Lachsalven wechseln mit berührenden Momenten

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 Sohn Michael (Gerd Plankenhorn), Paul Bogenschütz (Bernhard Hurm) Sohn Manfred (Stefan Hallmayer) Tochter Marlies (Linda Schlep
Sohn Michael (Gerd Plankenhorn), Paul Bogenschütz (Bernhard Hurm) Sohn Manfred (Stefan Hallmayer) Tochter Marlies (Linda Schlepps) und den Facharbeiter Kalle Kleinmann(Berthold Biesinger). (Foto: Monika Fischer)
Monika Fischer

Das Melchinger Theater Lindenhof hat eine Bühnenfassung des gleichnamigen Films „Global Player Wo mir send isch vorne“ in die Bad Saulgauer Stadthalle aufgeführt. Drehbuch, Bühnenskript und Regie stammen aus der Hand von Hannes Stöhr und punkten mit regionalen Bezügen, schwäbischem Dialekt, hohem Lachpotential und aktueller Thematik. Das Publikum war gleichermaßen begeistert von der Inszenierung und den Schauspielern, allen voran von Bernhard Wurm als greisem Firmenpatriarchen Paul Bogenschütz.

Den Melchinger Theatermachern ist es gelungen, mit vergleichsweise einfachen Mitteln eine überzeugende Aufführung zu zimmern. Als Spielfläche diente ein bühnenbreiter, von mahagonifarbenen Wänden begrenzter Raum, dessen hintere Flügeltüren sich in Richtung auf die Burg Hohenzollern öffneten. Damit stand der Handlungsort des Stücks fest: Hechingen und die nahe Alb. Durch wenige Requisiten ließ sich das großbürgerlich anmutende, sparsam möblierte Zimmer zu verschiedenen Orten umwandeln, war einmal Flughafen, Passagierraum eines Flugzeugs nach Shanghai, Fabrikationshalle und der Strand der Insel Jamaika.

Zu Beginn des Stücks befand man sich im Bogenschütz‘schen Wohnzimmer, in dem zu nachtschlafener Zeit eine armselige, vor sich hin brabbelnde Gestalt im weißen Nachthemd herumirrte: der Gründer der einst florierenden Textilfirma Paul Bogenschütz. Den Greis trieb die wirtschaftliche Schieflage seines Lebenswerks um, das ohne den von allen Banken verweigerten Kredit vor die Hunde gehen würde. Eine Situation, die den wirtschaftlichen Wandel der mittelständischen Textilindustrie auf der Schwäbischen Alb thematisierte. Bevor der jetzige Geschäftsführer, Sohn Michael (Gerd Plankenhorn), die Szene betrat, verfrachtete die blonde polnische Agnieschka (Kathrin Kestler) ihren Pflegling zurück ins Schlafzimmer. Den einzigen Ausweg, die drohende Insolvenz zu verhindern, sah Michael - im Gegensatz zu seinem Vater – in der Zusammenarbeit mit einem chinesischen Großkonzern, womit der Autor des Stücks die fortschreitende Globalisierung ins Spiel brachte. Der rüde Ton des trotz seiner Hinfälligkeit großkotzigen Vaters gegenüber seinen erwachsenen Kindern – „Guck it so domm, du Luftpump“ – verwies auf das Problem Generationenkonflikt. Die Angst der Belegschaft vor drohender Arbeitslosigkeit wurde drastisch formuliert durch den Mechaniker Kalle Kleinmann (Berthold Biesinger).

Üppig viele Problemkreise

Angesichts der Fülle von Problemkreisen mag man kaum glauben, dass die Zuschauer sich von der Inszenierung glänzend unterhalten fühlten und eine Lachsalve der andern folgte. Dies ist zum einen den hervorragend gezeichneten Charakteren geschuldet, vor allem dem kauzigen, immer noch von sich überzeugten Senior Bogenschütz „Wo mir send isch vorne“. Als Original anderer Art präsentierte sich dessen ältester Sohn Manfred, der nach dem Rausschmiss durch den Vater als Aussteiger auf Jamaika eine Strandbar betreibt. Eine Paraderolle für den halbnackt herumspazierenden Stefan Hallmayer. Die wohl wichtigste Rolle spielte die schwäbischen Sprache, die mit urigen Ausdrücken inklusive deftiger Schimpfwörter von Seiten des kotzbrockigen Patriarchen gespickt war. Alt-Hippie Manfred dagegen verklickerte dem Publikum seine Vita im Jargon der Siebzigerjahre. Überaus angenehm war die Dialektsicherheit der Ensemblemitglieder, die, wie bei Bernhard Hurm, auch mal regional gefärbt klang. So hörte man „nonz“ anstelle von „nichts“, „noa“, für „nein“.

Allein Linda Schlepps als nach Berlin abgewanderte Tochter Marlies klang nicht ganz authentisch. Dass die Szenen nie in Klamauk abglitten, verhinderten nicht zuletzt die immer wiederkehrenden quälenden Erinnerungen des alten Bogenschütz an die brutalen Erlebnisse während seines Kriegseinsatzes. Inzwischen scheiterten die von Sohn Michael angezettelten Handelsvereinbarungen mit China. Statt eines Deals zum Vorteil beider Seiten legte der Konzern ein knallhartes Kaufangebot vor. Just in dem Augenblick, als die chinesische Delegation ihren geplanten Besuch absagte, starb der Firmengründer. Abrupt fiel der Vorhang und der Autor überließ es dem Zuschauer, die Handlung weiterzudenken.

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