Nach Absage besucht Kunstverein „Verschwindende Welten“ mit Fotos von Rupert Leser

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 Nikolaus Kernbach erläutert seine Arbeitsweise.
Nikolaus Kernbach erläutert seine Arbeitsweise. (Foto: Monika Fischer)
Monika Fischer

Ins Kornhaus nach Bad Waldsee hat die jüngste Atelierfahrt des Kunstvereins Bad Saulgau geführt. Dort schauten sich die Mitglieder die Ausstellung „Verschwindende Welten“ mit Fotografien von Rupert Leser an. Eine weitere Station war das Atelier von Andrea und Nikolaus Kernbach in Aulendorf.

Für die Ausfahrt des Kunstvereins Bad Saulgau hatte das Leitungsteam um die Vorsitzende Regina Dichmann zwei Atelierbesuche geplant, die dem Künstlerpaar Kernbach in Aulendorf und dem Bad Waldseer Maler und Bildhauer Richard W. Allgaier gelten sollten. Nachdem Allgaier das Treffen kurzfristig abgesagt hatte, lud Regina Dichmann spontan ins Bad Waldseer Kornhaus ein. Dort wird augenblicklich die Ausstellung „Verschwindende Welten“ des Fotografen Rupert Leser gezeigt, der über 30 Jahre für die „Schwäbische Zeitung“ in Leutkirch tätig war.

Ungeachtet der Absage des Atelierbesuchs bei Richard W. Allgaier, durch die das Ausflugsprogramm um die Hälfte schrumpfte, machten sich die Teilnehmer der Kunstfahrt auf den Weg nach Aulendorf. Dort haben sich Andrea und Nikolaus Kernbach ein Domizil eingerichtet, das maßgeschneidert ist für das Schaffen beider Künstler. Wer die breite Einfahrt zu Wohnhaus und Atelier betritt, passiert rechterhand eine große Werkstatt, in der Granit in vielerlei Ausprägungen lagert: als Rohling, bereits bearbeitet als Skulptur von eher kleinerem Format, als Schleifstaub, der zu knetartiger Masse verdichtet wurde. Kein Zweifel, hier ist das Reich von Nikolaus Kernbach, der das Handwerk des Steinmetz von der Pike auf gelernt und an verschiedenen Orten, unter anderem auch am Freiburger Münster, ausgeübt hat. Doch nichts konnte den Bildhauer so fesseln wie dem gebrochenen Stein nachzuspüren, dessen natürliche Strukturen zu erkunden und ihm eine Form zu geben, die diesen entspricht. Hierbei arbeitet er mit Schichtungen, Brüchen und Schnitten, deren endgültige Gestalt den Betrachter erstaunen lässt.

Material aus dem Tessin

Kernbachs tonnenschwere Objekte, die teils im Hof lagern, entstehen in einem Tessiner Steinbruch, wo er die ganze Infrastruktur der Gerätschaften nutzen kann. Per Lastwagen gelangen sie dann an ihre neuen Standorte. Auch Andrea Kernbach ist Bildhauerin, die sich, ähnlich ihrem Mann, mit Stapeln und Schichtungen befasst. Ein Gleichklang im künstlerischen Schaffen, der auch zu gemeinsamen Ausstellungen führt. Doch Andrea Kernbachs bevorzugtes Arbeitsmaterial sind Kartonagen von vergleichsweise leichter Struktur. Daneben ist sie für ihre Wicklungen, beispielsweise die faszinierenden Kokons, bekannt, die aus Industriefolien in den Farben rot, schwarz und glasklar entstehen. Ebenso spannend sind ihre kleinformatigen Prägedrucke, für die sie Filzstempel benutzt.

Ihre Experimentierfreudigkeit und ihre Erfahrung gibt sie als Kunstlehrerin an die Schüler des Bad Saulgauer Störck-Gymnasiums weiter. Die nächste Anlaufstelle der Kunst-Ausflügler war Bad Waldsee. Statt zu einer Stippvisite in Richard W. Allgaiers Atelier ging es nun ins Museum im Kornhaus, wo eine Ausstellung mit Fotos des 2017 verstorbenen Rupert Leser „Verschwindende Welten“ dokumentiert. Was als Notnagel gedacht war, entwickelte sich unversehens zum Glücksfall. Hatte Regina Dichmann gerade noch bedauert, dass auf die Schnelle keine Führung zu buchen war, so wurde sie binnen kurzem des Problems enthoben. Die Mengener Künstlerin Ulla Mross, die ebenfalls an der Kunstfahrt teilnahm, hatte nämlich vor Jahren eng mit Leser zusammengearbeitet, indem sie ihn bei den Vorbereitungen zu einer großen Ausstellung unterstützte. Die gemeinsame Zeit war ihr noch in bester Erinnerung, und so beschrieb sie den Menschen Rupert Leser quasi aus dem Stand. Und dies so lebendig und gestenreich, dass sich noch weitere Ausstellungsbesucher dazugesellten.

Fotograf konnte schlitzohrig sein

Offen, freundlich, manchmal schlitzohrig und ein großer Erzähler sei er gewesen. Intuitiv habe er das Wesentliche einer Situation erfasst und im exakt richtigen Moment den Auslöser der Kamera gedrückt. Dazu hatte Ulla Mross auch ein paar Anekdötchen parat. Etwa die, wie begeistert er bei der Gymnaestrada 1961 in Stuttgart die Vorführungen der ranken Turnerinnen verfolgte. Im Anschluss habe er die bulgarische Riege gebeten: Mädla, kommet mol mit raus. I möcht euch vor der Halle fotografiera.“ Dieses Bild bot er der Stuttgarter Presse an, die zuerst ablehnte, dann doch Zugriff und damit Lesers Karriere als Fotograf begründete.

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