Karl-Heinz Otts neue Sicht auf Beethovens Sinfonien

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 Karl-Heinz Ott hangelt sich bei der Eröffnung des Tonkunst-Festivals in seinem Buch an Beethovens Sinfonien entlang.
Karl-Heinz Ott hangelt sich bei der Eröffnung des Tonkunst-Festivals in seinem Buch an Beethovens Sinfonien entlang. (Foto: Monika Fischer)
Monika Fischer

Den Auftakt des Bad Saulgauer Tonkunst-Festivals hat Karl-Heinz Ott am Mittwochabend mit einer musikalisch-literarischen Lesung zum Thema Ludwig van Beethoven bestritten. Der aus dem Raum Ehingen stammende Autor und Musikwissenschaftler macht in der Fachwelt gerade Furore mit einer neuen Sicht auf die Sinfonien des Komponisten. Seine Erkenntnisse hat er in seinem jüngsten, im Februar erschienenen Buch „Rausch und Stille – Beethovens Sinfonien“ dargelegt und jetzt dem Publikum vermittelt, unterstützt durch Tonbeispiele am Klavier.

Der Initiator des Tonkunst-Festivals, Alban Beikircher, begrüßte Karl-Heinz Ott und die Besucher der Auftaktveranstaltung im Foyer der Stadthalle. Sein spezieller Dank galt Frank Eisele von der Schwaaz-Vere-Buchhandlung, der ihn auf Otts Lesung hingewiesen und sie als Programmpunkt empfohlen hatte. Bevor Ott in seine Thematik einstieg, zerstreute er Befürchtungen, er würde die Zuhörer möglicherweise mit musikwissenschaftlichem Vokabular torpedieren. Tatsächlich bettete er Fachausdrücke, wenn sie unumgänglich waren, in Zusammenhänge ein, sodass sie auch für Laien nachvollziehbar waren.

Zwei Stunden freies Reden

Das Programm des Abends umriss er mit den Worten: Erzählen, was in der einschlägigen Beethoven-Literatur nicht angesprochen wird. Dies tat er, indem er sich an den Kapiteln seines Buchs entlang hangelte, die alle neun Sinfonien des Komponisten unter die Lupe nehmen. Dass er dabei knapp zwei Stunden frei, sehr lebendig und ohne Pause redete, war eine Meisterleistung. Doch auch die Zuhörer wurden gefordert. Mussten sie doch sein schnelles Sprechtempo mitgehen und durften sich keinen Konzentrationsaussetzer leisten.

An den Beginn seiner Ausführungen stellte er einen kulturgeschichtlichen Rückblick auf die Zeit vor dem 18. Jahrhundert. Damals war Musik an bestimmte Funktionen gebunden: Entweder begleitete das Orchester eine Singstimme, oder es spielte zum Tanz auf. Reine Instrumentalmusik galt als wertlos und wurde von Kritikern zunichte gemacht. So urteilte der Philosoph Jean Jacques Rousseau, Musik ohne Worte sei krank. Das erklärt auch, weshalb selbst Johann Sebastian Bachs „Goldberg-Variationen“, die ein Privatmann in Auftrag gegeben hatte, damals nie gespielt wurden.

Bevor im 19. Jahrhundert Konzertsäle entstanden, fand Musik in den Palästen statt. Während eines Konzerts dinierte der Adel, führte Gespräche, entspannte im Sessel. Musik hatte schön zu sein, melodiös, verständlich, die Gedanken in „friedlich grüne Auen entführend“. Beethoven leitete eine radikale Wende dieser Ära ein. Seine Musik bricht auf revolutionärer Weise mit der Tradition, ist anstrengend, rauschhaft, verstörend. Plötzlich muss man zuhören statt sich im Sessel zu räkeln. Und er bedient sich ungewöhnlicher kompositorischer Stilmittel, die Karl-Heinz Ott am Flügel durch Hörbeispiele erlebbar machte. Wobei er sich als hervorragender Pianist erwies.

Anstelle von Melodien und Themen setzt Beethoven Akkorde, überrascht durch rhythmische Impulse. Töne spielen eine neue, gewichtige Rolle, ablesbar etwa an den vier Taktschlägen Da Da Da Daaa am Beginn der fünften Sinfonie. Auf Tonarten könnte er eigentlich verzichten, denn er verändert sie ständig, löst sie unerwartet auf.

Chaotisch und grotesk

Die bei Hofe so beliebten Menuette langweilen ihn zu Tode und er parodiert sie in seinen Scherzi. Beethovens Zeitgenossen liefen Sturm gegen seine Musik. Deklassierten sie als chaotisch, barbarisch, grotesk, und nicht nur der russische Dichter Leo Tolstoi forderte ihr Verbot. Der Komponist Richard Wagner dagegen bezeichnete sie als erhaben, während er Mozarts Kompositionen das Prädikat ästhetisch zuordnete. Abgeleitet aus dem Griechischen steht Ästhetik für sinnlich, körperlich und daraus folgend für harmonisch und schön. Erhabenheit dagegen bezeichnet etwas Ideelles, Unsichtbares, das mit Abgründigem zu tun hat und die Menschen verunsichert. Eine Charakterisierung, die nach Karl-Heinz Ott die Musik beider Komponisten überaus treffend beschreibt.

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