Nur eine Notoperation rettet das Opfer

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In Begleitung von Justiz-Mitarbeitern und in Handschellen wird der 83-Jährige ins ins Gerichtsgebäude geführt.
In Begleitung von Justiz-Mitarbeitern und in Handschellen wird der 83-Jährige ins ins Gerichtsgebäude geführt. (Foto: Felix Kästle, dpa)
Wolfgang Steinhübel

Im Prozess gegen einen 83-jährigen Rentner aus Bad Saulgau sind am zweiten Verhandlungstag vor dem Landgericht Ravensburg die Mediziner als Sachverständige und als Zeugen zu Wort gekommen. Notarzt und Chirurgen aus drei Krankenhäusern berichteten von ihrem Kampf um das Leben des Opfers.

Der Mann hatte am 21. Januar 2020 seine frühere Lebenspartnerin mit einem Messer lebensgefährlich verletzt. Hintergrund soll die vorangegangene Trennung von der Frau gewesen sein. Die Anklage lautet auf versuchten Mord in Tateinheit mit gefährlicher Köperverletzung. Am Ende des Verhandlungstages widerspricht der Angeklagte dem Gutachten des rechtsmedizinischen Sachverständigen und gibt Einblicke in sein Tatmotiv.

Schon fünf Minuten nach Eingang des Notrufes traf der Notarzt am Tatort ein. Im Keller eines Mehrfamilienhauses fand er die 64-jährige Frau blutüberströmt am Boden liegend vor. Er schildert es als „dramatische Akutsituation“. In einer Notversorgung stabilisiert er den Kreislauf und sorgt für einen schnellen Transport ins Krankenhaus Bad Saulgau. Der dortige Arzt berichtet von unzähligen kleinen Wunden und zwei tiefen Stichen im Unterbauch. „Es bestand akute Lebensgefahr“, sagte er. In einer zweistündigen Notoperation stellen die Chirurgen Verletzungen an Leber, Milz, Zwerch- und Lungenfell und Darm fest und versorgen die Patientin entsprechend. „Es war ein Massaker“, sagte der Chirurg, „so viele Verletzungen auf einmal habe ich noch nie gesehen.“ Die Patientin wird nach Sigmaringen verlegt. Dort stellen die Ärzte eine lebensbedrohliche Bauchspeichelentzündung fest. Sie wird in die Uniklinik nach Tübingen gebracht, in einer weiteren Operation wird ein Teil der Bauchspeicheldrüse entfernt. Auch weiterhin gibt es immer wieder Komplikationen, eine weitere OP wird notwendig, mehrere Tage muss sie zur Dialyse. Nach fast dreiwöchiger intensiv-medizinischer Betreuung wird sie auf die Normalstation verlegt.

Dann bewertet der rechtsmedizinische Sachverständige Frank Reuther die Verletzungen beim Opfer und beim Täter. Der Frau wurden 24-26 Stichwunden beigebracht, davon sieben konzentriert im linken Brustbereich. Sie hatte über zwei Liter Blut verloren. „Es bestand akute Lebensgefahr“, so Reuther und weiter „die Operationen haben ihr das Leben gerettet.“

Anschließend kam er zu den Verletzungen des Angeklagten, die er auch als lebensbedrohlich einstufte „Er hat sich diese Stiche selbst beigebracht“, führte er aus. Typisch dafür seien die kleinen „Probierstiche“. Bei Selbstverletzungen mit einem Messer fügt man sich meistens erst kleinere Stiche zu. „Man sticht sich Mut an“, so Reuther. Dass dem Angeklagten, wie dieser behauptet, ein Stich vom Opfer zugefügt wurde sei von der „Tatabfolge nicht erklärbar.“

Daraufhin erzählte der 83-jährige unter Tränen seine Version des Tathergangs. Er habe zu der Frau gesagt: „Ohne dich kann ich nicht leben“ und sich dann in ihrem Beisein versucht, die Pulsadern aufzuschneiden. Diese habe ihm das Messer entwunden und aus Furcht, er könne ihr etwas antun, ihm die Klinge in den Bauch gestochen. „Dann habe ich aus Wut zugestochen.“ Auf die Nachfrage des Vorsitzenden Richters Veiko Böhm „Wollten Sie sie töten?“ verifizierte er aber gleich danach: „Ich wollte ihr nichts machen. In Wut habe ich nur herumgestochert. Ich war verwirrt.“ Dann sagte er noch: „Ich bin schuldig.“

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