Rettung aus dem Mähdrescher ist herausfordernd

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Christoph Klawitter

Ein Landwirt sitzt im Mähdrescher und hat einen akuten Bandscheibenvorfall mit neurologischen Störungen: Er kann die Fahrerkabine des großen Gefährts nicht selbstständig verlassen. Mit Geschick und ihrer Muskelkraft müssen die zu Hilfe eilenden Feuerwehrleute ihn retten – denn das Drehleiter-Fahrzeug kann aufgrund des moorigen Geländes nicht zum Mähdrescher fahren: Das war eins von fünf Szenarien bei den Oberschwäbischen Rettungstagen am Wochenende in Bad Saulgau.

„Wir sind jetzt zirka 100 Teilnehmer“, erläuterte Stadtbrandmeister Karl-Heinz Dumbeck während der Rettungstage. Insgesamt waren demnach 24 Feuerwehren aus der Region dabei. Die Oberschwäbischen Rettungstage waren nicht als Wettbewerb gedacht. „Bei der Veranstaltung geht es um Schulung, um Fortbildung“, sagte Dumbeck. Schwerpunkt war die Hilfeleistung bei landwirtschaftlichen Unfällen: Einen Mann aus einem Mähdrescher retten, Insassen aus einem Auto befreien, das unter einen landwirtschaftlichen Anhänger geraten war, oder ein weiterer Unfall, bei dem das Auto mit einem sogenannten Kreiselschwader (landwirtschaftlicher Anhänger) kollidiert war, dazu noch ein Szenario, bei dem ein Landwirt in einem Mähdrescher-Anbauteil eingeklemmt war, und schließlich als einzige nicht-landwirtschaftliche Übung ein alter Golf, der einen Seitenaufprall mit einem Baum gehabt hatte, auch hier musste ein Insasse gerettet werden.

Feuerwehrleuten fehlt Praxis

Mit dabei beim Oberschwäbischen Rettungstag war neben dem Deutschen Roten Kreuz unter anderem die Firma Weber Rescue Systems, ein Hersteller von Feuerwehrausrüstung. „Der Bedarf ist einfach da“, sagte Bernd Schubert, Außendienstmitarbeiter der Firma, mit Blick auf die Rettungstage. Es gebe nämlich vergleichsweise wenig Unfälle mit landwirtschaftlichen Fahrzeugen – entsprechend fehle den Feuerwehrkräften auch die Praxis bei dieser speziellen Art der Rettung. Beispielsweise Mähdrescher: Der „Verunglückte“ musste dabei von großer Höhe, etwa zwei bis zweieinhalb Meter, gerettet werden. Ein Geländer seitlich der Fahrerkabine führte zudem zu engen Platzverhältnissen für die Retter, die Person konnte nicht ohne weiteres mit der Trage herausgetragen werden. Die Feuerwehrmitglieder bauten zunächst eine Plattform, die über ein klappbares Geländer verfügte, auf. Nachdem nach einigem Rangieren die Person aus der engen Fahrerkabine herausgeholt worden war, konnte diese über die Plattform mit viel Muskelkraft gerettet werden.

Für Feuerwehrmänner und -frauen ist regelmäßige Fortbildung wichtig, unabhängig von der Unfallart. „Man muss sich in dem Bereich alle vier bis fünf Jahre weiterbilden“, findet Bernd Schubert. Wichtig wären dabei aber auch moderne Einsatzgeräte. „Oft sind Rettungsgeräte 20 Jahre alt“, bemerkte Schubert. Manche moderne Autos könnten damit nicht mehr geöffnet werden. Auch deshalb hält er es generell nicht für ganz ideal, dass die Übungsobjekte der Feuerwehren oft sehr alte Schrottautos und keine modernen Autos sind. Detailwissen ist ebenfalls wichtig: Bei manchen Autos, so Schubert, könnten noch bis zu einer Minute nach dem Abklemmen der Batterie trotzdem noch die Airbags auslösen, bei manchen Modellen gar noch zehn Minuten lang.

Mehr Wasser bei Elektroautos

Die Oberschwäbischen Rettungstage begannen am Freitag mit Vorträgen. Ein Thema dabei: Der Umgang mit verunfallten Elektroautos. Wie Karl-Heinz Dumbeck aus dem Vortrag des Referenten berichtete, ist demnach das Löschen von Elektroautos im Brandfall mitnichten schwieriger als bei herkömmlichen Autos, auch wenn das öfters gesagt wird. „Man braucht mehr Wasser für die Brandbekämpfung“, erläuterte Dumbeck den einzigen wesentlichen Unterschied zu herkömmlichen Autos. Am Samstag übten die Teilnehmer dann an den fünf Stationen. Wer wollte, konnte die Übungen beobachten.

Der Bad Saulgauer Feuerwehrkommandant zog eine positive Bilanz: Mit den erstmals veranstaltenden Oberschwäbischen Rettungstagen sei er „absolut“ zufrieden. Die Hoffnung sei, dass sich daraus eine Regelmäßigkeit entwickle, also andere Feuerwehren zu anderen Themen auch Oberschwäbische Rettungstage ausrichten. „Wir möchten da auch ein bisschen ein Netzwerk aufbauen“, so Dumbeck, sprich die bisher schon funktionierende Zusammenarbeit noch weiter ausbauen. Die Veranstaltung war auch der Beitrag der Feuerwehr Bad Saulgau zum 1200-Jahr-Jubiläum der Stadt.

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