Hut. Heidi Haller und Stefan Zell haben da schon einige Mühe, den Eltern zu erklären, dass wenigstens die Kinder aus allen Schichten miteinander spielen und miteinander lernen. Und dass das gut für alle ist.

Die ersten Erfolge sind bereits sichtbar: „Früher hat kaum einer dieser Roma-Kinder die Schule geschafft. Und jetzt haben wir die Ersten, die einen Schulabschluss vorweisen können“, freut sich Ion Bogariu, den sie im Ort einfach nur den „Roma-Chef“ nennen. Er selbst ist der einzige Roma mit Abitur weit und breit; er kümmert sich darum, dass im Buki-Haus alles seinen geordneten Gang geht, wenn die Helfer aus Bad Saulgau nicht da sind. „Selbst die Kinder aus den ganz ärmlichen Verhältnissen packen die Schule, wenn sie parallel ins Buki-Haus gehen.“ Deshalb, sagt der Roma-Chef, könne man die Arbeit des oberschwäbischen Vereins nicht hoch genug einschätzen. Der lebt ausschließlich von Spendengeldern – und vom Engagement der Helfer, die mitmachen. „Ich glaube, ich habe in meinem ganzen Leben noch nichts Sinnvolleres gemacht“, bekräftigt Stefan Zell, der im „richtigen Beruf“ als Marketingleiter eines Bad Saulgauer Unternehmens arbeitet.

Trotz aller Erfolge mit den Kindern: Ein wenig Frust schwingt mit, wenn er über den Umgang mit den Behörden im In- und Ausland spricht: Der Bürgermeister aus Cidreag habe in all den Jahren gerade mal ein einziges Mal vorbeigeschaut. Die rumänischen Behörden lassen das Projekt links liegen. Und die Europäische Union, die bei jeder sich bietenden Gelegenheit die Unterstützung der Not leidenden Sinti und Roma einfordert, habe einen Förderantrag aus formalen Gründen abgelehnt.

Würstchen, Cola, Sackhüpfen

Dass die Leute der Bad Saulgauer Buki-Hilfe dennoch unverzagt weitermachen, versteht sich von selbst – der Kinder wegen: „Wir bieten ihnen halt auch das, was sie zu Hause nicht haben: Nestwärme“, so Gerhard Blohm aus Erbach bei Ulm. Der Bankkaufmann im Ruhestand fährt bereits seit Jahren mit der Buki-Hilfe nach Cidreag, wie so viele andere aus der Region.

Sommerfest rund ums Buki-Haus: Plötzlich erscheinen selbst die Kinder, die Tags zuvor noch in schmutzigen T-Shirts herumgesprungen sind, in einer Art Festtagskleidung: Es gibt Würstchen und Cola, beim Sackhüpfen und Trampolinspringen dürfen sie Punkte sammeln. Versonnen blickt Heidi Haller auf das bunte Treiben der Kinder. Was denn in diesem Moment ihr größter Wunsch sei? Da muss sie erst mal überlegen: „Dass sich die Verhältnisse so verbessern, dass man uns gar nicht mehr braucht.“ Alle wissen: Bis es so weit ist, wird es noch sehr lange dauern.

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