Kirche wechselt Blickrichtung

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Hoffnungsträger steht auf den Einkaufstaschen, mit der die Diözese Rottenburg-Stuttgart für den Prozess „Kirche am Ort – Kirche
Hoffnungsträger steht auf den Einkaufstaschen, mit der die Diözese Rottenburg-Stuttgart für den Prozess „Kirche am Ort – Kirche an vielen Orten gestalten“ wirbt. Das Dekanat Saulgau sucht vor allem den Dialog mit den Menschen. (Foto: Angelika Kamlage)
Schwäbische Zeitung
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Die Diözese Rottenburg-Stuttgart befindet sich im Prozess „Kirche am Ort – Kirchen an vielen Orten gestalten“. Auch das Dekanat Saulgau mit seinen vier Seelsorgeeinheiten in zwei Landkreisen mit insgesamt 30 Kirchengemeinden befasst sich mit den Fragen, wie sieht die Zukunft der Kirche aus, was ist ihr Auftrag? „Dabei sollen aber die Grundwerte der katholischen Kirche erhalten bleiben“, sagt Dekan Peter Müller.

Mit Prozessen kennt sich die katholische Kirche inzwischen aus. 2011 gab es einen Dialogprozess als Reaktion auf die vielen Probleme der Jahre zuvor: fehlende Priester, Kirchenaustritte und weniger Besucher bei Gottesdiensten. Der Prozess „Kirche am Ort – Kirche an vielen Orten gestalten“ ist eine Konsequenz aus dem Dialogprozess, in dem deutlich wurde, dass sich vor Ort etwas tun. 2015 wurde dann nach einer langen Vorbereitung auf Diözesan-Ebene mit dem neuen Prozess begonnen. Bis 2020 soll der Prozess dauern. „Aber er darf auch länger gehen“, ergänzt Dekan Peter Müller.

Philipp Friedel ist seit mehr als einem Jahr Dekanatsreferent für die katholischen Dekanate Biberach und Saulgau. Der 33-Jährige begleitet den Prozess, bei ihm laufen die Fäden zusammen. „Wir wollen mit den Menschen ins Gespräch kommen“, sagt Friedel. Nicht nur mit Menschen, die regelmäßig Gottesdienste besuchen oder in den Kirchengemeinden tätig sind. „Wir wollen den Blick weiten.“ Der Dialog mit der Gesellschaft, mit Menschen außerhalb des kirchlichen Umfelds sei in diesem Prozess wichtig, ergänzt Friedel.

Nöte und Sehnsüchte

Die Seelsorgeeinheit Göge-Donau-Schwarzachtal zum Beispiel entwickelte deshalb einen Fragebogen, dessen Antworten Erkenntnisse bringen soll, was den Menschen an Kirche wichtig ist, welche neuen Schritte die Kirche wagen soll, wie sie erlebbar ist, welchen Nutzwert sie hat, was die Nöte und Sehnsüchte sind. „Es ist wie eine Standortbestimmung, eine Selbstreflexion“, sagt Dekan Peter Müller. Das Ende des offenen Prozesses, so Müller, sei offen, ebenso das Ziel, das nicht klar formuliert werden könne. Oder doch? „Wir wollen mehr Menschen in die Verkündigung des Evangeliums einbinden“, ergänzt Müller, der den Prozess als spannend betrachtet. Kirche, so fügt Friedel hinzu, sei mehr als nur die Kirchturmspitze im Ort. Kirche fängt mit dem Religionsunterricht in der Schule an, Kirche heißt auch Krankenhausseelsorge und Kirche erfüllt caritative Aufgaben wie die Nachbarschaftshilfe oder die Sozialstation.

Große Chance

Das Dekant Saulgau sieht in dem Prozess eine große Chance für die Zukunft – „eine Chance, an der Zukunft mitgestalten zu können“, so Philipp Friedel. Doch der Prozess bleibt ein geistlicher Prozess, ein Prozess, bei dem der christliche Glauben nicht aus den Augen verloren werden dürfe, so Peter Müller. „Die Liebe Gottes muss im Mittelpunkt stehen“, sagt er.

Im Jahr 2016 befindet sich das Dekanat Saulgau noch in der Phase des Findens, in einer Zeit des Experimentierens. Im kommenden Jahr sollen wichtige Erkenntnisse gewonnen werden, „um unser Profil schärfen zu können“, sagt Friedel, der sich als „Servicestelle“ für die Seelsorgeeinheiten bezeichnet.

Er unterstützt die Seelsorgeeinheiten, deren Kirchengemeinderäte hinter dem Prozess stünden, mit Arbeitsmaterialien und Ideen. Teams treffen sich zu Sitzungen, Diskussionen werden geführt, der Besuch bei Sommerfesten von Vereinen wird angeregt und wurde von der Seelsorgeeinheit Göge-Donau-Schwarzachtal umgesetzt, um das Interesse an Kirche zu wecken. Der Erfolg des Prozesses lasse sich schwer messen – „weil es auch um einen Blickwechsel geht, der sich nicht quantitativ so einfach bemessen lasse. Das Dekanat jedenfalls werde versuchen, Träume und Visionen mit Leben zu füllen.

Mehr Informationen über den Prozess gibt es im Internet unter

www.kirche-am-ort.de

www.dekanat-biberach.drs.de

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