Neulingskurs hinter Gefängnismauern

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Heinz-Werner Zwicknagel hat seine letzte Schulung und seinen letzten Neulingskurs gehalten.
Heinz-Werner Zwicknagel hat seine letzte Schulung und seinen letzten Neulingskurs gehalten. (Foto: privat)
Mehmet Kacemer

Mit dem Pfullinger Schiedsrichter-Lehrwart Heinz-Werner Zwicknagel hat sich eine Institution des württembergischen Schiedrichterwesens in den Ruhestand verabschiedet. Als „Abschiedsgeschenk“ hielt er in den vergangenen Wochen den gemeinsamen Neulingskurs der Gruppen Saulgau und Sigmaringen, quasi die letzte Amtshandlung in fünf Jahrzehnten, in denen er nicht nur die Schiedsrichtergruppe Reutlingen prägte.

Heinz-Werner Zwicknagel und die Schiedsrichtergruppe Saulgau verbindet mehr als der letzte Neulingskurs. Vor exakt 42 Jahren führte den jungen Zwicknagel der Weg erstmals nach Oberschwaben, als er 1976 im Gasthof Engel in Herbertingen zum Thema Passkontrolle referierte, ohne PC, ohne Powerpoint - sondern mit sehr viel Handarbeit, um das Referat zusammenzustellen. In fünf Jahrzehnten bildete er 2000 Schiedsrichter aus, darunter auch Ex-Fifa-Schiedsrichter Knut Kircher.

800 000 Kilometer legte Zwicknagel zurück, 20-mal um die Erde, im Dienste des Schiedsrichterwesens. Jeden Abend bereitete er eigens vor, wie zuletzt auch in Bad Saulgau. Immer waren die Schiedsrichter und Neulinge begeistert, wenn ein „alter Hase“ lehrreich und witzig aus dem Nähkästchen plauderte, auf eigene Super-8-Filme zurückgriff oder auf Band aufgezeichnete Kabinengespräche abspielte.

Heinz-Werner Zwicknagel war auch in Bayern unterwegs. Rasante Spiele, die nicht zu vergleichen seien mit dem heutigen Kommerz, so der „Ruheständler“. Auch an seine eigenen Anfänge erinnert er sich gerne. 1964 leitete er in Ehingen zwei Endspiele des Kinderfestes. So gut, dass er 1966 einen Schiedsrichterneulingskurs absolvierte und in 18 Jahren 1200 Spiele leitete. Es kamen 120 Lehrgänge hinzu, 800 Beobachtungen von Talenten. Immer wieder machte Zwicknagel Vieles möglich, als er einem Kandidaten mit einer körperlichen Behinderung die Prüfung abnahm, indem er die Fragen mit einem Monitor an die Wand warf und der Prüfling die richtigen Antworten auf einem Kärtchen ziehen musste.

Der ehemalige Revierleiter der Polizei leitete im Gefängnis in Stuttgart-Stammheim einen Neulingskurs. Er habe die Teilnehmer, teilweise „schwere Jungs“ nicht als Gefangene behandelt, sondern als normale Sportkameraden, erinnerte sich Zwicknagel und punktete genau damit. Den Leistungstest verlegte er aus Platzgrünmden kurzerhand außerhalb der Gefängnismauern - ohne nach einer Genehmigung zu fragen. Als die Gruppe nach draußen ging heulten die Sirenen auf, da man im Gefängnis einen Fluchtversuch vermutete. Erst als die Genehmigung vorlag, konnte der Kurs als abgehalten notiert werden.

Leibspeise Spätzle

Doch es gab nicht nur schöne Stunden in der Schiedsrichterkarriere des Heinz-Werner Zwicknagel. Als Beobachter musste er 1977 einen doppelten Schienbeinbruch erleben, der ihn mitnahm, weil die Versorgung nur schleppend lief. Trotzdem: Die guten Momente sind ihm in Erinnerung geblieben. Auch eine Anekdote zum „Spätzle-Schiedsrichter“. Ursprünglich aus Schlesien, verschlug es die Familie Zwicknagel ins Schwäbische. Handgeschabte Spätzle kannte man in Schlesien nicht, da aber der junge Heinz-Werner genau die mochte, es fünf Mark für ein Spiel gab, ein Leberkäse 1,90 und eine Halbe 50 Pfennig kostete, blieb genug Geld übrig für die geliebten Spätzle. Etwas anderes mochte Zwicknagel nicht: Ungerechtigkeit. Eine solche sorgt heute für ein Schmunzeln. Zwicknagel pfiff schnell höhere Klassen, 2. Amateurliga, doch dann blieben ihm immer wieder nur Reservespiele. Oft abwechselnd. Eine Woche oben, eine unten. Heute werden die Schiedsrichter mit dem PC auf die freien Spiele verteilt, damals nahmen die Einteiler Notizbücher zur Hand. Die Prozedur wiederholte sich immer wieder. Eine Woche pfiff Zwicknagel oben, eine unten. Der Grund war einfach: Als Zwicknagel „oben“ eingeteilt wurde, hatte der Einteiler nicht genug Unparteiische, eine Woche später teilte der Einteiler wieder ein, aber bis er zum Buchstaben „Z“ vorstieß, waren alle höherklassigen Spiele verteilt. Zwicknagel blieb die Reserve.

Heinz-Werner Zwicknagel selbst denkt in der Stunde des Abschieds an seine Frau Gisela, ohne die dieses Kapitel seiner Lebensgeschichte nicht möglich gewesen wäre. Begleitet haben ihn auch seine Weggefährten: wie Josef Weckenmann, der mit Zwicknagel zwölf Jahre lang die Ü14-Lehrgänge in Ruit leitete. Er war bei Zwicknagels letztem Auftritt im Rahmen einer Schulung in Bad Saulgau genauso unter den Gästen wie Reutlingens Obmann Philipp Herbst und Vorgänger Klaus Rapp. Zwicknagel und Rapp wandern im Bayerischen Wald wandert, gehören wie Gerhard Schmauder und Otto Fauser zu dieser Gruppe. Vom WFV wurde Zwicknagel schon verabschiedet. Als Abschiedsgeschenk erhielt er eine Erinnerungsurkunde, ein paar nagelneue Wanderschuhe und die Verdienstmedaille des Württembergischen Fussballverbandes (WFV).

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