Missbrauch ist Mord an der Seele

Lesedauer: 5 Min

Matthias Reinmann von der Württembergischen Sportjugend (rechts) mit Roland Menz.
Matthias Reinmann von der Württembergischen Sportjugend (rechts) mit Roland Menz. (Foto: Anita Metzler-Mikuteit)
Anita Metzler-Mikuteit

Möglichkeiten der Prävention von sexualisierter Gewalt im Sport sind am Montagabend im Mittelpunkt eines Seminars im Stadtforum angesprochen worden. Dazu eingeladen hatte die von Roland Menz initiierte Bad Saulgauer Interessengemeinschaft Sport.

Referent Matthias Reinmann von der Württembergischen Sportjugend redet von Anfang an Klartext. „Missbrauch an Kindern ist gleichbedeutend mit dem Mord an der menschlichen Seele“, sagt er und schiebt hinterher, dass sich bei ihm im Zuge der Einarbeitung in diesen Themenkomplex „Abgründe“ aufgetan haben. Nicht nur aufgrund der Häufigkeit solcher Fälle. Er wurde auch mit den Folgen konfrontiert, die solche Übergriffe bei Kindern und Jugendlichen nach sich ziehen. Das wird unter anderem in der Filmsequenz deutlich, in der ein Betroffener schildert, wie schwer es ist, nach einem Missbrauch in der Kindheit im weiteren Leben irgendwie zurechtzukommen. Nicht selten führt ein solches Erlebnis zum Suizid.

Auch deshalb sind für den Diplom-Sportökonomen die Mehrzahl der Gerichtsurteile im Zusammenhang mit Kindesmissbrauch absolut inakzetabel. Und er macht deutlich, dass es nicht nur im Sport, sondern nahezu in allen Bereichen – und nicht zuletzt auch in der Familie – zu Übergriffen kommen kann. Doch wo fängt sexualisierte Gewalt an? „Das können schon entsprechende Bilder, Gesten oder Worte sein“, so Reinmann. Der Täter nutze seine Macht- und Autoritätsposition, um „auf Kosten der Kinder seine eigenen Bedürfnisse zu befriedigen“.

Dabei sind es nicht nur Männer, die solch Taten verüben. „Und es werden nicht nur Mädchen und Frauen missbraucht, wie es Experten lange glaubten, sondern eben auch Jungs“, sagt der Referent. Dass es sogar Missbrauch an wenigen Tagen alten Babys gibt, verstärkt die Atmosphäre der Fassungslosigkeit im Raum. Umgerechnet finden sich in Deutschland in jeder Schulklasse etwa ein bis zwei Kinder, die Opfer von sexuellem Missbrauch sind oder waren.

„Und das geschieht eben auch im Sport“, weiß Matthias Reinmann, selber aktiver Mannschafts-Sportler. Deshalb legt er den Teilnehmern ans Herz: „Schauen Sie genau hin. Hinterfragen und handeln Sie.“ Wenn ein Kind etwa eine erlebte Situation als „komisch“ beschreibt, müsse man hellhörig werden. Oder wenn es blaue Flecken oder Bisswunden an den Oberschenkeln zeigt. Laut Statistik müsse ein Kind siebenmal einen Erwachsenen ansprechen, bis ihm endlich richtig zugehört und geholfen wird.

Täter sind oft gut integriert

Bei all dem gibt es immer auch einen „Anbahnungsprozess“. „Und da liegt unsere Chance, wenn wir hinschauen“. Reinmann umschreibt auch ein „Täterprofil“, mit dem man aber vorsichtig umgehen müsse. „Die sind meistens besonders engagiert, gut integriert, kommen gut mit Kindern klar und suchen sich vorzugsweise isolierte Kinder aus“. Selbstbewusste Kinder, die nein sagen können, würden ihn „nicht interessieren“. Und an dieser Stelle gibt der Referent auch in seiner Rolle als Familienvater Tipps mit auf den Weg. Kinder sollten, wenn sie beschenkt werden, nie das Gefühl vermittelt bekommen, eine „Gegenleistung“ bringen zu müssen. Und: Geheimnisse darf man ausplaudern, ohne eine „Petze“ zu sein. Weil es „gute und schlechte Geheimnisse gibt“.

Die Veranstaltung war Teil des Präventions- und Schutzkonzeptes des TSV Bad Saulgau. Übungsleiter und deren Helfer sind aufgefordert, ein erweitertes Führungszeugnis vorzulegen. Seitdem seit einigen Jahren Missbrauchsfälle in ungeahntem Maße in nahezu allen Bereichen ans Tageslicht kommen, tut sich auch in den Vereinen viel.

Als erster im Landkreis Sigmaringen hat der SC Sigmaringendorf/Laucherthal ein Gütesiegel für vorbildlichen Kinder- und Jugendschutz überreicht bekommen. „Eine tolle Sache“, sagt Gerd Sturm, stellvertretender TSV-Vorsitzender. Für den TSV wäre dies durchaus ein lohnendes Ziel.

Ihr Kommentar wird nach einer kurzen Prüfung durch unsere Redaktion veröffentlicht.
Kommentare werden geladen
Mehr Themen